»Ach, dieser König! Ich kenne ihn. Ich will ihn froh machen, Philosophie reden, histoires galantes erzählen. Es amüsiert ihn, immer von Liebhabern zu hören, die abenteuerlich durchs Fenster steigen! Er sieht oft das Frauenzimmer von der Seite an, wenn es schön ist. Es ist für seine Imagination da, nur nicht für sein Fleisch, denn er ist ohne Gefühl. Und er ist schüchtern. Will die Schöne ihn einmal unter ihren Seidenschuh bekommen, muß sie selbst ihn attackieren, aber tun, als ob sie flöhe, und alle die anderen müssen der liaison widerstreben. Seine allergroßmächtigste Frau Großmutter hat alles dadurch ruiniert, daß sie schrie: ›Mariage, mariage!‹ König Carolus ist vom Scheitel bis zur Sohle der schwedischen Königin Kristina ähnlich, obwohl er männlichen Geschlechts ist. Die beiden hätten miteinander verheiratet und auf denselben Thron gesetzt werden müssen. Das wäre ein nettes Pärchen gewesen. Oh, pfui, pfui! Ihr Schweden! Reitet ein Mann seine Pferde tot und läßt zu, daß Volk und Reich massakriert werden, er ist aber doch von reinem Herzen und supremus unter allen, sein Blut ist nur zu träge für Amouren. Oh, laßt mich in Frieden! Ich kenne reinherzige Heroen, die getreulichst in zwei, drei verschiedene Jungfrauen oder Frauen in derselben Woche verliebt waren.«
»Ja, wir sind so, wir sind so. Aber um Christi Barmherzigkeit willen, reibt mir noch einmal meine Hand! Und verzeiht mir mein Jammern und mein Stöhnen.«
Dicht innerhalb des Tores, das man nicht verschließen konnte, lagen die niedergehauenen Kosaken, vom Reif weiß wie Marmor. Der gelbe Himmel wurde grau, und immer mehrstimmiger und näher tönten die klagenden Rufe:
»Ohaho! Ohaho! Ohaho!« Jetzt öffnete der König seine Tür und kam über den Hof herunter. Die Schmerzen im Kopf, an denen er zu leiden begann, waren durch den Ritt schlimmer geworden und machten seinen Blick schwer. Das Gesicht trug Spuren von Seelenkämpfen der Einsamkeit, aber da er sich näherte, nahm der Mund wieder sein gewöhnliches, verlegenes Lächeln an. An der Schläfe war er noch rußig von dem Musketenschuß.
»Es wird kühler,« sagte er und zog einen Brotkuchen aus der Tasche hervor und brach ihn in drei Teile, so daß jeder ein gleich großes Stück bekam, wie er selbst. Dann zog er seinen Reitermantel aus und legte ihn selbst um die Schultern des wachthabenden Fähnrichs.
Über seine eigene Handlung verlegen, faßte er dann den Holsteiner heftig am Arm und führte ihn über den Hof hinauf, während sie an dem harten Brot kauten.
Jetzt, wenn je, dachte der Holsteiner, gilt es, mit einem schlauen Wortspiel die Aufmerksamkeit des Königs zu gewinnen und nachher vernünftig mit ihm zu reden.
»Bessere Herberge kann man finden,« begann er immerwährend kauend und beißend. »Du liebe Zeit! Das erinnert mich an eine galante aventure in der Nähe von Dresden.«
Der König hielt ihn immer noch am Arm, und der Holsteiner senkte die Stimme. Die Erzählung war witzig und schlüpfrig, und der König wurde neugierig. Die gröbsten Zweideutigkeiten lockten aber immer nur sein steifes Lächeln hervor. Er horchte gleich einem verzweifelten, halb abwesenden Menschen, mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung für den Augenblick.
Erst als der Holsteiner mit listiger Geschicklichkeit das Gespräch mit einigen Worten auf die augenblickliche Gefahr überzuleiten begann, wurde der König wiederum ernst.