Die Ameisen, das sah er klar, sind nicht bloß gute Pfleger, starke Arbeiter, schlaue, kluge Tunnelgräber, sie sind auch große Baumeister. Er stand nicht an, dies laut preisend Fuska als Artigkeit zu sagen.
»Es wäre eine falsche Bescheidenheit«, erwiderte diese mit würdigem Stolze, »dein Lob abzulehnen. Aber ich muß auch gestehen, daß wir Ameisen zwar alle großes Geschick im Bauen haben, trotzdem besitzen wir aber keine bestimmte Bauart, wie z. B. die Bienen. Jeder arbeitet bei uns sozusagen nach eigenem Geschmack und eigener Laune. Auf diese Weise bekommen wir Häuser von unglaublicher Vielseitigkeit, die alle etwas Persönliches an sich haben.«
»Es müßte sehr schwer sein«, bemerkte Max altklug, »eine Geschichte des Ameisenstiles zu schreiben.«
»Riesig schwer! Denke, es gibt außer den verschiedensten Arten unserer unterirdischen Nester auch solche in freier Luft.«
»In freier Luft? Schwebend? Wie merkwürdig!«
»Jawohl! Es gibt Ameisenarten, die bauen ihr Häuschen auf Pflanzenzweige, sie kleben Blätter zusammen als Dach; andere wohnen in Eichengallen, in Felsenspalten, Mauerritzen, sogar im Holz der Bäume.«
»Also Holzschnitzer, nicht wahr?«
»Vollendete!«
»So sind die Ameisen auch Bildhauer«, murmelte Max, und jetzt dachte er erst mit Verständnis an Namen, die ihm einst in der Schule recht langweilig schienen. Da war im Lesebuch von einem berühmten Mann die Rede, der Dante hieß; dieser war zugleich ein Staatsmann, ein Dichter und Gelehrter. Ein anderer hieß Michelangelo Buonarroti; von diesem gab es eine ganze Litanei zu merken: Bildhauer, Maler, Baumeister, Ingenieur, Dichter und Soldat sollte er einst gewesen sein! Und alles mit Note eins! Er hatte es nie recht glauben können, aber jetzt schien es ihm doch eher möglich, nachdem er bei den Ameisen auch so vielerlei Kunst vereinigt sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er auf einen drolligen Einfall geriet:
»Es kommt mir vor«, dachte er, »als ob ich, seit ich Ameise bin, ein großer Mann geworden sei.«