Wir kommen nun an eine Reihe von Mustern, bei denen zu dem ersten, aus dem Ecke beschriebenen Kreis ein zweiter, aus dem gegenüberliegenden Ecke geschlagener hinzukommt ([Fig. 9.] [10.] [11.]). Die Wirkung dieser Muster ist wieder eine total verschiedene. Es bilden nämlich die Spitzwecken eine Art Netz, in dessen einzelnen Maschen sodann die größeren oder kleineren Rosettchen in der Mitte sitzen, die durch das an den Ecken, die als Mittelpunkt gedient haben, befindliche Ornament gebildet werden.

[Fig. 12] zeigt abermals ein daraus weiter entwickeltes Motiv: dort ist durch eine Diagonale des Quadrates die Hälfte des Spitzwecken abgeschnitten; im Ornament ist jedoch die Form beibehalten. [Das Muster (C)] wirkt sehr reich. Daß die einzelnen Theile nicht vollständig an einander passen, hat in der rohen Handhabung des ganzen Handwerks seine Ursache, läßt aber doch den Grundgedanken des Ornaments unberührt.

Bei [Fig. 13] sind Kreise aus allen vier Ecken, die sich kreuzen, beschrieben. [Die Zusammensetzung (D)] ist gerade hier am überraschendsten. Das unscheinbare Einzelmuster entwickelt sich zu einer interessanten und hübschen geometrischen Zeichnung. Wie bei [B] ([Fig. 8]), so haben die Conturlinien der Plättchen für die Zeichnung allen Werth verloren, ja sie sind gewissermassen eine störende Erinnerung an die Technik.

Ebenso ist es bei [Fig. 14], wo durch zwei Diagonalen eine Anzahl Kreise durchschnitten sind, die nicht aus den Ecken, sondern aus dem Mittelpunkt der Platte und aus dem Mittel der Quadratseiten geschlagen sind. Die Absicht, ein größeres Muster aus gleichen, kleineren Elementen zu erhalten, fällt bei [Fig. 13] und [14] vollständig weg. Es ist im Gegentheil das Muster verkleinert. Aehnlich ist der Fall bei [Fig. 15], nur mit dem Unterschied, daß das im Einzelnen ganz ansprechende Muster in der Multiplikation ein kleinliches, nichtssagendes Bild hervorbringt.

Es führt uns das schließlich zu der Lehre, daß diese Muster mit Vorsicht zu componieren und daß die einfachsten, naturgemäßesten in der Regel die schönsten sind. Man muß sich an die Eigenthümlichkeiten der Sache selbst anschließen und diese künstlerisch zur Geltung bringen, nicht aber darauf ausgehen, unbekümmert um die Technik, ein sonst an sich schönes Ornament herzustellen. Die Mannigfaltigkeit in der Einheit tritt nie besser hervor, als wenn jedes Einzelne das, was ihm eigen ist, charakteristisch hervorkehrt. Darin, daß alle Charakter haben, liegt ein so mächtiges Einheitsband, daß alle noch so divergierenden Formen zusammengebunden werden.

Wir wollten hier nur über ein Ornamentationsprinzip sprechen. Die chronologische Entwicklung, die Verschiedenheit der Durchführung in der Glasur, der eingeritzten oder flach plastischen oder eingetieften Zeichnung werden wir bei anderer Gelegenheit hervorheben, wenn wir auf die ganze Sammlung eingehen und auch die Muster besprechen werden, die nicht aus dem Prinzip der Multiplication hervorgegangen sind. Für die Selbsterfindung dieses Wortes bitten wir um Entschuldigung. Das so erfundene Wort schien das Gestaltungsprinzip am besten zu bezeichnen.

Nürnberg.

A. Essenwein.