»Der Anverwandte heißt das schwedische Volk … So sollte das unser letzter Kampf werden!«
Mit der versiegelten Trommel unter Körben und Kantinen auf dem Kutscherbock rüttelte Grothusen unterdessen gen Stralsund. Sein Herz schlug wie das eines Jünglings, als er zum erstenmal den Namen der Stadt auf einer schiefen Wegweisertafel las. Bald hörte er den Stundenschlag von der Nikolaikirche. Er unterschied die vereinzelten Lichter bei den Wachen und Kranken, und auf der Zugbrücke sprang er aus dem Wagen und rief dem Wächter zu:
»Der König, der König! Wo ist er? Welche Nachrichten?«
Der Wächter wußte nichts, und jeden Morgen spähte Grothusen von dem Wall aus nach seinem heimkehrenden Herrn. Die Züge vom klarsten Mondschein überstrahlt, kam der König eines Nachts in Dükers Haus an, und schon den nächsten Morgen, nachdem die Stiefel von seinen geschwollenen Füßen weggeschnitten worden waren, stieg Grothusen in seine Kammer mit der frohen Begrüßung:
»Majestät! Bin verliebt!«
Der König nahm ihn herzlich bei der Hand.
»Liebster Grothusen, wir werden hier etwas anderes zu bestellen haben, als Demoiselles aufzuwarten.«
»Es ist gar keine Demoiselle! Sie ist sicherlich sowohl Mutter wie Großmutter … Ich kenne sie übrigens nicht … Aber ich bitte demütigst, jetzt wie früher bei allen meinen Tollheiten Eure Majestät als geheimen Vertrauten behalten zu dürfen.«
Grothusen breitete seine Papiere vor dem König aus und deutete mitunter auf eine Ziffernkolonne, aber um die Arbeit leichter und lustiger zu machen, erzählte er unterdessen von seinem Abenteuer.
»Es war eines Mittags, gerade als ich mich hier zu Düker begeben sollte. Beim Knipertor lag in der Sonnenglut ein Haus, das so weiß war, daß es mir in die Augen stach und mich zwang, aufzuschauen. Da saß sie am Fenster … Nein, nun sind Eure Majestät an einer falschen Ziffernkolonne! … Die zweitausend Gulden, die hier fehlen, habe ich für eigne Rechnung verzehrt … Ja, da saß sie am Fenster unter einer Gardine mit weißen Fransen. Auch sie war beinahe weiß, aber schön aufgekämmt, und ihr Antlitz war schmal und von unendlicher Milde überstrahlt … Sie ist sicher über siebzig Jahre, – aber sie ist ja immerhin eine Frau! Es gibt nichts so Vornehmes und Edles, gnädigster Herr, als eine alte Dame anzubeten. Man sehnt sich nicht danach, sich ihr zu nähern. Sie steht oben am Fenster wie eine Erinnerung, eine heilige Legende. Man grüßt sie nur verehrungsvoll mit dem Degen, wenn man mit seinen Truppen vorbei …«