In ihren Trauerton,
Die Sommerlust vergehet,
Nichts in der Welt bestehet:
Der Mensch muß endlich selbst davon.“
Auf dem kleinen Friedhof sitzt der tief gebeugte Meister am Grabhügel seiner Frau. Der Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen, am Himmel steht die feine Sichel des zunehmenden Mondes, ein langer Zug von Wandervögeln strebt nach dem Süden, Herbstzeitlosen sprossen im Grase. Das Bildchen ist mit so wenig Strichen, so schlicht und einfach gezeichnet, und wie berührt es uns innerlichst, wie mitempfindet man des Meisters wehmütige Stimmung. Es ist tiefpoetischer Volksliederton, der uns auch hier wie so oft aus seinen Schöpfungen so wohltuend und sympathisch entgegenklingt.
Abb. 90. Der Sperling am Fenster.
Hebels alemannische Gedichte. 1851. (Zu [Seite 63].)
Voller Innigkeit und edler Anmut sind auch die übrigen Bilder, von denen wir zwei in Nachbildungen nach Handzeichnungen bringen: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ ([Abb. 115]); hier zeichnet der Meister sich wieder selbst im Kreise der Seinen bei der Hausandacht, und zu Paul Flemmings herrlichem Liede: „Ein getreues Herz zu wissen, hat des höchsten Schatzes Preis“; die [Abb. 116] ist nach einer späten Wiederholung aus „Altes und Neues“. Weiter folgen die Holzschnitte zu Matthias Claudius’ Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ ([Abb. 117]), zu: „Jesu, komm doch selbst zu mir“ ([Abb. 118]), zu: „Es kostet viel, ein Christ zu sein“ ([Abb. 119]) und zu: „Müde bin ich, geh zur Ruh’“ ([Abb. 120]). Zur „Christenfreude“ zeichnete auch Julius Schnorr die schöne Komposition für das Lied: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt!“ Unser Meister erzählte oft, wie Schnorr in Rom in der Kapelle der preußischen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol, damals der einzigen protestantischen Kirche in der Tiberstadt, mit anderen jungen Künstlern als Kirchensänger bei den Gottesdiensten mitgewirkt und als Vorsänger gerade dieses Lied mit so ergreifender Innigkeit und Gläubigkeit gesungen habe. Diese Komposition malte Schnorr in späten Jahren noch als sein letztes Ölgemälde.
Auch aus dem Jahre 1855 datiert die Zeichnung: „Kunst bringt Gunst“ ([Abb. 121]). 1856 zeichnete Richter zu „Das rote Buch, neue Märchen für mein Kind“, von Julius Stern (Leipzig, Breitkopf & Härtel), ein Titelblatt, überschrieben „Der Spielengel“, ein überaus ergreifendes Blatt. Auf den Untersatzbogen der Originalzeichnung hat er geschrieben: „Der Kindheitsengel besucht den kindisch gewordenen Greis.“ — Der Alte lauscht mit ineinander gelegten Händen dem Englein, das ihm ins Ohr flüstert und nach „oben“ zeigt ([Abb. 122]). In demselben Jahre erschien das „Vaterunser“, eine köstliche Folge von neun Holzschnitten. Wir geben davon drei Blätter: „Geheiliget werde dein Name“ ([Abb. 123]) —: Bauersleute gehen am Sonntagmorgen durchs Gärtchen hinaus zur Kirche, die runden Mädel pflücken sich Rosen, über wogende Kornfelder sieht man in die lachende Landschaft, in der Höhe schwebt ein Engel mit Glöckchen und Weihrauchgefäß — ein liebliches Sonntagsbild, es ist, als hörte man die Lerchen jubilieren. „Dein Reich komme“ ([Abb. 124]): Die Mutter lehrt die Kinder beten, Englein lauschen dazu. Hochromantisch ist die Komposition „Erlöse uns von dem Übel“ ([Abb. 125]): Durch das Fensterchen des engen Stübchens fällt der letzte Strahl der untergehenden Sonne, eine sterbende Mutter auf ihrem Krankenlager streckt die Arme verlangend nach der Tür, in der eine lichte Engelsgestalt mit Wanderstab steht und leise winkt. Die Kinder wehklagen und jammern: das kleinste schaut den Engel erstaunt, aber auch wie vertraut an, im dunklen Wald ein einsames Reh. Ein ergreifendes Bild! Das „Vaterunser“ erschien im Verlage des Schwiegersohnes August Gaber und des Sohnes Heinrich Richter. Später führte Heinrich Richter den Verlag allein, bis ums Jahr 1873 sein Freund Franz Meyer in diesen mit eintrat. Der gesamte Verlag ging dann schließlich in den Besitz von Alphons Dürr in Leipzig über. Heinrich Richter hat (er war ein geistvoller und außerordentlich belesener Mann, auch von großer musikalischer Begabung) dem Vater bei der Inszenesetzung neuer Folgen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Er war es, der Richters Lieblingsidee, „Ein Werk fürs Haus“ zu zeichnen, in die Wege leitete und hat sich um dieses hervorragende Werk wie um die späteren Veröffentlichungen große Verdienste erworben. Dieser Kunstverlag wurde für Vater und Sohn die Quelle wechselseitiger Anregung und befriedigenden Schaffens. Ebenso hat er sich auch um die Herausgabe der Selbstbiographie seines Vaters sowie der Auszüge aus den Tagebüchern sehr verdient gemacht. Er war in Meißen am 11. März 1830 geboren, litt seit frühester Jugend an Melancholie und hat daran schwer zu tragen gehabt. „Durch sein ganzes Leben zieht sich ein Faden menschlichen Mißlingens.“ Er stand mit vielen hervorragenden Männern der Kunst und Wissenschaft in Verbindung und suchte sich auf allen Gebieten der Wissenschaft Kenntnisse zu erwerben, doch sein Innerstes blieb unbefriedigt, sein Suchen und Ringen dauerte fort, und seine Seele litt oft sehr. Der wundervolle 47. Psalm „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ usf. erklang oft in ihm wieder. Er beschloß sein Erdendasein am 12. Juli 1890 in Bad Boll, wo er oft und gern, Ruhe und Frieden suchend, verweilte.
1857 erschien „Aus Ludwig Richters Skizzenbuch“. Zwölf Blatt landschaftliche Studien mit Staffagen, nach den Originalen lithographiert von Woldemar Rau. Die Übertragung auf den Stein durch fremde Hand hat von der reizvollen Zeichnung viel verloren gehen lassen. Annähernd aus dieser Zeit stammt das Fragment zum Märchen „Marienkind“ ([Abb. 126]).