Auch hier sehen wir, wie die Ollen das Bestehen des Schlosses bedingen. Wo wir also solche Gefäße finden, sei es in den Fundamenten, sei es in den Mauern selbst, werden wir es mit einem Bausegen zu thun haben.
Es war natürlich, als eine mildere Sitte Menschenopfer nicht mehr zuließ, als man nur noch symbolisch leere Särge einmauerte, daß damit auch bald das Einmauern lebender Thiere in Wegfall kommen mußte. Wie man nun die geheimnißvollen Mächte sich eben so willfährig machte mit symbolischen Menschenopfern, so genügte auch jetzt ein Theil vom geschlachteten Thiere, also ein gewöhnliches Thieropfer, um den Bau vor Schaden zu bewahren. Das Thieropfer, welches vorzugsweise Krieger und Jäger darbrachten, galt als besonders kräftig, während der Landmann Erzeugnisse des Feldes darbot. Es fiel also jetzt der alte Brauch mit dem Speiseopfer zusammen; es war derselbe verallgemeinert und hatte seinen speciellen Charakter verloren, und so war es denn natürlich, daß das Opfer dann in den Gefäßen, die zur Zubereitung oder Aufbewahrung von Speise und Trank dienten, dargebracht wurde. Dies mußte dahin führen, daß die Wahl des zu Opfernden nicht mehr an einen bestimmten Wunsch gebunden war, ja, daß man schließlich, ebenso wie leere Särge, auch leere Gefäße einmauerte, ohne Rücksicht auf ihren früheren Gebrauch. War man überzeugt, die Gunst geheimnißvoller Mächte sich durch Einmauern leerer Särge zu erwerben, warum nicht auch durch symbolisches Speiseopfer?
Es könnte befremden, wie diese heidnischen Bräuche sich bis ins 16. Jahrhundert hinein erhalten konnten, was ja der Inhalt der aus dieser Zeit stammenden Gefäße beweist, wenn es nicht bekannt wäre, daß noch heute, in unserem 19. Jahrhundert, der Aberglaube und der Glaube an heilkräftigen Zauber in so hohem Maße besteht, daß, beständen die Hexengerichte noch zu Rechte, dieselben vollauf zu thun hätten.
Wie auf römischem Boden, als das Christenthum die alten Götter verdrängte, heidnische und christliche Elemente sich mischten und keines dem Einflusse des anderen sich ganz entziehen konnte, wie die neuplatonische Schule, die eifrige Vertheidigerin des Heidenthums, ihren Göttergestalten andere Gedanken unterlegte und die Vielheit auf eine Einheit göttlichen Wesens zurückführte und somit ein christliches Moment in sich aufnahm, wie anderseits den Christen der heidnische Orpheus ein beliebtes Bild für Christus wurde, ohne daß eine ernstliche Verwirrung auf religiösem Gebiete zu befürchten gewesen wäre, so mußten auch die Bekehrer unserer heidnischen Vorfahren den Ansichten derselben manche Concession machen. Wie es eine Concession an das Heidenthum war, daß sie den Hahn als Wetterfahne auf Kirchthürmen gestatteten, nur daß sie dem Gebrauche eine christliche Idee unterlegten, so werden auch die Opferbräuche beim Bau mit in das Christenthum herüber genommen sein und eine christliche Deutung erfahren haben. Damit mußte dann der heidnische Sinn der Ceremonie bald schwinden, und sie konnte sich leicht bis zur neuesten Zeit halten. Es war auch natürlich, daß die Baumeister des Mittelalters nichts davon in ihren schriftlichen Aufzeichnungen erwähnten, um nicht in den unliebsamen Geruch der Zauberei zu kommen. Es waren auch wol nicht die Meister, sondern die Maurergesellen, welche an dem Brauche festhielten. Hätte dieses Einmauern von Gefäßen irgend welchen anderen, profanen Zwecken gedient, so wäre dies sicher erwähnt. Wie tief noch heute der Aberglaube im Volke wurzelt, mag der Umstand beweisen, daß bei einem Brückenbau zu Halle, welcher 1843 vollendet wurde, die Leute wähnten, daß man eines Kindes zum Einmauern in den Grund bedürfe (Jac. Grimm, Mythol. II, S. 956.)
Von diesen vermauerten Gefäßen machen eine Ausnahme diejenigen, welche zum Zwecke des Isolierens vergraben sind, wie solche vorgefunden wurden im Jahre 1869 beim Bau des neuen Gymnasiums zu Wernigerode am Harz. Darüber berichtet Dr. Friedrich (Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde, 21. Mai 1872): „Bei den Ausschachtungen für die Grundmauern stieß man in einer Tiefe von 6–7′, zwischen Ueberresten von älteren Seitenmauern, auf einen 1½″ dicken Gips-Estrich, der 5′-6′ breit war. Unter demselben standen nun in regelmäßigen Reihen, dicht nebeneinander, mit der viereckigen Mündung nach unten gekehrte Schmelztiegel (sog. Almeröder Tiegel) aus graugelber, stark mit Sand gemischter Thonmasse, von 5″ Höhe und 3½″ bis 4″ weiter Mündung. Je sieben bildeten eine Reihe, und es wurden deren etwa 200 ausgehoben. Die Anlage setzte sich jedoch noch unter das nicht ausgehobene Erdreich fort. Da der unter den Schmelztiegeln befindliche Boden stark wasserhaltig war, so ist es wol keinem Zweifel unterworfen, daß die Topfaufstellung zur Drainage (? Isolierung) gedient hat.“
Mit Ausnahme derjenigen also, die offenbar zur Isolierung gedient haben, kann man alle eingemauerten Gefäße als Weihgefäße betrachten, welcher Gebrauch, aus dem Heidenthum mit herübergenommen, durch das Christenthum eine andere Deutung erfuhr. Auf diesen Brauch ist auch jedenfalls die noch heute oft vorkommende Sitte der Maurer, eine Flasche einzumauern, zurückzuführen. Auf solchem beruhen die Beigaben des Fundaments, das Fest der Grundsteinlegung, die Gleichenfeste, die Richtfeste unserer Zeit, und es mögen diese Feste den Arbeitern nicht weniger Veranlassung zur Festhaltung der Gebräuche gegeben haben, als der Aberglaube.
Die Thongefäße, mit welchen zu Frankfurt a. M. am Eschenheimer Thurm die Rüstlöcher zugesetzt sind, „um diese,“ nach A. v. Cohausen, „bei späteren Arbeiten leicht wieder finden und öffnen zu können (Erbkam, Zeitschrift für Bauwesen, Berlin 1868, S. 74), scheinen mir in erster Linie durch Beobachtung jenes alten Brauchs dorthin gelangt zu sein, und nur nebenbei hat man die Rüstlöcher als passende Stellen dazu erwählt. Derselbe Brauch endlich ist es gewesen, welcher unser Thongefäß Jahrhunderte lang, wahrscheinlich mit mehreren andern, in die Mauer des alten Rathhauses zu Hannover gebannt hat, und sollte es einst nöthig werden, das alte Rathhaus von Grund aus zu erneuern, was ein gütiges Geschick noch lange Jahrhunderte verhüten möge, dann dürfte die Sammlung christlich-germanischer Alterthümer um manches interessante Stück vermehrt werden.
Hannover.
Reimers.