Abb. 119. Es kostet viel, ein Christ zu sein.
Aus „Christenfreude“. 1855. (Zu [Seite 71].)

Eine der romantischsten Kompositionen, aus dem Jahre 1870, ist das „Schneewittchen“ ([Abb. 185]), eine zarte, liebreizende Märchengestalt, die zu des Meisters anmutigsten Gebilden zählt; unberührt und sinnig, halb träumerisch schaut sie auf die Rehe, die aus ihrem aufgenommenen Kleid ihr Futter nehmen. Die landschaftliche Szenerie ist von echter Waldespoesie durchdrungen: Ein trauliches Plätzchen am plätschernden Brunnen, mit Tauben und allerhand Waldvögeln und Eichhörnchen belebt, unter hängenden Rosen windet sich zwischen Felsen ein Treppchen hinauf, oben in der Felsnische hängt ein Glöckchen, draußen dunkler Tannenwald. Die schöne Aquarelle befindet sich in der Nationalgalerie. Der Zufall hat es gefügt, daß eine Wiederholung derselben aus gleicher Zeit, durch das Vermächtnis des Sohnes des Konsuls Wagner (des Stifters des Stammes der Nationalgalerie), auch ebendahin gekommen ist. Einen ersten Entwurf zu der Gestalt des Schneewittchen ([Abb. 186]) und eine Skizze nach der Natur ([Abb. 187]) fügen wir bei.

Abb. 120. Müde bin ich, geh’ zur Ruh’.
Aus „Christenfreude“. 1855. (Zu [Seite 71].)

Zu des Meisters siebzigstem Geburtstage geht ein überaus gnädiges und wohlwollendes Handschreiben mit Glückwünschen vom König Ludwig II. von Bayern ein.

Richters so reiche Phantasie versiegte allmählich: das Augenleiden verschlimmerte sich und machte ihm das Arbeiten fast unmöglich. Trotzdem zeichnete und malte er noch einige wenige Blätter, wenn auch mit großer Mühe und vielfacher Unbequemlichkeit. Aus der Zeit des „Ausklingens“ dieser großen schöpferischen Kraft stammt die Aquarelle „Schlafende Kinder“ ([Abb. 188]), eine freie Wiederholung der Radierung „die verirrten Kinder“ in Scherers illustriertem „Deutschen Kinderbuch“. Auf einer Anhöhe auf grüner blumendurchwirkter Matte schlummern, ermüdet von der weiten und beschwerlichen Wanderung, ein Mädchen und ein Knabe; es ist so einsam und still da droben, draußen ragt über blauen Bergzügen ahnungsvoll ein Schneeberg hervor. Die Aquarelle ist von großer Vollendung in Ton und Farbe.

Abb. 121. Kunst bringt Gunst. 1855. Zu Bürkners Holzschnittmappe. 1858. (Zu [Seite 71].)

Es folgt um 1873 seine letzte ausgeführte Aquarelle „Ruhe auf der Flucht“ ([Abb. 189]), in der Nationalgalerie. Maria, an einem Feuer sitzend, nährt das Kind, sie schaut wie in Gedanken versunken; unter blühenden Fliederbüschen, an die Felswand angelehnt, ist Joseph eingeschlafen, auf einem vorspringenden Felsen sitzen drei singende und musizierende Engel in lichten Gewändern, ein Reh mit Jungen hat sich im Gras gelagert, draußen im Dämmerlicht ein stiller Waldsee, hinter dunklen Baumsilhouetten der Vollmond. — Das ist des Meisters romantischer Schwanengesang. Mit wieviel Mühe, Geduld und Ausdauer hat er an diesem Blatt noch gearbeitet; die Augen wurden schwächer und schwächer und trotz der Lupe wollte es mit dem Arbeiten nicht mehr gehen. Die Verschiebungen in der Zeichnung, die das Augenleiden verursachte, wurden immer stärker und auffallender, die Köpfe der Figuren machten ihm dadurch noch ganz besondere Schwierigkeiten. Der Kopf der Maria wurde so oft geändert und weggewaschen, bis schließlich das Papier durchgerieben war und er tief bekümmert die sonst fertige Arbeit beiseite gestellt hatte; doch wurde hier Rat geschafft, und endlich konnte er dieses Blatt noch vollendet aus der Hand geben. Eine farbige Zeichnung ist vom Meister selbst bezeichnet: „Meine letzte Zeichnung. 1874. L. Richter.“ Am Silvesterabend 1873 schreibt er: „Seit dem Herbst konnte ich nichts mehr arbeiten, die Augen waren zu schwach. Überhaupt fühle ich das Alter, und die Kräfte, Leibes- und Seelenkräfte, nehmen ab.“