Die Fülle des Materials erstreckt sich aus fast alle Zeiten vom 10.-17. Jahrh. — allerdings ist die älteste Zeit weniger reich vertreten als die spätere — und auf alle Gebiete des Lebens. Wir greifen hier in Fig. 1 nur ein Motiv heraus. Es ist einem hebräischen Manuscripte, einer Hagada vom 14.-15. Jahrh. entnommen: ein Zug wandernder Leute, wie sie oft die Landstraßen bevölkert haben mögen, zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen, von bewaffneten Fuhrleuten geleitet, theilweise selbst Waffen tragend, die Frauen hinter den Männern auf dem Pferde, die Kinder, soweit sie nicht selbst schon mit dem Stabe wandern, auf dem Kopf und in Rückenkörben getragen, das Gepäck theils in Ballen auf dem Kopfe der Wanderer, theils auf Maulthiere geladen. Es ist kein Kunstwerk, das uns in den rohen Zeichnungen entgegentritt, die im Originale noch roher coloriert sind; aber welch lebendiges Bild zeigt sich uns, sicher werth, als Beitrag zur Kulturgeschichte veröffentlicht zu werden. Und solcher Bilder sind es genug! Es ist gleichfalls eine außerordentlich flüchtige Zeichnung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrh. in Fig. 2 aus einem Manuscripte von Konrads von Würzburg trojanischem Kriege, die uns das Beladen eines Schiffes, das Leben am Meeresufer zeigt. Aber auch mehr in das Einzelne führt uns manche Zeichnung. Ist es nicht eine reizende Zeichnung (Fig. 3), die eines Doppelpokales mit dem Monogramm IM., das Israel von Meckenen führt, wobei der kulturgeschichtliche Werth nicht berührt wird durch die Frage, ob die Zeichnung von der Hand dieses Meisters herrührt.
Fig. 4.
Die interessanten Vorlagen für Goldschmiede, Gürtler und andere Handwerker aus dem 16. Jahrh. erfreuen sich gerade heute besonderer Beachtung von Seite der Propaganda für Veredelung des Kunstgewerbes; sie sind aber auch interessante Beiträge zur Kulturgeschichte. Die in Fig. 4 abgebildete Schnalle, welche Theodor de Bry gestochen, läßt uns lebhaft wünschen, daß jede andere Einzelheit der Tracht uns ebenso genau gezeichnet vorläge, so dass manche Frage der Kostümgeschichte gelöst wäre, welche heute noch offen ist.
Die Ausbeute dieses reichen Schatzes wird, selbst wo Aehnliches aus andern Quellen schon veröffentlicht ist, doch sicher dem Freunde der Kulturgeschichte hochwillkommen sein; und so rechnen wir auf freundliche Aufnahme, wenn wir nach und nach Vieles daraus bringen. Auch auf die hier gegebenen Beispiele werden wir zurückkommen.
Nürnberg.
A. Essenwein.
Raritäten eines schlesischen Kirchenschatzes.
Im Anzeiger von 1874 habe ich bereits einige Inventarien der Pfarrkirche ad SS. Wenceslaum et Stanislaum zu Schweidnitz veröffentlicht, ohne dabei auf einige Merkwürdigkeiten einzugehen, über welche ich anderweitige Angaben hier und da verzeichnet gefunden. Die wichtigeren davon seien nunmehr im Folgenden zusammengestellt.