A. E.

10) Die medicinischen Classiker Deutschlands. Von Heinrich Rohlfs. Zweite Abtheilung. Stuttgart, Verlag von Ferdinand Enke. 1880. Gr. 8. 566 S.

Für jeden, welcher sich mit geschichtlichen Quellenstudien befaßt und weiß, welchen Zeitaufwand die Herbeischaffung, Durchdringung und Ordnung des Materials verlangt, wenn alle Vorarbeiten fehlen, ist der zweite Band des vorliegenden umfassenden Werkes in unglaublich kurzer Zeit erschienen, freilich nicht zu früh, wenn wir in Anschlag bringen, daß damit nur ein weiterer Schritt zur Ausführung des großen Planes gethan ist, eine vollständige Geschichte der deutschen Heilkunst überhaupt zu liefern. Der neuerschienene Band behandelt die klassischen Vertreter derselben vom Ende des vorigen und aus dem Beginn dieses Jahrhunderts. Wir übergehen hier die Namen derselben, die ja doch nur in Fachkreisen bekannt sind, zu deren Würdigung aber auch der Laie an der Hand des Verfassers sich gerne wird führen lassen. Wir begnügen uns, abgesehen vom entlegenen Stoffe, auf die Vorzüge der wissenschaftlichen Behandlung desselben hinzuweisen, die an sich geeignet ist, jenen näher zu bringen und ein weiter gehendes Interesse zu erregen. Denn bis jetzt hat sich kaum eine Stimme gegen den Irrthum erhoben, in welchem fast ohne Ausnahme die Behandlung der Kulturgeschichte im allgemeinen, wie besonderer Sparten derselben sich befindet, indem sie annimmt, der Gesammtgehalt ihres Gegenstandes habe sich einfach weiter entwickelt und es bedürfe nur einer Darlegung der mitwirkenden Ursachen und der besonderen Gestaltung ihres Erfolges, um unter stillschweigender Voraussetzung der Hauptsache die Aufgabe für vollzogen zu erachten. Und doch überzeugt ein unbefangener Blick sich gar bald, daß jede Entwickelung oft genug von bloßen Zufälligkeiten bedingt und unterbrochen wird und nicht selten die werthvollsten Errungenschaften einer früheren Epoche in späterer Zeit verloren gehen. Was wir als Hauptaufgabe jeder Geschichtschreibung bezeichnen möchten, die positiven Elemente vergangener — keineswegs stets einfach überwundener Bildungsstufen wenigstens für die Wissenschaft zu retten, hat Rohlfs in seinem Buche in glänzender Weise vollzogen. Wir erfahren nicht nur, daß und wie seine Klassiker etwas geleistet, sondern auch und vor allem, was sie geleistet. Er geht dabei so ins Einzelne ein, daß wir uns sehr wundern müßten, wenn nicht auch der reine Praktiker Vieles daraus lernen könnte; seine Schilderungen, in welchen er das Biographische in umfassendem Maße mit berücksichtigt, runden sich zugleich zu so kunstgerechter Plastik, daß, wie bemerkt, auch der Laie sie gerne betrachten und mit Staunen wahrnehmen wird, wie vielleicht in Tagen, in welchen er selbst geboren, ein Heroengeschlecht gelebt hat, das uns als Vorbild dienen könnte. — Kleine Verwechslungen, wie auf Seite 225 der „Inder Sakontala“ statt Kalidaso, sind lapsus calami, die den nicht stören werden, der den Zusammenhang auffaßt.

v. Eye.


Vermischte Nachrichten.

55) Aus Oberfranken. (Höhlen- und Gräberfunde). Der bekannte Forscher Hans Hösch auf Neumühle hat in diesem Winter 4 Höhlen in Oberfranken ausgraben lassen, davon eine im Wiesentthal zwischen Behringersmühle und Muggendorf, zwei im Püttlachthal, eine bei Bärenfels und eine im Ailsbachthal. In sämmtlichen Höhlen fanden sich mehrere Aschenschichten übereinander und in der untersten Schicht Stein-, Knochen- und Hornwerkzeuge und eine Menge zerschlagener und verbrannter Knochen. In einer derselben fanden sich auch in der 2. Schicht 2 Bronzeringe und eine Fibel. Außerdem wurden auch in einer Höhle nur fossile Knochen ausgegraben und die kleineren Knochen Herrn Dr. Nehring in Wolfenbüttel zur wissenschaftlichen Bearbeitung geschickt. Mehrere Grabhügel ließ Herr Hösch bei Geiselhöhe, südwestlich von Pottenstein, öffnen und wurden in einem derselben 2 lange Nadeln, einige Schildbuckeln, einige defekte Gegenstände von Bronze und eine sehr starke, aber ganz roh gearbeitete eiserne Lanzenspitze gefunden. In den übrigen Hügeln waren die Skelette ohne Beigabe. Ebenso war es unmöglich, einen Schädel herauszubringen, da dieselben von den darauf liegenden Steinen ganz zerdrückt waren. Bis jetzt sind ohngefähr etliche 30 Grabhügel von Hösch geöffnet und circa 12 Höhlen und Urwohnungen ausgegraben worden. Zur Zeit werden einige Grabhügel bei Breitenlesau geöffnet.

(Nürnb. Presse, Nr. 113.)

56) Die auf dem Reinhardt’schen Grundstücke vor dem Königsthore in Bautzen vorgenommenen Ausgrabungen sind, wie wir hören, für jetzt geschlossen worden. Die Art und große Zahl der Funde, (außer vielen Bronzegegenständen über 500 Gefäße in ca. 80 Gruppen) haben auch mehrere auswärtige Autoritäten auf diesem Gebiete zu eigener Besichtigung und persönlicher Vornahme der betr. Arbeiten veranlaßt, durch welche soeben festgestellt wurde, daß das früher erwähnte Steinbanquet nicht eine Leichenverbrennungsstätte, sondern ein nur durch solchen Steinbau ausgezeichnetes Grab (wahrscheinlich eines Häuptlings) ist. Es fanden sich darunter verschiedene Urnen und andere Gefäße, welche jedoch durch die Steinlast auffallend gelitten haben, sowie auch Ringe und Nadeln aus Bronze. Uebrigens gewinnen die Funde um so mehr an Interesse, als sie nach dem bewährten Urtheil des Herrn Dr. Voß aus Berlin nicht wendischen Ursprungs sind, sondern von altgermanischen Völkern aus der vorrömischen Kulturperiode unseres Landes, das heißt aus dem fünften bis dritten Jahrhundert vor Christi Geburt, herrühren, mithin über 2000 Jahre alt sind. Ist diese Ansicht richtig, woran bei der Fachkenntniß der genannten Autorität kaum zu zweifeln, so erregt der wohlerhaltene Zustand und die relativ geschmackvolle Ausführung der meisten Fundgegenstände gerechte Bewunderung.

(Zittauer Morgenzeitung vom 9. Mai.)