32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe.

Eine Tatsache muß zunächst festgestellt werden:

Wenn Maximilian Butziwackel I., Kaiser des Einzelstaates der Rasenameisen und Thronanwärter des allgemeinen Ameisenweltreiches, sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen konnte, geschah es nicht aus Mangel an hervorragender Geisteskraft oder entschlossener Willensrichtung. Sogar jetzt, wo er schon auf der Zunge eines Vogels klebte und gefangen saß im Schnabel eines unbarmherzigen Ameisenwürgers, kam ihm ein rettender Gedanke. Er kauerte sich, so klein er konnte, in seinen Hanfpanzer zusammen, und der Vogel, der statt Max nur mehr das Hanfkörnlein spürte, spuckte dies mißachtend aus, ahnungslos, welch eine gute Ameise da drinnen steckte. Der Wendehals begnügte sich also mit drei statt mit vier Opfern. Max fiel zur Erde, und diesmal segnete er seinen Absturz. Der Wendehals schüttelte gewohnheitsmäßig seinen Kopf und flog weiter, aber Max rief ihm voll heiligen Zornes nach:

»Elender Vernichter unseres edlen Volkes! Mögen die drei Mexikaner dir lebenslang schwer im Magen liegen bleiben!«

Er wandte sich hierhin und dorthin, um die Gegend zu besichtigen und sich zurechtzufinden. Wo war er? Das wußte er, vom Hause der ausländischen Ameisen war er noch nicht weit entfernt, und dies lag ja nahe bei der wellblättrigen Eiche. Diese wieder war dem Hause benachbart, von dem er losgerissen war, und in das er sich unendlich zurücksehnte. Trotz aller dieser richtigen Schlußfolgerungen gelang es ihm doch nicht zu bestimmen, wohin er sich zu wenden habe, um sein Ziel zu erreichen. So lief denn Max ratlos hin und her und kam zu einer Hecke wilder Rosen.

»Da hinauf will ich klimmen, denn von solch hohem Standpunkt aus läßt es sich weit ins Land schauen.«

Gesagt, getan. Er stieg und stieg, schaute von Zeit zu Zeit genau umher, ohne aber irgend etwas Genaues auszukundschaften. Als er die höchststehende Rose erreicht hatte, hielt er an und atmete den süßen Duft ein, der seine Seele mit lindem Trost erfüllte.

Doch was spielte sich denn da im Innern der Rose ab? Max vergaß die Lust am Dufte, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von einer schönen Biene gefesselt, die im Schoße der Blume mit geschäftiger Emsigkeit arbeitete.

Die Biene leckte mit sichtlichem Vergnügen an den Staubfäden der Blume und steckte dabei ihren Kopf tief in den duftenden Kelch. Dann sammelte sie den Blütenstaub und sang eine fröhliche Weise dazu:

»Summ, summ, summ, summ!
So treu wie Gold,
Ein Blümchen klein,
So rein und hold,
Läßt grüßen fein.