»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte es längst bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht es dir ganz nett an.«
»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich jetzt deutlich, wie er bei seiner Verwandlung mit letzter Kraft versucht hatte, das heillose Zipfelchen zu verstecken.
»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann kam es zum Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du größer geworden und das Dingelchen ist mit dir gewachsen, doch wie gesagt, es fiel mir gar nicht weiter auf.«
»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in neuer Bestürzung.
»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe dich nur, eine brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst du sehen, wie geehrt du mit dem weißen Fähnlein sein wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska das Zimmer. Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses Schamgefühl abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam ihn Schmerz und Kummer über das herbe Geschick, welches ihn für immer zum Tragen dieser verhaßten Fahne zwang.
»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten Stück meines Hemdes befreien können«, rief er wütend aus. »Als Kind bin ich von Schwester und Bruder ausgelacht worden, und nun werde ich auch den Ameisen zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte ich wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken, aber nun? Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, und ich muß es immer, immerfort tragen. Wie oft habe ich mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen, aber Mutter wollte nicht hören, und …«
Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise geworden, plötzlich zum zweiten Male gekommen und beschäftigte ihn derart, daß er alles andere darüber vergaß.
»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. »Armes Mütterlein, wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, und du weinst jetzt um deinen kleinen Max. Doch sei ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir, daß ich dir beinahe Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so will ich doch immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich habe dich so lieb und möchte dich so gerne sehen und dir Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir hätte, das immer bei mir bliebe!
Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das mir jetzt festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. Um ihr sparen zu helfen, trug ich die alten Höschen, die immer von neuem zerrissen, und so trage ich jetzt zum Andenken an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie bin ich froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt es mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch wenn man's nicht begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« Lachend und weinend zog er jetzt lustig an dem Wackelendchen, das ihm hinten herunterbaumelte und das dem kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte. Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen aus allen seinen hundertdreiundzwanzig Augen.