Die gegenseitige Eifersucht der verschiedenen christlichen Konfessionen, Sekten und Richtungen, die heute noch alle Anstrengungen der Missionen illusorisch machen, haben schon damals das Werk der Jesuiten zerstört: gerade als der kaiserliche Hof in Peking im Begriffe stand, zum Christentum überzutreten, wurden die Jesuiten dank den Einflüsterungen der Dominikaner und Franziskaner vom Papst zurückgerufen. Heute zählt man unter den Chinesen etwa 1 Mill. katholische und 150000 protestantische Christen, die vorwiegend den untern Volksklassen angehören.
Die ganzen staatlichen Verhältnisse sind zurzeit in stärkster Umbildung begriffen; den Hauptanteil an dieser Umwälzung haben die Südchinesen. Das Beamtenheer der Mandarinen erfährt seine Ausbildung auf rein formalistischem Wege durch das Studium der Klassiker. Die darin erlangten Kenntnisse werden durch Prüfungen nachgewiesen, an denen jedermann teilnehmen kann. Es herrscht Ämterkauf. Die Amtssitze der höhern Beamten (die durch kleine Knöpfe auf den Mützen und Stickerei des Brustlatzes gekennzeichnet sind) tragen die Bezeichnung fu (z. B. Singanfu, Tschifu).
Geschichte. Ursprünglich war China von unzivilisierten Stämmen bewohnt; um 2600 v. Chr. drangen die Stammväter der heutigen Chinesen aus Zentralasien in das nordwestchinesische Lößgebiet ein. Singanfu in der heutigen Provinz Schensi wurde ihre Hauptstadt. Sie brachten aus ihren trocknen Ursitzen die Teekultur und die Berieselungskunst mit. Im Laufe langer Zeiten dehnten sie ihre Herrschaft über das ganze heutige China und noch weiter aus, wurden aber später vielfach von fremden Dynastien unterworfen, die teils von W., teils von N. kamen. Im ersten nachchristlichen Jahrtausend waren es vor allem tungusische Stämme, die aus der nördl. Mandschurei ins Liautal (um Mukden) gelangt waren und nun durch die schmale Pforte von Liauhsi (vgl. S. [329]) nach Nordchina vordrangen. Am bekanntesten unter ihnen sind die Kitan geworden, die die in China von 905-1125 n. Chr. herrschende Liau-Dynastie begründeten; auf sie geht die Bezeichnung Chinas als Kitai zurück. Zu Anfang des 13. Jahrh. wurde China ein Teil des gewaltigen Reiches der Mongolen, und Kublai Chan, der Enkel Dschingis Chans, machte Peking zu seiner Hauptstadt und begann den Bau des gewaltigen Kaiserkanals (S. [265]); Marco Polo stand längere Zeit in seinen Diensten. Schon 1356 machte sich aber ein chinesischer Priester, Tschuyüentschang, zum Herrn von Nanking und begründete 1368 als Kaiser die einheimische Ming-Dynastie, die bis 1644 herrschte, dann aber dem tatkräftigen jungen Chan der gleichfalls von N., aus dem Liautal, gekommenen tungusischen Mandschu weichen mußte, der als Kaiser Schuntschi die Tsing-Dynastie begründete. 1662 wurden die Holländer aus Formosa vertrieben, das sie 1625 besetzt hatten. Im 17. und 18. Jahrh. wurden vereinzelte Niederlassungen der Russen, Franzosen und Engländer geduldet. Wichtig für die Eröffnung des Handelsverkehrs mit Europa war der Opiumkrieg 1840-42, in dem die Engländer Hongkong erwarben und die Öffnung der Häfen Kanton, Amoy, Futschou, Ningpo und Schanghai erzwangen. Ernstlich bedroht wurde die Tsing-Dynastie durch den Taiping-Aufstand, dessen Führer Hung-Siutsuen Anhang unter christenfreundlichen Chinesen fand, sechs Provinzen und 1853 die alte Hauptstadt Nanking einnahm. Bald darauf geriet die kaiserliche Regierung in Krieg mit England und Frankreich; 1860 wurde Peking besetzt, der Sommerpalast geplündert und zerstört und China zu Handelsverträgen mit allen Seemächten gezwungen. Dann unterstützten aber die Engländer und Franzosen die chinesische Regierung gegen die Taiping, deren letzte Stütze, die Stadt Nanking, 1864 genommen wurde. Im Krieg um Korea zwischen Japan und China 1894/95 verlor letzteres Formosa und die Pescadores-Inseln. 1897 nahm Deutschland als Sühne für die Ermordung zweier Missionare die Kiautschoubucht, 1898 Rußland Port Arthur und Talienwan, Frankreich Kwangtschou und England Weihaiwei und Nord-Kowloon bei Hongkong; hierdurch entstand eine fremdenfeindliche Stimmung, die zu der Boxerbewegung führte.


Nach Zerstörung der Takuforts am 17. Juni 1900, Ermordung des deutschen Gesandten (20. Juni), Befreiung des Landungskorps unter Admiral Seymour und Entsatz Tientsins wurde Peking am 14. Aug. genommen. Seit dem Ausbruch der Revolution im Herbst 1911, welche die Stürzung der monarchischen Dynastie und republikanische Verfassung anstrebt, ist das chinesische Reich in innere Wirren verwickelt; europäische Streitkräfte schützen Leben und Eigentum der fremden Staatsangehörigen.
Reiseliteratur für China: v. Richthofen, Schantung und seine Eingangspforte Kiautschou (Berlin 1898); E. Tiessen, China (Berlin 1902); W. Grube, Religion und Kultus der Chinesen (Leipzig 1910); M. v. Brandt, 33 Jahre in Ostasien (Leipzig 1901); G. Wegener, Zur Kriegszeit durch China 1900/01 (Berlin 1902); Madrolle, Chine du Sud; Ders., Chine du Nord (Paris 1904).
————
Reisen in China.
Reisepaß für die chinesischen Behörden besorgt der deutsche Konsul im Ankunftshafen; man tut gut, sich mit Visitenkarten in chinesischer Schrift zu versehen (die Namen, Rang, Heimatsort und Reisezweck angeben). Das Gepäck ist zu beschränken, weil die Verkehrsverhältnisse schlecht sind. Am bequemsten reist man in Südchina auf Flußdampfern und Flußbooten (gemieteten »Hausbooten« [Sampans] oder Dschunken); letztere sind auch bei Kanalfahrten zu gebrauchen, aber die Reise geht langsam vonstatten, flußaufwärts mit Ziehleuten. Landreisen am besten zu Pferde, viel unbequemer sind die Maultiersänfte und der zweiräderige Reisekarren (ohne Federn!); letzterer ist für größeres Gepäck unentbehrlich, doch gibt es Fahrstraßen nur vereinzelt und nur in Nordchina; Südchina kennt außer den Wasserstraßen nur Saumpfade und als Transportmittel nur Menschen und Tragtiere. Wenn man die Karre mit eignen Feldbettstücken polstert, ist sie allenfalls erträglich. Reittiere kauft man am besten, Packtiere (Maultiere) mietet man. v. Richthofen empfiehlt die Benutzung von Reit-und Packtieren für alle Landesteile von Nordchina; man kann mit ihnen auf Fußwegen auch Berge übersteigen. Gute Maultiere leisten die besten Dienste. Moskitonetz ist im Sommer unentbehrlich. Im Winter sorge man für warme Kleidung, Decken und mit Schaffell gefütterten Mantel sowie hohe, derbe Wasserstiefel. Laterne, großer Vorrat an Stearinlichten, europäisches Tischgerät, Glas und Porzellan zwischen Filzplatten verpackt, Kochgerät.
Der Diener muß europäisch kochen können, die chinesische Kost ist ungesund, nur gekochter Reis und Brot sind frisch brauchbar. Hühner, Enten und deren Eier sind billig, Rind-und Hammelfleisch nur in Städten, wo Mohammedaner wohnen und in den Städten mit größern Europäerkolonien; die Chinesen selbst verwenden das Rind nur als Zugtier. Chinesisches Schweinefleisch ist wegen großer Verbreitung der Trichinose ungenießbar. Zum Mundvorrat nehme man reichlich Fleischextrakt, gepreßte Gemüse, Kakao, Tee (schwarzen, die Chinesen trinken grünen), kondensierte Milch.
Über den Verkehr mit der Bevölkerung hole man sich vorher bei Landeskennern Rat; niemals vergesse man, daß man sich unter einem Kulturvolk befindet. In größern Orten mache man dem Gemeindevorsteher Besuch; wenn er Geschenke schickt, gebe man dem Hauptdiener etwa so viel, wie die Lebensmittel wert sind.
Geld. In Hongkong werden Silbermünzen zu 1 $ (Dollar), 50, 20, 10 und 5 cents geprägt; 1 Hongkong-Dollar = 100 cents = 1,78-1,95 M., je nach dem Kurs. Post und Telegraph nehmen nur Hongkong-Dollar sowie Noten der Lokalbanken, kein englisches Geld etc. Im Geschäftsverkehr ist der Tschop-Dollar (mit meist rotem chinesischen Geschäftsstempel versehener Kanton-Dollar), auch »old und new Mexican Dollar«, dem Hongkong-Dollar ungefähr gleichwertig. Höheren Wert, etwa 2-2,40 M., hat der echte Mexikanische Dollar, der überall an der chinesischen Küste vollwertig ist (man hüte sich vor falschen Dollars, die am Klang kenntlich sind!); der Hongkong-Dollar ist nur in Hongkong, Kanton, Swatau, Amoy und Singapore vollwertig, an andern chinesischen Plätzen wird er gar nicht oder nur mit Verlust genommen.


Kupferstücke von 20 Käsch gelten nur im südlichen China. Auch mit dem Papiergeld ist Vorsicht geboten; manche Noten sind nur in Hongkong und dem südlichen China vollwertig, während man (selbst bei Scheinen der Hongkong-Shanghai Bank, die in Hongkong ausgestellt sind) in Schanghai 10 Proz. und mehr Verlust erleidet. Deshalb erkundige man sich vor größern Geldabhebungen bei zuverlässigen Bankgeschäften, ob das aufgenommene Geld auch im nächsten Hafen noch vollwertig ist.
Im chinesischen Reiche laufen als Münzen die Tungtsien, Sapeken oder Käsch um, das sind auf einer Seite bezeichnete Rundstücke aus Kupfer mit Zinn, Blei und Zink, von ungleicher Größe und Dicke mit vierkantigem Loch. Je 100 werden zu einem Mahs oder Tsiën aufgereiht und 10 Schnüre zu einem Liang oder Tael gebündelt. Diesem wurde ein Kegel fast reinen Silbers (engl. sycee) von in Schanghai 34,246 g Gewicht gleichgesetzt; aber man erhält für solches Tael 750-2000 Käsch, je nach dem Platzkurs. In Haikuan-Tael von 38,246 g oder bei vertragsmäßig 11/3 Unze Avoirdupois = 37,799 g werden die Zölle bezahlt. 1 Haikuan-Tael = 11/2 mexikan. Dollar = etwa 2,95 M. = 0,70 amerikan. Dollar. Als wirkliche Münzen, jedoch vielfach verunstaltet, benutzt man mexikanische und andre Dollars, die seit 1873 auch in Kanton geprägt werden und hier 24,494 g fein wiegen sollen; dieser Dollar von Kanton, = 4,409 M. Silber, erhielt 1890 Gültigkeit im ganzen Reiche, wird aber, wie die übrigen Edelmetallmünzen, außerhalb der Vertragshäfen in der Regel gewogen. Größere Barzahlungen erfolgen in gestempelten Silberbarren von meist 50 Tael. Außerdem zahlt man in Goldblättern, deren Feinheit der Goldschmied in chinesischer oder englischer Schrift beglaubigt. Alle diese Wertzeichen haben gegeneinander veränderlichen Kurs.
Den Geldverkehr mit Europa und Amerika vermitteln in den Vertragshäfen ansässige Banken. Von den chinesischen Bankgeschäften sind die wichtigsten u. sichersten die »Schansi-Banken« (Hsihao). Der Zinsfuß beträgt durchschnittlich 10-15 Proz. Die chinesischen Banken geben eigne Noten aus. Allein in Tientsin emittieren gegen 300 Banken solche. Sie haben ungefähr die Größe europäischer Banknoten, sind auf starkes, grobes Papier gedruckt und mit einer Menge Stempel versehen, um Fälschungen zu verhüten. Die Noten lauten auf 100-10000 Käsch.
Sprache. Mit chinesischen Dienern, Geschäftsleuten, Boys spricht man meist das Pidgin English (Geschäftssprache), ein Gemisch aus Englisch, Portugiesisch und Chinesisch, bei den europäischen Wörtern stets l statt r, also plople statt propre = rein. Beispiele: Gut so, macht nichts, genug = maskee; Art und Weise = fashion; Ort, Gegend, Haus = side; holen, kaufen, bekommen = catch; bring' mir = catch this side; holen = makee come; oben = topside; trage hinauf = catch topside; schnell = tschop; sofort = tschop-tschop; sehr gut (Nr. 1) = numbel one; haben Sie bekommen = have gott?; ich oder er kann oder darf nicht = no can do!; der Herr weiß schon = master savee; Kellner, hol' einen kräftigen Träger, der mir meine beiden Koffer sofort hier heraufbringt, hast du verstanden? = boy! makee come numbel one side kuli tschop-tschop two piecee topside must have this side! savee?; Wünscht der Herr Frühstück? = Master wantchee tschau-tschau? Ich will sofort eine Selterwasser haben = My wantchee soda, tschop-tschop!; Whisky und Soda, ich verstehe = Whisky soda! My savee!; Bring' Champagner her = champaign-lai!; das Wasser gehört nicht dem Herrn, es gehört ihm, und er will Geld dafür = Water no belong master, water belong he, he wantchee money!; Du bist ein sehr schlechter Diener = You belong very bad boy; Verstand = savee-box; es ist sehr schlecht (kaput, zerrissen, verdorben etc.) = belong bad; ich weiß nicht = my no savee; Ich bin ein Deutscher = My belong German.
Die Sprache der Chinesen ist unter allen Kultursprachen die einfachste. Sie besteht nur aus einsilbigen Wörtern. Ihr fehlen alle Beugungen, jede Unterscheidung von Haupt-und Zeitwort, jede Wortbildung überhaupt, außer Zusammensetzung der Silben. Die Bedeutung der Wörter im Satz wird durch ihre Stellung hervorgebracht.