Professor Dr. v. Sallet in Berlin macht uns darauf aufmerksam, daß die auf [Sp. 179] des Anzeigers reproducierte Handzeichnung des Virgil Solis nicht ganz Original ist. Beide Engelfiguren, welche sich in solch entsprechender Weise gruppieren, sind zwei verschiedenen größeren Compositionen A. Dürers entnommen: der Engel mit der Laute dem Holzschnitte der hl. Familie (B. 97), jener mit der Trompete dem Holzschnitte Maria unter den Engeln (B. 101).

Ein neuer Beweis dafür, daß die Künstler jener Zeit ohne Rücksicht auf Autorrechte ihre Motive nahmen, wo sie solche in brauchbarer Weise fanden, und daß sie auch aus fremden Elementen hübsche und entsprechende eigene Kompositionen zu fertigen verstanden, sowie, daß insbesondere Dürer eine nie versiegende Quelle war, aus der viele schöpfen konnten, ein Fingerzeig aber auch, in welcher Weise wir heute Elemente wieder verwenden können, die von ihren ersten Erfindern in anderer Weise benützt worden waren, wenn wir eben das Verständniß eines Virgil Solis für dekorative Aufgaben mitbringen.

Nürnberg.

A. Essenwein.


Samuel Karoch.[220]

Im Jahrg. 1879 des Anzeigers, Sp. 47 habe ich bemerkt, daß auf der Gymn. Bibl. zu Gotha sich noch ein unbekanntes Sendschreiben dieses merkwürdigen Autors befinde. Nachdem ich nun oben, Sp. 185 ff. seine Leipziger Bettelrede mitgetheilt hatte, schien es mir doch rathsam zu sein, auch diesen Beitrag zu seiner Biographie noch heranzuziehen. Der Direktor der herzogl. Sammlungen, Herr Dr. J. Marquardt, übersandte mir freundlichst die Handschrift auf meine Bitte und zugleich auch das Programm des Gymnasiums von 1860, in welchem H. Habich den manchfaltigen Inhalt derselben genau beschrieben hat.

Einen Theil hat der Besitzer selbst geschrieben, der sich auf dem vorderen Deckblatt Johannes Scentgreff nennt; fol. 251: „Finis libri Senece quatuor virtutum. Scriptum per me Jo. Zentgreff a. d. 1463“; fol. 262 v.: „Finis hujus per me J. Z. a. d. 1497.“

Auf fol. 57 steht nach Samuels bekanntem Dialog inter virum, adolescentem et virginem, mit feiner Glossenschrift, aber großer, starker Ueberschrift: „Dictamen Samuelis ex Lichtenburgk australi in quo procedi docet amantes“, die bekannte Barbaralexis bei Zarncke, Univ. S. 84, Hoffmann, In dulci jubilo, n. 39. Neben vielen Fehlern finden sich auch Verbesserungen; so am Schluß der 4. Strophe (wo auch neyder statt eiferer steht): „ich hoff dastu hunc cognoscas ritum.“ ferner 7, 8: „nym sie vor des Keyssers guth.“ — 8, 7 finden wir das für Samuel charakteristische Ast statt ac. — Während nun Habich dieses Stück übergangen hat, erwähnt er das am Ende stehende Sendschreiben, als dessen Uebersetzer sich Samuel nennt. Es sieht sauber und deutlich geschrieben aus; aber bei der Lesung findet man alsbald eine Fülle der unsinnigsten Fehler; der Schreiber scheint kein Wort verstanden zu haben, und einmal läßt er eine Lücke, hat also eine schwer lesbare Vorlage gehabt. Seine Hand ist von der Zentgrefs verschieden. Der Inhalt, die Schilderung der Leiden der fahrenden Schüler, gewährt uns freilich über Samuels Person keine weitere Auskunft, ist aber als Seitenstück zu Th. Platters Selbstbiographie nicht ohne Werth, wenn auch etwas unflätig, wie das von unserm Samuel nicht anders zu erwarten war. Einer philologischen Behandlung aber ist der Text nicht werth; ich habe stillschweigend zahllose Fehler verbessert, wo mir die Emendation gesichert schien, an anderen Stellen freilich mich mit einem sic! begnügen müssen; doch ist der Sinn überall deutlich genug. Zusätze stehen in eckigen Klammern, da die runden vom Autor selbst häufig angewandt werden.