43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena.

Nach allen Wechselfällen des Schicksals führte unser entthronter Kaiser jetzt ein ruhiges Dasein in der Verbannung. Er war zufrieden mit seiner einfachen Wohnung und lebte in Eintracht mit seinem Adjutanten. Die einzig drückende Sorge blieb nur die Beschaffung der Lebensmittel; doch auch hier fand sich eine Lösung. An den Wurzeln der Eiche stand ein Rosenstock. Auf seinen grünen Zweigen lebte eine zahlreiche Herde von Blattläusen, die sich willig melken ließen. Nun bestand für die beiden Ameisen keine Gefahr mehr, dem Hungertode zu verfallen.

Oft dachte Max über seine Erlebnisse im Ameisendasein nach. Er verglich seinen Aufstieg zum General und Kaiser mit dem Geschick Napoleons I. und nannte seine Wohnung im Stamme des Eichbaumes St. Helena. Lebte nicht auch Butziwackel I., der Ameisenkaiser, fern von seinem Volke einsam in der Verbannung? Auf seinen häufigen Spaziergängen hatte er überdies Gelegenheit, mit einigen Bienen bekannt zu werden, die ihm zufällig begegneten und von denen ihm schon die Holzwespe erzählt hatte. Auch von dieser erhielt er öfter Besuch, und er unterhielt sich gerne mit ihr auf dem Eichstamme. Sodann schloß er sich freundschaftlich an einige Erdbienen an, geschickte Bergleute, die im Sandboden ihre Gänge gruben. Sehr nette Bekannte hatte er an den Wollbienen und mit einigen Blattschneiderbienen hatte er sogar geschäftliche Beziehungen angeknüpft.

Diese bauen ihr Nest in Baumlöcher und fertigen hier fingerhutförmige, aneinandergereihte Zellen, welche sie aus den Blättern des Rosenstrauches und der Weißbuche und den Blüten des wilden Mohns kunstvoll zusammensetzen. Sie verstehen es, die Blätter so geschickt mit ihren Kieferzangen auszuschneiden, als ob sie mit einer Schere arbeiteten. Weil sie ihr Nest so hübsch auslegen, nennt man die Tierchen auch Tapezierbienen. Eine Art lernte er davon kennen, die grub ihr Nest in die Erde. Es bestand aus einer einzigen Zelle und war mit lauter Blumenblättern ausgefüttert und belegt. Den erweiterten Bekanntenkreis benützte Max, mit Hilfe dieser Freunde sein St. Helena nach und nach besser auszustatten. Von den Blattschneiderbienen hatte er sich eines seiner Zimmer mit Rosenblättern belegen lassen. Wie russisches Leder sahen diese Tapeten aus, nachdem die Blätter ausgetrocknet waren. Sein Schlafzimmer ließ er sich von einer andern Tapezierbiene mit wohlriechenden Blumenblättern belegen und bei den Wollbienen hatte er sich ein weiches Bett bestellt. Darin träumte er von seiner großen Vergangenheit.

Zu seiner Ehre aber muß man sagen, daß er über aller Bequemlichkeit das Notwendige nicht vergaß. Er fertigte selbst eine Haustüre, damit kein Unbefugter und keine gefährlichen Gäste eindringen könnten. Es gelang ihm mit unerhörter Anstrengung und mit Hilfe seines Adjutanten, einen harten Gurkenkern an den Eichenstamm und bis hinauf zu seinem Haus zu schleppen. Diesen brachte er auf eine geistvolle Weise als Drehtüre am Hauseingang an. War die Türe offen, so stand der Kern mit seiner Breitseite halb außen, halb innen am Eingang, der diesen somit in zwei Hälften schied, eine als Eingang für den Kaiser, die andere für Lieferanten und die Dienerschaft. Was fehlte jetzt noch zu einem standesgemäßen Herrschaftshaus? Wollte man die Türe schließen, so drehte man einfach den Kern nach links oder rechts, und beide Eingänge waren dann zugleich abgeschlossen. Diese Art des Verschlusses wurde von allen seinen befreundeten Insekten unendlich bewundert, und die Holzwespe verbreitete überall Maxens Ruf als eines unerreichten Künstlers.

Als sie dies ihm einmal selbst sagte, erwiderte Max, der gerade Arm in Arm mit ihr spazieren ging:

»Ich weiß es wohl!«

Die allgemeine Anerkennung hatte aber wieder alle schlummernden Gedanken an Ehre und Ruhm aufgerüttelt. So erzählte er seiner vertrauten Freundin von seinen Kriegstaten im Ameisenreich und sprach ihr von seinen Plänen, die darauf hinausgingen, eine gesellschaftliche Neuordnung bei den Insekten durchzuführen, die dem Geiste der Zeit besser entspräche. Die Holzwespe trug in einem starken Körper einen kleinen Geist und war deshalb sofort besiegt von des Kaisers warmer Beredsamkeit, die einem Volksredner alle Ehre gemacht hätte. Entzückt rief sie daher am Schlusse seiner Ausführung aus:

»O, einem Kopfe wie dem deinen muß das alles zum Wohle der Völker sicher gelingen!«

»Ich erwähle dich«, sagte Max erkenntlich für dies Lob, »von heute an zur Herzogin von St. Helena.«