10) Leben und Kunstleistungen des Malers und Kupferstechers Georg Philipp Rugendas und seiner Nachkommen. Von Heinrich Graf Stillfried. Berlin, Carl Heynemann’s Verlag. 1879. 8. 184 Stn.
Unter den Kupferstechern des 17. und 18. Jahrh. nimmt der Augsburger Meister, dessen Leben und Werke den Inhalt des vorliegenden Buches bilden, eine hervorragende Stelle umsomehr ein, als er Lehrer des geschätzten Elias Ridinger und auf dessen Entwickelung von hervorragendem Einflusse war. Er war Schlachtenmaler. Seine Gemälde scheinen jedoch zu seiner Zeit wenig Anerkennung gefunden zu haben, so daß er um so thätiger auf dem Gebiete des Kupferstichs war, insbesondere das Gebiet der Schwarzkunst pflegte, welches damals in Augsburg eine Reihe von Vertretern hatte. Seine Söhne und Enkel folgten ihm auf dem Gebiete der Kunst, und erst vor wenigen Jahren ist der letzte Vertreter dieser Künstlerfamilie gestorben. Wie Ridinger den Jägern und Jagdfreunden, ist der alte Rugendas und seine Familie den Freunden des Kriegshandwerkes lieb und werth als der treue Schilderer des Kriegswesens, der uns ins Getümmel der Schlachten, wie ins Lagerleben führt, und dessen lebendige Darstellungen die malerische Schönheit auch der grassesten Scene uns zeigen. Die große Zahl der Blätter des ersten Meisters und seiner Nachkommen ist hier aufgezeichnet, und zwar zunächst 36 Kupferstiche und Radierungen des Meisters, sodann 125 Blätter anderer Stecher nach seiner Komposition, ferner gegen 100 Stiche der Nachkommen, 126 Schwarzkunstblätter des Meisters, 204 Schwarzkunstblätter anderer Meister nach seiner Composition; einige Schwarzkunstblätter der Nachkommen bilden den Schluß. Daß das Verzeichniß nicht absolut vollständig, geht daraus hervor, daß noch ein Nachtrag sich schon direkt dem Buche anschließen konnte.
Die Anordnung ist derart getroffen, daß der Sammler seine Blätter darnach ordnen kann. Dadurch ist das Buch sehr dankenswerth geworden. Die Blätter sind genau beschrieben, nicht zu weitläufig und doch erschöpfend, so daß bei der Katalogisierung einer Sammlung statt weitläufiger Beschreibung stets die Nummernangabe des Stillfried’schen Buches genügt. Welch große Erleichterung dies ist, weiß jeder Verwalter einer Sammlung und wird deshalb dem Verfasser Dank wissen. So kann das Buch in keiner Handbibliothek einer Kupferstichsammlung fehlen.
11) Der Formenschatz, eine Quelle der Belehrung und Anregung ...... herausgegeben von Georg Hirth. 1879. Heft I-XI. Verlag von G. Hirth in Leipzig.
Unter dem Titel der Formenschatz der Renaissance hatte der Herausgeber 20 Hefte mit 282 Blättern Abbildungen veröffentlicht, welche vornehmlich die Ornamentstiche und Holzschnitte der Meister des 16. Jahrh. wiedergeben. Derselbe hatte dabei vorzugsweise die Absicht, dem heutigen Kunstgewerbe die große Fülle jener Motive vor Augen zu führen, welche einst die Künstler des 16. Jahrh. für die Gewerbtreibenden ihrer Zeit geschaffen und die so wesentlich zur Blüthe des Kunstgewerbes im 16. Jahrh. beigetragen haben. Er wollte aber vor allem diese Motive populär machen, und deshalb mußte eine Vervielfältigungsart gefunden werden, welche die größte Billigkeit möglich machte. Dazu eignet sich denn auch ganz vorzüglich die Uebertragung der Photographie auf eine Metallplatte und Aetzung derselben für die Buchdruckpresse. Diese neue Technik, die da und dort unter verschiedenen Namen, wie z. B. Aubeldruck[285], auftauchte, im allgemeinen als „Zinkhochätzung“ bezeichnet wird, lässt eine ganz treue Wiedergabe des Originales zu und gestattet, mit größter Schnelligkeit zu drucken, so daß die Herstellungskosten sehr gering sind. Mit Recht läßt sich daher diese Publikation als eine Volksausgabe der Formenklassiker bezeichnen; denn trotz der sehr stattlichen, angenehm ins Auge fallenden Erscheinung der Blätter konnte für die 232 Blätter ein Ladenpreis von nur 20 Mark festgesetzt werden, ein bis dahin in der Illustrationsliteratur unerhört geringer Preis für ein gediegenes Prachtwerk. Dieses Werk geht aber weit über die ursprüngliche Absicht des Herausgebers in seiner Wirkung hinaus. Nicht nur der Handwerksmeister, der Geselle und Lehrling erhält klassische Vorlagen, das ganze Publikum und vor allem die Gebildeten werden hier mit der Formenwelt innig vertraut gemacht, die ihnen vorher eben nur ahnungsweise bekannt sein konnte. Selbst der Forscher auf kunstgeschichtlichem Gebiete erhält zu bequemem, handlichem Gebrauche eine Fülle von Material in vorzüglichster Wiedergabe zusammengestellt, das er früher weit zerstreut suchen mußte. Welche Kupferstichsammlung enthält an Originalblättern auch nur eine entfernt vollständige Sammlung dieser Formenklassiker? Hier kann sie nach und nach in Vollständigkeit geboten werden, und die vergleichende Forschung hat allen Grund, der neuen Technik dankbar zu sein.
Allein weshalb sollte sich die Publikation auf das 16. Jahrh. beschränken? Bietet nicht die frühere Zeit gediegenes Material? Bietet nicht die spätere noch so Vieles, was heute, wo, ohne eigenen Stil, das Kunstgewerbe in allen erdenklichen Stilen arbeitet, dem Meister nothwendig und willkommen ist? Kann nicht auch dem Forscher derselbe Dienst für andere Zeitperioden geleistet werden?
Die Beantwortung dieser Fragen mußte es dem Herausgeber nahe legen, die Beschränkung fallen zu lassen, und so hat er sein Unternehmen, unter Abschluß des Formenschatzes der Renaissance zu einem zweibändigen Werke, unter dem neuen Titel als Zeitschrift organisiert, von der der Jahrgang 1879 den ersten Band bilden soll, und die auch als französische Ausgabe unter dem Titel l’art pratique erscheint. Bereits liegen 11 Hefte vor, in denen alle Zeitperioden Berücksichtigung gefunden haben, und die 134 Blätter enthalten.
Der Text ist auf je wenige erläuternde Worte auf dem Umschlag der Hefte beschränkt, die wol am Schlusse des Bindens wegen, wie dies auch beim ersten Unternehmen geschehen ist, auf einige Blätter zusammengedruckt werden. Daß auch der Preis der Zeitschrift ein ähnlich billiger ist, beruht auf der Grundabsicht des Unternehmens.
Fußnote:
[285] Auf diese Weise ist z. B. die Abbildung auf Sp. 105 u. 106 des vorigen Jahrganges unseres Anzeigers hergestellt; inzwischen hat natürlich die neue Technik in Bezug auf Reinheit der Wiedergabe noch große Fortschritte gemacht.