Nach der Beseitigung des Feudalwesens wurden 1884 fünf Adelsrangstufen geschaffen; danach gab es im Jahre 1908: 15 Kō oder Fürsten, 36 Kō oder Marquis, 100 Haku oder Grafen, 374 Shi oder Vicomtes und 379 Dan oder Barone, im ganzen 904 (man sagt Kōshaku, Hakushaku etc.) Adelsfamilien. Die Shizoku (moderner Name für Samurai) waren bis zum Anfang der Meijizeit die Beamten und erblichen Krieger der Feudalherren, zu deren Vorrechten das Schwertertragen und das Bauchaufschlitzen (Harakiri oder Seppuku) als freiwilliger Selbstmord nach Ehrverletzung und als reinigende Selbstbestrafung nach verübtem Verbrechen gehörten; heute stellen sie zum Teil die Offiziere und höhern Staatsbeamten. Das gewöhnliche Volk, für das erst seit 1868 der Name Heimin im Gegensatz zu den Shizoku üblich ist, war in der Tokugawaperiode (1600-1868) in drei Klassen geteilt, dem Range nach von oben nach unten: Hyakushō (Bauern), Shokunin (Handwerker) und Akindo (Kaufleute). Unter dem Volk stand noch eine verachtete Pariaklasse, die Eta (Abdecker, Gerber, Lederarbeiter, Totengräber).—Die Japaner besitzen hervorragende geistige Eigenschaften. Zu rühmen sind der Reinlichkeitssinn (Waschen und heißes Baden ist sehr beliebt) und natürliche Anstand, das im allgemeinen höfliche Benehmen, das heitere Familienleben, die Ehrerbietung der Kinder gegen Eltern, die Freude an den Schönheiten der Natur, das hohe Bildungsstreben und die bewunderungswürdige Vaterlandsliebe. —Das japanische Haus macht mit seiner leichten, luftigen Bauart, den Eindruck, als ob es einem wärmeren Klima entstamme, denn es hat nur dünne Holzwände, keine richtige Heizung (nur Kohlenbecken) und anstatt fester Zimmerwände verschiebbare Mattenwände. Der Hausbau ist somit besser an die häufigen Erdbeben als an die klimatischen Bedingungen angepaßt. Der Hausrat beschränkt sich auf Schränke und wenige Gebrauchs-und Schmuckgegenstände (Matten; Vasen, Hängebilder). Große Brände sind in den Städten häufig.—Der Japaner lebt mäßig. Nahrungsmittel sind vornehmlich in Wasser gekochter Reis, Hirse (im Gebirge), Hülsenfrüchte, Knollengewächse und Pilze, ferner Fische, Krusten-und Weichtiere; Brot, Milch, Butter und Käse waren unbekannt, Fleischspeisen wenig in Gebrauch. Zur Würze dienen Sojabohnen und Curry, gesalzene Rettiche (Daikon), Früchte der Eierpflanze (Nazu), Gurken u. a., als Genußmittel grüner Tee ohne Zutat, Reisschnaps (Sake) und Tabak, den beide Geschlechter gern rauchen.—Die Kleidung der Landbevölkerung, aus Baumwollenstoff und mit Indigo gefärbt, besteht oft nur aus einem Kittel und engen Hosen; bei Regenwetter trägt der Bauer einen eigentümlich aussehenden Mantel aus Stroh. Bei den Wohlhabenden spielen hellfarbige, schön gemusterte Baumwollen-und Seidenstoffe die Hauptrolle. Ein schlafrockähnliches Oberkleid, der Kimono, wird von Männern und Frauen getragen, er ist das eigentliche Nationalgewand und nur im Schnitt der Ärmel und im Gürtel bei beiden Geschlechtern verschieden. Zur bessern Kleidung gehört eine weite Hose (Hakama) und ein halblanger paletotartiger Überwurf (haori); Schüler und Schülerinnen tragen gleichfalls Hakama. Die Füße sind entweder nackt, oder bei besserer Bekleidung in ganz kurze, nur bis zu den Knöcheln reichende weiße oder dunkelviolette Strümpfe (Tabi) gehüllt; als Schuhwerk dienen Holzschuhe (Geta) und Strohsandalen (zōri und waraji), deren Riemen vorn zwischen der großen und der zweiten Zehe festgehalten werden, weshalb bei den Tabi auch die große von den übrigen Zehen getrennt ist. Die vornehmere männliche Bevölkerung, besonders die Beamten, tragen mehr und mehr europäische Tracht. Ein unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand der Frauen ist der Fächer.
Religion. Die Japaner haben sich schon früh vom Natur-zum Ahnenkult erhoben, der in der göttlichen Verehrung der Kami oder Geister berühmter Fürsten, Helden, Gelehrter neben zahlreichen untergeordneten Göttern besteht. Im Gegensatz zu dem vom Ausland eingeführten Buddhismus (Butsu-dō) hat man der ursprünglichen Nationalreligion den Namen Shintō (»Weg der Götter«, shin = kami) gegeben.
Eine bestimmte Glaubens-und Sittenlehre fehlt dem Shintō ursprünglich; seine Sittenlehre ist vermischt mit der Moralphilosophie des Kungfutsze und andrer chinesischer Weisen. Die Shintōtempel oder »Schreine« (Miya, Yashiro, Jinja) reinen Stils, einfach und schmucklos, aus naturfarbenem oder rotgestrichenem Holz erbaut, bestehen aus zwei Teilen, dem Honden (Shinden) oder Sanktuarium mit dem Sinnbild der Gottheit, und dem Haiden (»Gebetshalle«). Auf dem Altartisch und anderswo stehen Gohei, Stöckchen mit zickzackförmigen weißen Papierstreifen, eigentlich symbolischer Ersatz für Opfergaben; vor den Schreinen galgenförmige Portale, Torii. Der in vielen Miya sichtbare Metallspiegel ist dem Buddhismus (Shingonsekte) entlehnt. Den Göttern werden Speise-und Trankopfer dargebracht; die Tempelfeste (Matsuri) sind vielfach große Volksfeste. Wer sich durch Tapferkeit, Gelehrsamkeit oder Wohltätigkeit auszeichnet, kann nach seinem Tod unter die Götter versetzt werden. Die Shintōpriester haben nur im Amt besondere Tracht, es gibt für sie kein Zölibat und keine Klöster; ihre Würde ist erblich. 1903 zählte man 196400 Shintōtempel und etwa 100000 Shintōpriester bei zwölf verschiedenen Sekten. Mächtigen Einfluß auf den Kamidienst hat der Buddhismus ausgeübt, der in der Mitte des 6. Jahrh. n. Chr. nach Japan gelangte, sich schnell verbreitete u. im 13. Jahrh. zur höchsten Macht entfaltete. 1903 gab es in Japan zwölf buddhistische Sekten mit 72000 Tempeln und gegen 200000 Bonzen. Hauptsitz der buddhistischen Hierarchie ist Kyōto (S. [369]). Zwischen Shintōismus und Buddhismus bestand früher keine scharfe Scheidung, da der Shintō, wenige Kultstätten wie Yamada in Ise und Kizuki in Izumo ausgenommen, sich mit dem Buddhismus amalgamiert hatte (Ryōbu-Shintō). Erst seit der Meijizeit (S. [344]) ist wieder eine reinliche Trennung vorgenommen und der Shintō zur Staatsreligion erklärt worden. Doch herrscht trotzdem kein Gewissenszwang. Der Kaiser ist als theoretischer Nachkomme der höchsten Shintōgottheit, der Sonnengöttin Ama-terasu, der shintōistische Oberpriester des Landes und fungiert als solcher bei gewissen Staatsfesten, die in der Heiligen Halle (Kashiko-dokoro) des Palastes stattfinden. —Eine prägnante Darstellung des Wesens des Shintō von Florenz und des japanischen Buddhismus von Haas in »Kultur der Gegenwart«, Abteilung Orientalische Religionen (Leipzig, Teubner, 1906).—Das Christentum wurde bereits 1549 durch den Jesuiten Franz Xavier nach Japan gebracht und verbreitete sich schnell, wurde aber, nachdem auch hier wie in China die Dominikaner und Franziskaner Unfrieden gestiftet hatten, bis 1638 wieder ausgerottet und bei Todesstrafe verboten. Jetzt werden der christlichen Mission keine Hindernisse bereitet, aber die Bekehrten gehören meist dem niedern Volk an, und man darf sagen, daß dem Christentum in Japan kaum eine Zukunft blüht.
Japanische Kunst. Am wenigsten entwickelt ist die Architektur. Die buddhistischen Tempel gehen auf chinesische Vorbilder zurück; die Shintō-Schreine reinen Stils, wie die von Ise, Kizuki etc. lehnen sieh dagegen an die Struktur des primitiven japanischen Hauses an. Die Wohnhäuser sind meist aus Holz, Geflechten aus Bambusrohr und Fachwerk, mit Papierfenstern und Schiebetüren, bisweilen auf gemauertem Unterbau. Auch die Plastik hat sich, abgesehen von den Bildern buddhistischer Gottheiten, auf die Kleinkunst in Bronze, Ton, Elfenbein, Holz etc. beschränkt.—Ihre höchste Blüte hat die japanische Kunst in der Malerei erreicht, sowohl selbständig als für dekorative Zwecke (Porzellan, Fayence, Lackarbeiten), deren Anfänge vor mehr als 1000 Jahren aus China hierher gelangt sind. Die Raum-und Luftperspektive sind dem japanischen Maler fast unbekannt. Ferner fehlt das Verständnis für das Helldunkel. Das natürliche Spiel der Lichter und Schatten gibt der Japaner nicht wieder, er kennt keine Glanzlichter und Reflexe, sondern sucht durch konventionelle Schatten und Hilfsmittel den Gegenständen die Wirkung des Plastischen zu geben. Da er in einem schwarzen Gegenstand, einem Gewand, einem Vogel, nicht durch Abtönung des Schattens und Lichtes zu modellieren weiß, wird den Faltenlinien ein weißer Grund gegeben, oder es werden die Innern Umrisse weiß ausgespart.
Der japanische Maler malt nur auf Seide und Papier, und zwar mit Tusche oder Wasserfarben, die mit Leim versetzt sind. Nach der Form teilt man die Bilder in Kakemono (hängende Dinge), in Makimono (gerollte Dinge) und in Oribon (Klappbücher). Auch die faltbaren Wandschirme (Byōbu) haben in der Malerei eine Rolle gespielt. Das Kakemono ist ein schmaler und hoher Papier-oder Seidenstreifen, der auf zähes Papier geklebt und oft mit farbigen Brokatstoffen umrahmt ist. Die Makimono sind niedrige Streifen von beliebiger Länge, die aufgerollt bewahrt werden.—Die Malerei steht im innigsten Zusammenhange mit dem Kunstgewerbe, das von ihr befruchtet wird und ebenfalls aus China gekommen, aber durch die höhere Intelligenz des japanischen Volkes künstlerisch verfeinert worden ist. Vornehmlich werden die Lackmalerei, die in Japan ihre überhaupt höchste Ausbildung erfahren hat, die Keramik, das Email, die Bronzeindustrie, die Waffenschmiedekunst, die Schnitzerei in Holz, Elfenbein, Knochen und Stein, die Weberei und Färberei gepflegt. Von den Porzellanen sind die aus der Provinz Kaga, aus der Provinz Hizen, nach dem Ausfuhrhafen »Imari-Ware« genannt, das Seladonporzellan aus Sanda und die Setoware, von den Fayencen das durch seine durchsichtige Glasur ausgezeichnete Steingut aus Satsuma beliebt. Ihren reich entwickelten Farbensinn haben die Japaner in der Dekoration von Gefäßen etc. aus Porzellan, Steingut und Kupfer mit Schmelzfarben (Zellenschmelz, Email cloisonné), in der Färbung von Kupferlegierungen durch Beizen und im Tauschieren von Bronzen und Eisenarbeiten mit Silber, Gold und farbigen Legierungen bewährt. Eine Spezialität der Metallindustrie sind die oft reich geschmückten Schwertzieraten (Tsuba = Stichblätter etc.), die eifrig gesammelt werden. (Vgl. Brinckmann, Kunst und Handwerk in Japan, Berlin 1889; Münsterberg, Japanische Kunstgeschichte, 3 Bände, 1907; Cohn, Stilanalysen, 1908; Seidlitz, Geschichte des japanischen Farbenholzschnitts, 1897; Kurth, Utamaro, 1907, Harunobu 1910, Sharaku 1910; Brockhaus, Netsuke, 1910.)