Die Stadt zeigt das indische Leben unverfälscht; Hans Meyer sagt von Benares: »Da ist der unfaßbare Wust bizarrer Häuser und Häuschen. Da sind die Hunderte und aber Hunderte von wunderlichen Tempeln mit Kuppeln, Pagoden, Götzenfratzen, Rüsselschnörkeleien, mit farbigen, silbernen, kupfernen und goldenen Anhängseln und Bedachungen. Da sind die massiven, aus dem Strom aufsteigenden Paläste der einheimischen Prinzen und Radschas, da tobt und windet sich die endlose Menschenmenge aus dem Gewühl enger Gassen nach dem heiligen Fluß und zurück ... —Heilige Stiere wandeln an den Häuserreihen entlang und setzen die Gemüsekrämer in Schrecken, Affen sitzen auf den Sonnenzelten u. Dachgesimsen, schreiend, fressend oder spielend, unter Tamburin-und Schellenbegleitung werden Götzen auf Tragbahren herumgeschleppt, feierlichen Aufzügen begegnet man in jeder Straße.« An Festtagen ist das Menschengewühl beängstigend: trotz der Scheu der Hindu vor Europäern empfiehlt es sich, einen indischen Schutzmann (gegen guten Bakschisch) zur Begleitung mitzunehmen und keine Innenräume der Tempel zu betreten.

Rundfahrt durch die Eingebornenstadt, 3 km vom englischen Viertel. Man kann über Belipur fahren und dort den Palast des Maharadschah von Vijayanagrum besichtigen, falls Erlaubnis erteilt wird; *Aussicht vom Terrassendach des Palastes über den Ganges; man sieht Aurangzebs Moschee und den Goldenen Tempel. Dicht beim Palast liegen Dschain-Tempel.—Etwa 1 km südl. vom Palast liegt der Durga-Tempel, der finstern Gattin Schiwas geweiht, die täglich blutige Opfer (früher Menschen, jetzt Ziegen) fordert, *Affentempel genannt, weil darin die heiligen Hum-man (Semnopithecus entellus) zu Hunderten hausen; der Tempel aus rotem Stein mit gelben Ornamenten ist umgeben von hohen Mauern; im Haupteingang ein Raum mit Musikinstrumenten: Glocken, Trommeln, Tamtams u. a.; neben dem Tempel ein schöner Wasserbehälter.— Man fahre bis zum Dasaswamedh Ghat, eine der heiligsten Pilgerstätten von Benares (»Ghât« sind die mit Tempeln, Palästen, Pavillons und Badeplätzen eingefaßten langen Badetreppen, die zum Gangesufer führen), wo Brahma zehn Pferde geopfert haben soll.— In der Nähe die Sternwarte, ein schöner Bau mit seltsamen Instrumenten (darunter ein Mauerquadrant Bhittiyantra, zwei große Steinkreise, zwei Samrat Yantra zur Bestimmung der Polhöhe, ein Chakrayantra zur Bestimmung der Deklination, ein Digamsayantra zur Azimutbestimmung).—Auf dem Wege zum Dasaswamedh Ghat liegt der Tempel des Regengottes Dalbhyeswar, dessen Abbild in einen Wasserbehälter versenkt wird, solange der Gott seine Pflicht versäumt; seine Gefährtin Sitala heilt die Blattern.—Am bequemsten steigt man vom Dasaswamedh Ghat in ein Boot (flacher Prahm mit Stühlen, von etwa sechs Mann gerudert) und läßt sich zunächst eine Strecke stromauf rudern, um die etwa zwei Dutzend Ghats oberhalb von Dasaswamedh Ghat vom Strom aus zu betrachten; unter ihnen gehört das Asi Ghat (das äußerste stromaufwärts, 1. von oben) ebenfalls zu einer der fünf heiligsten Pilgerstätten in Benares. Eins der schönsten und besuchtesten ist das Shivala Ghat (6. von oben); viele Yogin (Dschogin), d. h. brahmanische Büßer (meist mit den Fakiren, den indisch-mohammedanischen Büßern verwechselt), sieht man auf den Badetreppen, deren Bußübungen schon in den Sanskritwerken beschrieben und angeordnet sind. Beim Machan Ghat (9. von oben) ist eine Leichenverbrennungsstätte, die aber weniger berühmt als die unten beschriebene beim Manikarnika Ghat ist.—Beim Kedar Ghat (11. von oben) liegt der Kedarnath-Tempel mit vielen Heiligtümern, dem Brunnen Gauri Kund und dem Mansarovar-Wasserbehälter, umgeben von 60 Heiligenschreinen. Beim Chauki Ghat (12. von oben) werden unter einem Pippalbaum Schlangen verehrt; viele Schlangenbilder ringsum.—Die Stufen des (13. von oben) Chatr Ghat oder Rajah Ghat führen zu einem großen Rasthause für Fremde, vom Rajah Amrita Rao erbaut.—Beim Komeshwar Ghat (14. von oben) steht der Mondtempel, der jede Krankheit heilt. Eine der ältesten Badetreppen ist Chausathi Ghat (20. von oben); die malerischste ist das Munshi Ghat (22. von oben) mit schönem Bau am obern Ende. Dasaswamedh Ghat (s. oben) ist das 25. von oben, stromabwärts daneben liegt Man Nandat Ghat. Wenn Zeit, oder bei zweiter Fahrt fahre man stromabwärts längs der untern Hälfte der Ghats bis zur Schiffbrücke.

Zur Beachtung: Unmittelbar vor Sonnenaufgang ist die Stromfahrt am lohnendsten, weil dann das Baden und Beten der Büßer und Pilger am lebhaftesten ist, während Vm. die Ghats von Händlern mit Blumen, Obst, Futter (für die heiligen Kühe) etc. besetzt sind. Bei Sonnenaufgang steigen zahllose Brahmanenpriester ins Wasser, dann folgen die Pilger und daran schließen sich Andachten vor den Priestern an; alles feierlich und schön, auch das züchtige Baden der Hindumädchen.

Beim Bachhraj Ghat (27. von oben) ist ein Shivala-Götzenbild, daneben ein Hundebild; ein Brahmane mit Pfauenwedel beschützt durch sein Wedeln die Besucher vor bösen Geistern und fordert dafür Opfergeld. In der Nähe werden täglich Hunde gefüttert, an Festtagen mit Butterkuchen und Zucker. Vom Mir Ghat (28. von oben) aus kann man nur zu Boot den Nepalese-Tempel besuchen; malerisch, aber mit sehr derb-naturalistischen Schnitzereien; viel von Frauen besucht, um Nachkommenschaft zu erbitten. Hinter dem Tempel eine sehenswerte Ringkämpferschule.—Zwischen Lalita Ghat und Jal Sain Ghat (31. von oben) liegt der berühmte Goldene Tempel, dem Bisheshwar (Bisheshwar = Herr der Welt) geweiht, einer der ältesten und wichtigsten Tempel für den Lingam-(= Phallus-)Kult zur Ehre Schiwas, dessen Kuppeln mit dünnem Goldblech gedeckt sind, der aber leider in Gassen und Mauern eingebaut ist. Gegenüber dem Eingang verkauft ein Priester Opferblumen; man gebe Bakschisch, wenn er Blumen oder andres als Geschenk überreicht. Der Bisheshwar-Tempel gilt als der heiligste Hindutempel in Indien, weil er an der Stelle steht, wo das Gangeswasser am heiligsten ist.—Neben dem goldenen Turme des Bisheshwar-Tempels steht der rote, kegelspitze Mahadeo-Tempel, umgeben von zahlreichen kleinen Spitzkuppeln, Sikras oder Vimanas genannt, wie sie bei Hindutempeln häufig sind. Zwischen beiden Tempeln hängen neun prächtige Glocken an steinernem Rahmenwerk. Im Hofe auf einer Plattform stehen aufrechte, ziemlich formlose Steinklötze (Lingam), uralte Gegenstände der Anbetung. —Im Viereck zwischen dem Goldenen Tempel und der schönen *Aurangzeb-Moschee (*Aussicht von den Minarets, eine steile Mitteltreppe führt bis zum Dache) liegt auch die kleine Aurangzeb-Moschee und der *Brunnen des Wissens, Gyan Kup, in dem Schiwa sitzen soll; ein Götzenbild soll von einem Priester hineingeworfen sein, daher riesiger Pilgerzustrom zu dem stinkigen Wasser; man hüte sich, in das Gedränge von Pilgern, Frauen und Kühen auf der Plattform des Brunnens zu kommen. Interessante Pilgerbräuche sind beim Brunnen zu beobachten. Der Blick in den Brunnen ist nur Hindu erlaubt, und nur barfuß.— Dicht außerhalb des Goldenen Tempels ist der Sanichar-Schrein und einige Schritte weiter der Tempel der Nahrung spendenden Göttin Annapurna, bei dem sich viele lästige Bettler aufhalten; je ein Schrein des Tempels ist der Sonne, dem Elefanten-und Glücksgotte Ganesh, dem Gauri Shankar und dem Affengotte Hanuman geweiht. —Zwischen diesem Tempel und dem Weissagungstempel, Sakhi Vinayak, ist ein seltsames rotes Standbild von Ganesh mit silbernen Händen und Rüssel auf einer Plattform.—Eins der fünf größten Heiligtümer von Benares, von Hindupilgern stets besucht (am stärksten im November), ist das *Manikarnika Ghat (33. von oben); über seiner Treppenflucht steht der Manikarnika-Brunnen, voll fauliger Blumenopfer zum Himmel stinkend, aber von Millionen Pilgern jährlich besucht.—Daneben steht der Tarkeshwara-Tempel und an dessen Wasserseite die größte Leichenverbrennungsstätte von Benares (Anblick und Geruch für schwache Nerven nicht zu empfehlen!), wo ohne Feierlichkeit die Leichen zunächst ans Ufer mit den Füßen ins Wasser gelegt werden, dann von den Angehörigen der (oft nur kleine) Scheiterhaufen errichtet wird.

Sechs Mann der untersten Kaste (Domra, die aber reich werden wegen ihres Monopols des Scheiterhaufenansteckens, wofür sie bis 1000 Rup. Abgabe erhalten) heben auf Bambusstangen den Toten aus dem Fluß, einer flößt ihm den letzten Trunk Gangeswasser ein, dann wird er auf den Scheiterhaufen gelegt und dieser angezündet. Während das Feuer brennt, werden die Körperteile nach Bedarf mit Bambusstangen ins Feuer gestoßen; schließlich wird die Asche, oft auch nur halbverkohlte Stücke, in den Fluß geworfen. Totenkult kennt der Brahmane nicht, die Leiche ist ihm nur unreiner Stoff, der zur Läuterung der Seele von den Elementen vernichtet werden muß. Trotz der Leichenwäsche baden und trinken die Hindu unmittelbar stromabwärts davon im Fluß, weil die Stelle als besonders heilig gilt.

Weiter stromabwärts liegt das allmählich sinkende Sindhia's Ghat (34. von oben); groß und schön ist Ghosla Ghat (37. von oben).— Oberhalb Panchganga Ghat (39. von oben) erhebt sich die stolze Aurangzeb-Moschee (S. [94]), mit zwei Minarets.—Viele heilige Kühe benutzen das Gai Ghat (42. von oben), wo auch ein steinernes Kuhstandbild steht.—Nebenan das Trilochana Ghat soll zwischen seinen Türmchen besonders heiliges Wasser haben.—Das unterste (47.) ist das Raj Ghat, neben der Schiffbrücke.—Von da kann man zu Wagen noch den Palast Nandeshwar Kothi des Maharadschah von Benares (mit hübschem Garten) auf der Rückfahrt durch Grand Trunk Road sehen (historisch merkwürdig).

Vom Affentempel (S. [92]) fahre man, falls Zeit genug, in den Anand-Bagh-Garten, wo im 19. Jahrh. der Heilige von Benares, Swami Saraswati, lebte, dessen Schüler, gelehrte Panditen, die zu seinen Ehren errichtete Sanskritschule leiten.—Das Hindu College, wo Frau Annie Besant ihre Theosophie unter jungen Hindu-Mystikern verbreitete, ist des Besuchs wert; es ist in einem Palast des Maharadschah von Benares.—Auch das christliche Missionswaisenhaus (von einer Deutschen geleitet) wird manchem sehenswert sein.

Ausflüge: 1) Nach Sarnath, 6,5 km nördl. von Benares, der Stätte, wo die alte Stadt Benares stand und Buddha lehrte; der Weg führt über die Barnabrücke und längs der Ghazipur Road bis zum 3. Meilenstein, dann l.; bald kommen zwei Türme, einer auf einem Hügel, in Sicht. Ein Turm (39 m hoch) liegt in einem frühern Wildpark, wo Buddha mit seinen fünf Jüngern im Beginn seiner Lehrtätigkeit lebte und später (im 11. Jahrh.) ein großes buddhistisches Kloster stand; er ist von Asoka als Tope oder Dhamek Stûpa erbaut und enthält im Innern Buddhabilder und Reliquien; er gilt als besterhaltener Tope in Bengalen. Nicht weit davon ein zweiter Turm (33 m hoch), ebenfalls eine ehemalige Stûpa.—Westl. von Dhamek Stûpa liegt ein Dschaintempel, bei dessen Ostende der Torso eines Buddhagötzen; in der Nähe ein Brunnen, Ranis Bad. In Sarnath finden jetzt Ausgrabungen statt, ein archäologisches Museum ist im Entstehen. —2) Nach Ramnagar (dazu vorher Erlaubnis beim Sekretär des Maharadschah einholen) am Gangesufer; beim Ramnagar Ghat Überfahrt über den Strom; vom Palast *Blick auf Benares. Ein Wasserbehälter liegt 2 km nö. vom Palast, daneben ein Tempel.

D. Eisenbahn von Benares nach Calcutta.