Zu Bretten in der Kurpfalz lebte einst ein Mann, so bitter arm, daß er Hungers hätte sterben müssen, wenn ihm nicht sein eben so getreues als gescheides Hündchen das Leben gefristet hätte. Dieses lief Tag für Tag bald zu diesem, bald zu jenem Metzger der Stadt, entwendete jedesmal eine Wurst und trug dieselbe seinem Herrn zu. Die Metzger, die längere Zeit hindurch weder den Diebstahl, noch den Dieb gespürt, kamen endlich doch dem Hündchen auf die Schliche und paßten ihm auf. Zuletzt, da dasselbe eben wieder eine Wurst entführen wollte, erwischte deren Metzger das Hündchen, hieb ihm den Schwanz ab und steckte ihm denselben quer ins Maul, so wie es sonst die gestohlenen Würste getragen hatte, dann ließ er es laufen. Das Hündchen aber kam nach Hause, legte, wie vordem die Wurst, so jetzt den Schwanz seinem Herrn in die Hand, streckte sich nieder und starb.

So die ergreifende Sage, aus welcher man die sprichwörtliche Redensart herleiten zu können glaubte: „Er kommet daher, wie das Hündlein von Bretten“, welche Sage uns Heberer (vergl. über diesen die Allgem. D. Biographie) in seiner „Servitus Aegyptiaca“ 1610 zuerst überliefert hat. Ihr will jedoch Wilh. Wackernagel jeden historischen Werth absprechen (vergl. dessen Kleine Schriften I, S. 423–434), weil man nämlich auch in Basel von einem Menschen, der mit dem, was er sagt oder thut, erst hintendrein, wenn alles sonst vorbei ist, kommt, und ebenso von einem Dinge, einem Ereigniß, das erst ganz spät und zu allerletzt, und wenn es eigentlich schon zu spät ist, eintrifft, ganz ähnlich und ebenso sprichwörtlich zu sagen pflege: „Er kommt“ oder „das kommt wie das Hündlein von Bretzwill“ (ein Dorf in Baselland).

Heberer war selbst von Bretten, und so dürfen wir, sagt Wackernagel, annehmen, er gebe die heimische Ueberlieferung mit Treue wieder, und dürften auch geneigt sein, anzunehmen, es sei dieselbe buchstäblich und als wahrhafte Geschichte zu verstehen. „Dem stellt sich jedoch“, fährt er fort, „unser Hündlein von Bretzwil entgegen, welches dem von Bretten durch die Art seiner Thierheit und durch den Namen des Ortes so ähnlich und doch wieder durch Namen und Sinn davon so verschieden ist, verschieden bis zur Unvereinbarkeit, so lange man auf dem historischen Standpunkt bleibt.“

Diesen Standpunkt glaubt nun W. gänzlich verlassen und mit Aufgebung von Bretten in der Kurpfalz sowohl, als von Bretzwil in der Schweiz sich lieber auf den mythologisch-symbolischen stellen zu sollen, „um von der festeren Grundlage aus, welche er gewährt, die Idee zu suchen, unter der die beiden Hündchen sich vereinigen.“ Ich enthebe der ausführlichen philologisch-mythologischen Deduction Wackernagels und als deren Schlußfolgerungen die folgenden Stellen.

„Wo aber (S. 432) ist die erste und eigentliche Heimat des Mythus, und welches ist sein Alter? Wären wir an die Namen Bretten und Bretzwil gebunden, so gäbe die Antwort sich von selbst: wir würden damit auf celtisch-germanischen Boden und, da die älteste Nachricht über das Brittonische Todtenreich[273] sich um das Jahr 400 n. Chr. bei Claudianus findet, bis höchstens in die Anfänge der christlichen Zeitrechnung gewiesen und hierauf beschränkt sein. Indessen wir sind durch nichts genöthigt, uns so zu binden. Vielmehr, da ja auch den Griechen Hund und Hundeschwanz ein Symbol des Todes, da ferner auch ihnen die Vorstellung von einem Todtenreiche jenseit der Wasser und von nächtlichen Todtenschiffern geläufig ist (ich erinnere nur an Charon und an die Phäaken, wie Welcker dieselben geistreich deutet); da sodann auch sie, in Athen, unverkennbar schon aus unserem Mythus von einem Hunde erzählten, der bei dem Opfer des Diomos anstatt einer Wurst das Opferfleisch geraubt und bis nach dem Hügel und Platz des Herakles, dem fortan sogenannten Κυνόσαργες d. i. Hundsweiß (denn der Hund war weiß nach Pausanias) davongetragen; da endlich wiederum sie so mancherlei Dinge von der Erde aus unter die Gestirne ihres Himmels versetzt haben, z. B. gerade auch einen Hund, Mära, das Hündchen des Icarius, das noch als Stern der kleine Hund hieß: nun wohlan, so wird es kein Wagniß, es wird eher eine wissenschaftliche Nothwendigkeit sein, es wird auch dies wieder zum richtigen Verständniß eines bisher stets räthselhaften Ausdrucks helfen, wenn wir in Κυνόσουρα, dem griechischen Namen des kleinen Bären, den Hundeschwanz wieder erkennen, den nach deutscher Erzählung der Metzger in Bretten abgehauen hat...“

„Es wird (S. 434) kaum mehr nöthig sein“, schließt W. seinen Aufsatz, „einen nochmals unterscheidenden und wieder vereinenden Blick zurückzuwerfen und noch einmal eigens hervorzuheben, wie beide Hündchen also die Endlichkeit und den Tod bedeuten, das Hündchen von Bretzwil aber nur eben dies und weiter nichts, das von Bretten aber die Endlichkeit, welche in die Unendlichkeit, das Erdenleben, das durch den Tod in die Unsterblichkeit, in die Ewigkeit hinüberringt und dringt. Ich selbst habe das nur wiederholt, um schließlich besser darauf aufmerksam zu machen, wie sehr die Jetztzeit in dem Gebrauche des Sprichworts: „Es geschieht ihm wie dem Hündchen von Bretten“ abermals fehlgreift; denn sie wendet es auf Fälle an, wo Jemand nach langem, treuem, aufopferungsvollem Mühen zuletzt doch nichts als Unglück erfährt und zu Grunde geht — gerade das Gegentheil der von uns ermittelten Idee des Mythus.“

So unläugbar und anerkannt auch immer die großen Verdienste sind, die Wilh. Wackernagel um die germanistische Philologie sich erworben hat, so hat sich doch auch bei ihm in diesem Falle jenes Zeichen unserer, die Wissenschaft nach allen Seiten ausbeutenden Zeit geltend gemacht, daß man jedem noch so einfachen Dinge einen gelehrten Namen zu geben versucht, leider meist mit der unlöblichen Absicht, damit es mehr scheinen solle, als es ist; wie man denn auch von anderer Seite versucht hat, für diese und andere verwandte Sagen die Quelle in dem Mythus von Juppiter Pistor aufzufinden (vergleiche Lewis, Untersuchungen über die Glaubwürdigkeit der altrömischen Geschichte, übersetzt von Felix Liebrecht, Hannover 1858, II, 266). Uebrigens gebührt die erste Idee, das Hündchen von „Bretten“ mit den alten Brittones oder Britten in Verbindung zu bringen, nicht einmal Wackernagel, sondern einem Sohne des kurpfälzischen Städtchens selbst: Phil. Melanchthon, und der erstere hat dieselbe nur von neuem aufgegriffen und nach seiner Weise weiter ausgeführt. Schon Melanchthon leitete den Ursprung seiner Vaterstadt „ἀπὸ τῶν Βρετανῶν“ her, oder von jenen Britaniern, die einst mit der Helene dem Kaiser Constantius im Kriege folgten, (vergleiche dessen Chron. Carionis, Wittenb. 1588, Lief. IV, p. 451 und Paul Hachenberg, Oratio de laudibus et praestantia Palatinatus ad Rhenum, p. 11 seqq.); und ganz derselben Meinung war auch schon 1593 Abraham Sauer von Frankenberg.[274] Nach Widder’s geograph.-histor. Beschreibung der Churfürstl. Pfalz, 1786, II, 189 erscheint aber unser Bretten als „Bredaheim“ schon im 8. und 9. Jahrh. in den Urkunden des Klosters Lorsch als eine Villa des Kraichgaus, und die allmähliche Verwandlung aus „Bredaheim“ in „Bretten“ vermittelte sich nach üblichem, pfälzischem Sprachgebrauche. (und analog so auch bei nicht wenigen anderen kurpfälz. Ortschaften) also: Bredaheim — Bredheim — Bredhem — Brettem — Bretten. Auch Trithemius in seinem Chron. Hirsaug. (Basil. 1559, Fol.) p. 129 schreibt „Bredheim“.

Nach Sigm. Friedr. Gehres, Kleine Chronik von Bretten (Eßlingen 1805. 8.) S. 8–11 befindet sich das Bildniß eines schwanzlosen Hundes, der zugleich als ein Wahrzeichen der Stadt gelte (ein anderes Wahrzeichen der Stadt vergl. S. 27) außerhalb des Chores der St. Laurentiuskirche,[275] und man pflege „seit unfürdenklichen Zeiten“ in der ganzen umliegenden Gegend von einem „der entweder seinen Proceß verspielt oder überhaupt in irgend einer Sache den Kürzeren gezogen hat,“ ironisch zu sagen: „Er kommt daher wie das Hündchen von Bretten“. Nachdem er sodann auch eine andere fabelhafte Nachricht über die Ursache dieser Darstellung wiedergegeben, wornach einst die belagerten Einwohner, um den Feind über ihre Noth zu täuschen, (ähnlich, wie andere Belagerte durch einen meckernden Schneider sich zu helfen suchten) einen fetten Hund über die Mauern der Stadt in das feindliche Lager hätten springen lassen, der aber mit abgehauenem Schwanze wieder in die Stadt zurückgeschickt und dessen Bildniß später, nach Abzug der Feinde, zum Andenken dieser Geschichte in der Kirche postiert worden sei, und nachdem er noch einer weiteren Sage erwähnt, daß der Baumeister der Kirche einen Hund in seinem Wappen geführt und mit jenem Hündchen, das er außerhalb des Kirchenchors ausgehauen, nur sein Andenken bei der Nachwelt zu verewigen gesucht habe, — gibt Gehres (S. 10–11) die, wie ich glaube, einzig richtige, auch „durch die allgemeine mündliche Tradition“ gestützte Erklärung. Zu jenen Personen nämlich, welche zum Bau der Laurentiuskirche sehr beträchtlich beisteuerten und stifteten, gehörten ganz besonders die Freiherren von Hundheim, von deren Geschlechte auch mehrere in einem Grabgewölbe beigesetzt sind. Hiefür wurde ihnen, und besonders, weil sie einen Hund als Sinnbild ihres Namens in ihrem Wappen führten, durch das besagte Bild eines Hündchens an der Kirche gleichsam ein Denkmal der Dankbarkeit errichtet. Daß dieses Hündchen zufällig ohne Schwanz erscheint, ist nebensächlich; auch liebten es bekanntlich die Baumeister des Mittelalters, an den Steingebilden ihrer Bauwerke Spott und Satire walten zu lassen. Uebrigens kursierte im 17. Jahrh. die Redensart auch in einer anderen, indecenten Fassung: „Das heisst auff die Bulschafft gange, wie Herr Hündlein von Bretten, dem der Boldrian an der Thür hangen blieb.“ Bernh. Hertzog, Schildwach (o. O. 1657. 8.), Bl. A viij b. Vergl. auch Reinsberg-Düringsfeld, Internationale Titulaturen I (Leipz. 1863. 8.) S. 73–74.

Edenkoben.

J. Franck.