»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen Stein in der Nähe unseres Hauses. Wir erkannten, daß es zu uns gehörte.«

Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten Empfindungen. Über eine Weile fuhr Fuska fort:

»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als einen einzigen, herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne machen, dann erschöpft zur Erde stürzen und in Betäubung sein Leben aushauchen. Um als Weibchen zu leben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu gebrauchen, um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern – wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! – oder, trotz Flügel, auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel auszureißen, um ihrer Versuchung nicht zu unterliegen. Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht zu beneiden. Wir geschlechtlose Ameisen aber sind recht die Herren des Hauses. Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt ehrt uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.«

Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max durchaus nicht bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und hoch achtbar war, das sah er ein.

»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr über mein Schicksal beklagen.«

Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie ihm ihre Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt und ernst an und sprach:

»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache, irgend jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie der Schein trügt, und daß Flügel nicht verhindern können, sich auf der Erde den Hals zu brechen.«

»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold, was glänzt!«

Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen ausmarschiert, die eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein führten, um sie an die Luft zu bringen. Mit Interesse folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein wenig plaudern mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!«