Jacob Grimm berichtet uns nur über das Einmauern überhaupt in seiner „deutschen Mythologie“, daß man beim Bauen lebendige Thiere oder auch Menschen mit in den Grund gemauert habe, um der Erde dafür ein Opfer zu bringen, daß sie die Last auf sich dulde; man wähnte dem Gebäude dadurch eine unerschütterliche Festigkeit zu verleihen, oder sonstige Vortheile zu erreichen. Nach dänischer Ueberlieferung wird unter den Altar ein Lamm eingemauert, damit derselbe unverrückt stehen bleibe. Langes, gutes Wetter wird durch Einmauern eines Hahnes zuwege gebracht. Bei Viehseuchen wird ein Stück der Herde unter die Stallthür lebend begraben. Auf der Burg Liebenstein wurde ein lebendes Kind eingemauert (Bechstein, thür. Sagenschatz 4, 157). In der Ringmauer des Schlosses Reichenfels ist ebenfalls ein lebendes Kind eingemauert: „ein hervorragender Stein bezeichnet die Stelle; wollte man ihn herausreißen, würde die Mauer alsogleich zusammenstürzen“ (Jul. Schmidt, p. 153).
Wir sehen an diesen Beispielen, welche Grimm nur neben vielen andern anführt, wie der Aberglaube dunklen Mächten ein Sühnopfer brachte. Fortschreitende Humanität ließ von Menschenopfern absehen, und man mauerte dann symbolisch nur leere Särge ein (Spiels Archiv I, 160). Nur vom Einmauern irdener Gefäße berichtet uns Grimm nichts. Daß dieselben aber eingemauert sind und in diesem Sinne eingemauert sind, beweist eine Stelle in Ariostos „Orlando furioso,“ auf welche uns Hänselmann in seinem schon oben erwähnten Aufsatze aufmerksam macht. Im vierten Gesange des rasenden Roland singt Ariost von einem Zauberschlosse in den Pyrenäen, auf dem Atlas seinen Schützling Rudiger gefangen hält, um ihn vor drohender Gefahr zu bergen. Bradamante folgt der Spur des Geliebten; durch die Kraft eines Zauberringes von ihr besiegt, muß Atlas seine Gefangenen freigeben, sein Werk zerstören. Diese Zerstörung bewirkt er nun dadurch, daß er die Ollen, die Gefäße, die der Stein birgt, zertrümmert. Von Hermann Kurz übersetzt, lautet diese Stelle:
„Die Schwelle ruht auf einem Felsenstollen,
Auf dem ein Talisman geschrieben stand;
Gefäße birgt der Stein, man nennt sie Ollen,
Sie rauchen stets von innerlichem Brand.
Zerbrochen läßt er sie zu Boden rollen,
Und öd’ auf einmal steht die Felsenwand:
Die Mauern und die Thürme sind geschwunden,
Als hätte nie sich hier ein Schloß befunden.“