Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort:

»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu jener der Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei Insektenfamilien angehören, die durch Klugheit, Fleiß und geordnetes Zusammenleben vor andern sich auszeichnen: die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei Sippen gibt es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet, von der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis zur riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen den Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern, die ihnen besonders gefallen. Von der häuslichen, rührigen gelben Schwester bis zur frechen südamerikanischen Raubameise, die des Nachts in die Wohnungen der Menschen einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben Pflichten, dieselben Rechte, einer achtet und liebt den andern, und alle sind Brüder einer Familie.« Max sah die Sache ins Breite gehen, und weil er meinte, in der Ameisenschule gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern, hob er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn nicht zu verstehen.

Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort:

»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten Erfahrungen glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser Volk einer leuchtenden, sonnigen Zukunft entgegengeht. Heute sind wir ja noch durch falsche Überlieferungen, irrige Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele Stämme geschieden und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt. Wir kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der Gastfreundschaft, und jede fremde Ameise, die unserem Herde in Zutrauen naht, wird von uns grausam ermordet. Allein wer weiß es, ob nicht doch der Tag erstehe, an dem alle Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren gegenseitigen Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre sinnlose Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend das erste Volk der Insekten werden! Dann werden alle Rassen und Stämme von der Mutilla europaea bis zur Oecodoma cephalotes –«

»Au, au, o weh, o weh!«

Die fremden Namen der Mutilla und der noch schlimmere cephalotes waren Max so auf die Nerven gegangen, daß er sich vor grimmigem Leibweh nach allen Seiten wand.


12. Butziwackel wird erkannt.

Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat vom Steinpult zu Max herab und fragte besorgt: