Südchina.
China wird durch das Tsinlinggebirge und seine niedrigere östl. Fortsetzung, das Hwaigebirge, die sich aus Innerasien heraus bis nahe an die Meeresküste bei Nanking erstrecken, in zwei Hauptteile zerlegt, Südchina und Nordchina, die sich in den mannigfachsten Beziehungen unterscheiden.
Südchina, auf dessen Betrachtung wir uns zunächst beschränken, umfaßt von den 18 Provinzen, in die das eigentliche China geteilt ist, folgende zehn: Yünnan, Szetschuan und Kweitschou im SW., Kwangsi und Kwangtung im SO., Hunan, Hupeh und Kiangsi in der Mitte, Fukien, Tschekiang und den Südteil von Nganhwei im NO. Für den Weltreisenden kommen fast nur die Küstenprovinzen Kwangtung (mit Kanton und Swatau), Fukien (mit Amoy und Futschou) und Tschekiang (mit Ningpo und Hangtschou) sowie die Provinzen des untern Yangtsegebiets: Kiangsu, Nganhwei (Anhwei) und Hupeh in Betracht.
Die Küstenprovinzen Südchinas sind, abgesehen von der Delta-Ebene des Hsikiang, an der Kanton und Macao liegen, fast ganz von Gebirgsland erfüllt, das sich mit meist von SW. nach NO. streichenden Ketten hinter einer insel-und buchtenreichen, trotz Verschlammung der Buchten nicht hafenarmen Küste erhebt. Die Längstäler dieses Gebirgslandes werden von gut schiffbaren und durch niedrige Talwasserscheiden miteinander in bequemer Verbindung stehenden Flüssen durchzogen, deren bedeutendster der gegenüber Hongkong mündende Hsi-kiang ist. Die Flüsse stellen die besten Verkehrswege des Landes dar, da Eisenbahnen noch fast ganz fehlen und Landstraßen nicht vorhanden sind. Der Landverkehr ist vielmehr ausschließlich auf Saumpfade angewiesen und auf Fußwege, auf denen Menschenkraft als wichtigstes Transportmittel verwendet wird.
Klima. In gleicher Breite wie das nördl. Drittel Vorderindiens gelegen, hat Südchina doch ein viel rauheres Klima als dieses abnorm warme Gebiet, weil ihm die schützende nördl. Gebirgsschranke fehlt. Ganz Ostasien steht ebenso wie Südasien unter der klimatischen Wechselwirkung zwischen der großen asiatischen Landmasse, deren Inneres sich im Winter stark abkühlt und im Sommer stark erhitzt, und den viel gleichmäßiger temperierten Randmeeren; es hat also Monsunklima (vgl. S. [40]). Der sommerliche SW.-Monsun, der weiter nordostwärts in S.-und SO.-Monsun übergeht, ist auch hier warm und bringt Trübung und Regen; der winterliche NW.-Monsun weht dagegen in ganz Ostasien viel stärker als der Sommerwind, ist kalt, sehr trocken und bringt heiteres Wetter. So haben nur Hongkong und Kanton noch ein einigermaßen tropisches Klima mit feuchtheißem Sommer, aber regenarmem und ziemlich rauhem Winter; weiter nordostwärts wird der Temperaturgegensatz zwischen Sommer und Winter immer stärker, die Sommerhitze erreicht überall noch tropische Höhe, während im Winter schon im Hinterland von Swatau unterm Wendekreis die Berge bis tief hinab gelegentlich in Schnee gehüllt sind.
Die Pflanzendecke hat gleichfalls nur im S. noch tropischen Charakter mit Palmen, Bananen, Bambus u. dgl.; weiter nordostwärts und im Gebirge spielen immergrüne, hartblätterige (subtropische) Gewächse die Hauptrolle, unter denen die Kamelien und deren Verwandter, der Teestrauch, die bekanntesten sind. Die ursprüngliche Vegetation tritt jedoch stark zurück hinter den Kulturgewächsen, denn die Küstenprovinzen sind äußerst dicht bevölkert und sogar die Berghänge bis zu 1500 m hinauf mit Hilfe von Terrassenkultur in Benutzung genommen. Außer Nahrungspflanzen, unter denen Reis, Mais, Hirse und andre Getreidearten, Zuckerrohr, Hülsenfrüchte und Gemüse die Hauptrolle spielen, werden besonders Baumwolle, der Teestrauch und der Maulbeerbaum (für die Seidenraupenzucht) kultiviert. Ebenso ist auch von der freilebenden höhern Tierwelt außer den schönen Fasanen wenig mehr zu merken.
Die Chinesen und ihre Werke werden daher fast überall für den Besucher Chinas im Vordergrunde des Interesses stehen. Seitdem sie seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. aus Innerasien in ihr heutiges Land vorgedrungen sind, das (mit Ausschluß der Mandschurei, der Mongolei, Ilis und Tibets) etwa 4 Mill. qkm umfaßt (annähernd 71/2mal so viel wie das Deutsche Reich), haben sie dieses in ein Kulturland zu verwandeln verstanden, wie kein anderes Volk der Erde seinen Wohnsitz. Die Fruchtbarkeit und das dem Ackerbau günstige Klima sowohl des lößbedeckten Nordteils des Reiches wie des lößfreien Südteils wiesen von jeher auf den Ackerbau als die natürliche Grundlage der Volkswirtschaft hin, und die rasch zunehmende Volksverdichtung zwang zu immer weiterer Ausdehnung des Kulturlandes und zu immer sorgfältigerer Ausnutzungsweise desselben, die heute geradezu als »Gartenbau« bezeichnet werden kann. Die starke Volksvermehrung (die große Zahl der Kinder ist eine der auffälligsten Erscheinungen im menschenwimmelnden China) hat ihren Hauptgrund in der den Grundzug der chinesischen Volksreligion bildenden Ahnenverehrung, welche die Darbringung von Ahnenopfern durch männliche Nachkommen verlangt und auch die Ärmsten zu frühzeitiger Heirat zwingt. Die Gesamtbevölkerung Chinas soll nach der letzten Volkszählung (1910) reichlich 400 Mill. betragen, was einer mittlern Volksdichte von 100 entspräche (Deutsches Reich 1910: 65 Mill. auf 541000 qkm, Dichte 120). Doch ist diese Zahl wohl zu hoch angenommen. Indem so die Lebensbedingungen für den einzelnen auf dem gegebenen Raum immer knapper wurden, sind höchste Genügsamkeit und ausdauernder Fleiß (Sonntag in China unbekannt) Haupteigenschaften des Chinesen geworden; der chinesische Bauer ernährt sich und seine Familie von einem uns Europäern winzig erscheinenden Stückchen Land, der Kuli von einem lächerlich geringen Arbeitslohn. Das namentlich im N. stark kontinentale Klima mit seinen plötzlichen Witterungsschwankungen vertilgte alle weichlichen Individuen und hat die Chinesen durch natürliche Auslese gegen Witterungseinflüsse unempfindlich gemacht; sie sind das einzige Volk der Erde, das in allen Klimaten arbeitsfähig bleibt; daher die weite Verbreitung chinesischer Kulis. Trotzdem die Chinesen ein Ackerbauvolk sind und der Bauernstand (außer den Akademikern) als der höchste gilt, wohnen sie nur in einzelnen Landesteilen auf dem Lande verstreut; meist drängen sie sich vielmehr in großen, volkreichen Dörfern und in mauerumgürteten Städten zusammen, den Plätzen der großen Märkte, des Warenaustausches und des Handels, in denen der lebhafte Handelsgeist des Volkes seine Wirkungsstätten findet. Das enge Zusammenwohnen und die starke Konkurrenz in diesen Wohnplätzen hat als sehr unangenehme Eigenschaften Hinterlist und Unreinlichkeit sowie anderseits eine einseitig materielle Lebensauffassung hervorgerufen. Der maßlose nationale Hochmut des Chinesen, der ihn auch in uns Europäern nur »Barbaren« sehen läßt, und die Erstarrung ihrer Kultur, die sich erst in allerjüngster Zeit zu lösen beginnt, finden ihre Erklärung in dem Umstande, daß China, das »Reich der Mitte«, stets von kulturell tieferstehenden Völkern umgeben war und alle seine Bedürfnisse selbst erzeugte, so daß es sich Jahrtausende hindurch nach außen ganz abschließen konnte.
Die chinesische Volksreligion sieht, wie bereits oben erwähnt, ihren Endzweck in der Verehrung der Ahnen und des Herrschers. Ihre philosophische Weiterbildung hat sie im Konfuzianismus, der Lehre des Kungfutsze (551-478 v. Chr.), gefunden, dessen noch heute im höchsten Ansehen stehende Philosophie den einzelnen lehrt, sich nur als Glied der Gesamtheit zu betrachten und dessen Wohle sich unterzuordnen. Der Buddhismus hat in China, so weit seine Klöster dort auch verstreut sind, nie eine große Rolle zu spielen vermocht. Der Islam zählt etwa 30 Mill. Anhänger in entlegeneren Teilen des Reiches. Sehr gering sind auch die Aussichten auf Ausbreitung des Christentums unter diesem ältesten Kulturvolk Asiens; nur die Jesuiten haben einst (um 1600) große Erfolge erzielt, aber nur, weil sie dem Volke ihren Ahnenglauben und die Verehrung des Kungfutsze ließen.