In den „Neuen Mittheilungen aus dem Gebiete histor.-antiquar. Forschungen“, herausgegeben vom Secretair des thüringisch-sächsischen Vereins für Erforschung des vaterländischen Alterthums, Dr. K. Ed. Förstemann, Band 1 (1834), Heft 2, S. 101–116, veröffentlichte Dr. Wiggert einen Aufsatz, betitelt: „Hindeutungen auf den Unterschied zwischen den irdenen Gefäßen des heidnischen Deutschlands und Gefäßen des christlichen Mittelalters, auf vorgekommene Verwechslungen und auf die Einmauerung solcher Gefäße in Kirchen“. In diesem Aufsatze weist derselbe nach, daß „Gefäße aus dem vorchristlichen Deutschland, seien es Aschengefäße oder Beigefäße — höchst seltene Ausnahmen aus der Fremde gebrachter Gefäße abgerechnet, — sämmtlich ungebrannt sind, daher in der feuchten Erde bröckelig, äußerlich nach Verschiedenheit des Thones gelblich, grau oder schwarz, seltener schwarzblau, weiß oder ziegelroth, viel häufiger matt, als mit einem glänzenden Ueberzug von Graphit oder einem dunklen Schwarz, im Bruche (wenigstens nach der Mitte desselben zu) mehr oder weniger schwarz und mit Sand und Quarzkörnern und bindender Asche durchwirkt, nicht auf der Scheibe, höchstens einer sehr unvollkommenen, vielmehr aus freier Hand, in seltenen Fällen vielleicht mit Hülfe einer Form gemacht. Die Verzierungen sind entweder mit dem Fingernagel hergestellt, oder mit einer Art Stempel hineingedrückt, oder mit einem Stifte von Holz oder Knochen, oder mit einem gekerbten Holze gezogen, oder mit einem spitzen Eisen eingepunktet. Wären nun nur die Aschenurnen ungebrannt, so könnte man annehmen, daß sie immer bei einem Leichenbrande erst verfertigt und deshalb nicht gebrannt wären; aber auch die anderen Gefäße, in denen man ganz deutlich abgenutzte Wirthschaftsgeräthe erkennt, sind aus derselben Masse.
Genau davon zu sondern sind manche Gefäße aus dem christlichen Mittelalter, namentlich des 12.-15., besonders aber des 13. und 14. Jahrhunderts. Diese sind auf der Scheibe gedreht, von Masse außerhalb und im Bruche blaugrau, seltener bräunlich, hart gebrannt, oft von sehr dünnen Wänden, meist mit parallelen und oft sehr zahlreichen, dicht aneinander schließenden Ringen versehen“.
Wenn auch Wiggerts Charakterisierung der heidnischen Gefäße nicht vollkommen zutrifft, so gehört doch offenbar unser Gefäß zu den mittelalterlichen. Es ist klingend hart gebrannt, auf der Scheibe gedreht, von Masse außerhalb und im Bruche blaugrau, von dünnen Wänden und mit dicht aneinander liegenden, parallelen Ringen versehen. Somit würde die technische Behandlung den Ursprung desselben in das christliche Mittelalter verweisen.
L. Hänselmann stellt uns in einem Aufsatze: „Die vergrabenen und eingemauerten Geschirre des Mittelalters“ (Westermann’s Monatshefte 1877, Heft I, S. 393) eine Anzahl solcher Gefäße zusammen. Dieselben sind entweder mit einem Fuße versehen, zum Hinstellen geeignet, oder mit einem kugeligen oder kegeligen Boden. Erstere sind ihrer Form nach leicht als Becher, Leuchter, Kannen u. s. w. zu erkennen, während letztere als Kochgeschirre gedient haben mögen. Ferner kommen noch Gefäße vor, welche an dem kugeligen Boden etwa 3–4 Cm. lange, zapfenartige Füße zeigen, wie sie heute noch an eisernen Kochtöpfen auf dem Lande, welche am Kesselhaken über dem Herdfeuer hängen, vorkommen. Mit keinem dieser Geschirre hat unser Gefäß eine Aehnlichkeit, und keinem Bedürfnisse des täglichen Lebens, zu welchen jene verwendet worden sein mögen, kann dasselbe gedient haben. Das Befremdende und zugleich Charakteristische daran ist der entschieden nach rückwärts abstrebende Stiel, welcher seine Verwendung als Hausgeräth zu vorerwähnten Zwecken, ganz abgesehen davon, daß das Ganze viel zu winzig dazu ist, nicht zuläßt.
Wir bemerken an der Vorderseite einen Bruch, welcher auf das Vorhandengewesensein eines Henkels oder eines andern Ansatzes schließen läßt. Unter dieser Bruchstelle befindet sich ein Loch, welches nicht zufällig, etwa erst durch die jetzt vorhandene Beschädigung entstanden, sondern absichtlich in die noch weiche Masse hineingebohrt ist, was der von außen nach innen gedrückte Thon beweist. Daraus ergibt sich, daß an der Bruchstelle kein Henkel, sondern der Halter einer Tülle sich befand, da das Loch unter einem Henkel nur als Oeffnung einer Tülle einen Sinn gehabt hätte. Um den Bauch des Gefäßes laufen parallele Ringe, welche auch unter der Tülle, unbekümmert um das Loch, sich hinziehen. Der untere Theil, mit der Neigung sich zu einem kugeligen Boden auszubilden, verlängert sich plötzlich zu einem Stiele, welcher energisch nach rückwärts abstrebt. Der Umstand, daß die Ringe unter der Bruchstelle hinlaufen, beweist, daß die Tülle für sich gefertigt ist. Man hat also das Gefäß auf der Scheibe angefertigt und mit Ringen versehen, den Stiel unten mit der Hand ausgebildet, welches die unvollkommene Form zeigt, hat dann mit einem runden Stäbchen vorne ein Loch durchgestoßen und die für sich gefertigte, durchbohrte Tülle davor angebracht. Die unvollkommene Form des Ganzen zeigt, daß es beim Brennen verdrückt ist.
Daß das Ganze nicht zum Aufbewahren einer Flüssigkeit gedient haben kann, oder als Kochgeschirr benutzt wurde, ist klar; wol aber wird man es als Beleuchtungsgegenstand, als Lampe verwendet haben. Man hat zu dem Zwecke durch die Tülle einen Docht, und durch diesen oberhalb der Tülle einen Stift gezogen, um das Niedergleiten des Dochtes zu verhindern, hat dann den Bauch des Gefäßes mit Oel gefüllt und diese so hergestellte Lampe mit dem Stiel in ein Loch der Wand oder in einen an derselben befestigten Ring gesteckt, nach Art der alten Fackelbeleuchtung. Die Dicke der Bruchstelle des Stiels läßt eine solche Verlängerung wohl zu. Dasselbe Lampenmotiv wird noch heute vielfach auf dem Lande, in Blech ausgeführt, verwendet, wo ihm dann ein Fuß zum Stehen gegeben ist.
Daß in dem alten Rathhause nicht mehr Derartiges gefunden ist, erklärt der Umstand, daß bei dem Umbau desselben an den vorhandenen Wänden gar nichts geändert wurde. Dieses Gefäß ist nur durch einen Zufall, nur dadurch, daß ein Arbeiter mit einem schweren Holze aus Ungeschicklichkeit gegen die Wand stieß, zu Tage gefördert. Wohl ist es auf den ersten Blick befremdend, daß nicht schon an anderen Orten dergleichen Thonlampen, wenn anders solche im Gebrauche waren, sich vorgefunden haben. Wenn wir aber bedenken, wie wenig von dem thönernen Hausgeräthe unserer Altvorderen auf uns gekommen im Verhältniß zu der Masse, die das damalige Bedürfniß erheischte, wenn man mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, daß die Erde noch so manches derartige Gefäß birgt, dessen Form uns neu und von dessen Gebrauch uns keine Kunde geworden, so darf der Umstand, daß dieses Gefäß nur einmal bisher vorkommt, uns nicht daran irre machen, daß wir es hier mit einer thönernen Lampe aus dem christlichen Mittelalter zu thun haben. War zu dieser Zeit die Beleuchtungsweise doch noch im allgemeinen eine primitive, und war es doch nur dem Reichthume möglich, sich schöngeformter Beleuchtungsgegenstände aus Metall zu bedienen, so liegt ja der Gedanke nicht so fern, daß die Armen sich ihre Lampen, gleich dem übrigen Hausgeräthe, aus Thon fertigten und sich dabei im allgemeinen an die germanische Urnenform anlehnten. Leicht herzustellen und nicht kostbar, brauchte man derselben nicht sorgsam zu achten, da ja eine zerbrochene oder abgenutzte sich leicht und ohne große Kosten durch eine neue ersetzen ließ.
Wie aber kam nun diese Lampe in die Mauer des alten Rathhauses? Schon Wiggert glaubte den Brauch, Gefäße einzumauern, auf eine abergläubische Handlung zurückführen zu müssen, welche Vermuthung ein Jahr später (1835) durch Jacob Grimms deutsche Mythologie bestätigt wurde.
Es hatte die Alterthumsfreunde in eine nicht geringe Aufregung versetzt, als bald hier, bald da, in Mauern und Fundamenten, bald sichtbar, bald verdeckt, in Kirchen und Profanbauten, Thongefäße gefunden wurden, welche theils aufrecht standen, theils lagen, oder auch mit der Oeffnung nach unten gestellt, bald mit Asche, Knochenresten oder Eierschalen, bald mit Sand gefüllt oder auch ganz leer waren.
Man fragte sich nun immer wieder, was hatte das Einmauern überhaupt zu bedeuten, da die abweichenden Lagen der Gefäße und die manchfachen Dinge, mit denen sie gefüllt waren, viele und ganz verschiedene Deutungen zuließen. Es waren ohne Zweifel heidnische Bräuche, welche sich bis ins christliche Mittelalter fortgeerbt und christliche Deutung erfahren, nachdem sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hatten.