Das ganze Volk war von einer prophetischen Ahnung durchschauert. An der Kirchentür oder in der verschlossenen Stube sprach man davon, daß Gott, der Schweden die Krone des Martyriums aufgesetzt hatte, bald die Dornen abfallen und das Laub in schönem, neuem Frühjahrsgrün ausschlagen lassen werde und daß der König bald stürbe. Tag für Tag wurde die Botschaft erwartet, daß er gefallen sei, und man wunderte sich nur, daß es so lange dauerte. Alle wußten, daß er an Hecken und Zäunen kämpfte wie ein gemeiner Soldat. Die meisten stellten ihre tägliche Arbeit ein und gingen in Furcht und düsterer Erwartung umher. Ein Ratsherr zu Stockholm klagte schon, daß er nicht wisse, wo man Trauerstoff und Geld für die Beerdigung herbekommen solle. Selbst Görtz lag jeden Morgen schlaflos, wenn sein Diener mit dem Holz für den Ofen kam. Schweden glich dem zusammenstürzenden Königshaus bei Bender, aber über dieser brennenden Ruinenstadt, wo der Jammer in einem wartenden Schweigen dahinstarb, schossen gleich Sternschnuppen geistreich leuchtende Zukunftspläne und Vereinfachungen, von denen fernsichtige Wahrsager prophezeiten, daß sie erst nach Jahrhunderten eintreten und sich verwirklichen würden.
Zu der Zeit lebte in Uppsala ein bettelnder Studiosus, der Pfarrer werden wollte, aber nie etwas anderes zu tun vermochte, als zu würfeln oder zu raufen oder zu Hochzeiten und Begräbnissen Verse auf Schwedisch wie Lateinisch zu verfertigen. Er hieß Tolle Aarasson. Hände und Füße waren viel zu schlank und fein für seinen großen Körperbau, aber auch wenn er hungerte, blühte sein bartloses Kindergesicht immer gleich voll und rosig. Keinem Menschen wollte er etwas anhaben, wenn er nur frei wie die Vögel leben, seine eigenen Wege gehen und in Ruhe des Morgens schlafen durfte, aber die Kameraden meinten, daß er zwischen gut und böse nicht unterscheiden könne. Als die Werber eines schönen Sonntags mit ihrem Lärmen in der Stadt begannen, wurde er ganz fromm und verbarg sich mit den leeren Einbanddecken seiner lateinischen Grammatik in den Kirchenbänken. Es war in der Dreifaltigkeitskirche. Mitten während des Gottesdienstes drangen die Werber mit einem Bündel Handschellen auf den Achseln lärmend und dröhnend ein, aber Tolle Aarasson beugte sich über seine leeren Bucheinbände. Er wiegte seinen Leib vor und zurück und sang mit einer Innerlichkeit und Andacht, daß keiner daran dachte, ihn zu nehmen, obgleich er zu dem untauglichen Gelehrtenvolk gehörte, das dem königlichen Plakat gemäß für das Heer ausgewählt werden sollte. Danach fand er es doch für ratsam, sein Bündel über den Rücken zu hängen und auf Abenteuer zu ziehen. Entsetzt sah er sich in dem lieben Vaterlande um, das Pest und Krieg so sehr verödet und verwandelt hatten. War das Schweden, das Land, das seine Väter erbaut und gehütet hatten wie ihren Augapfel, die geliebte, die gefürchtete Großmacht des Nordens? Auf den Wegen traf er jammernde Bauern, die in langen Zwangsfuhren ihre Getreide nach dem Hauptquartier in Norwegen oder bis hinauf nach der Schanze Hjerpe im Jämtland befördern mußten. Umgestürzte Ladungen und tote Pferde lagen auf jeder Anhöhe. Oben auf den verödeten Gehöften der Wälder guckten zerlumpte Herumstreicher aus den Stubenfenstern, und er trug beständig sein Geld im Stiefelschaft versteckt. In der Nähe der Bauerngehöfte standen Schlafbänke, Schlitten und Haustiere auf dem Rasen aufgereiht, und unter Weinen und Wehklagen tönte der Schlag des Auktionshammers an das Türholz. In den Herrschaftsküchen erzählten sich die Diener, wie die Familie des Hausherrn ihr Silber vergrub, denn Görtz hatte befohlen, daß nicht nur alles wirkliche Geld, sondern auch das Hausgeräte von Edelmetall ausgeliefert werden sollten gegen Notmünzen, auf daß der König das ganze Eigentum der Untertanen bekäme. Tolle Aarasson erfuhr, daß nicht einmal mehr die Prinzessin in Stockholm genug Silberzeug für ihre Tafel habe, und daß der König selbst von Eisenblech esse. In den verlassenen Schmieden, außerhalb deren der Fluß ungehemmt dem Meere zuströmte, an stillstehenden Rädern und geöffneten Dammluken vorbei, plauderte er mit dem einzigen zurückgelassenen Schmied der zu alt und gebrechlich für das Feldleben war. Er erfuhr, daß, sobald etwas Eisen geschmiedet wurde, es gleich gegen ein Säckchen Notmünzen im Vorratshaus des Reiches aufgelegt werden solle. Am liebsten aber saß er doch und wärmte sich in den Pfarrhäusern, wo seine Bibelkundigkeit und sein Latein ihn gern gesehen machten, und mitunter konnte es geschehen, daß der Pfarrer sich mit ihm bis in die Dämmerung unterhielt. Dabei flüsterte man, es würde erwogen, die Schul- und Armenkasse, ja selbst das Geld der Bank zu nehmen; nicht einmal Schreibfedern und Papier gäbe es noch, und die Ämter müßten geschlossen werden, wenn die Herren nicht die Finger in das Tintenfaß tauchen und auf dem bloßen Tische schreiben wollten. Ein ergrauter Kaplan sagte ihm, daß die Landeshauptleute abgesetzt oder unter Aufseher gestellt würden, wenn sie nicht mehr wüßten, wem sie gehorchen oder befehlen sollten; und der Alte beschrieb, wie er selbst die Bibel und den Predigermantel versetzen und Dünnbier in die Abendmahlskanne habe einschenken müssen.
Auf diese Weise wanderte Tolle Aarasson von Gegend zu Gegend und verdiente mitunter einen Pfennig durch das Mitnehmen von Briefen und Amtsnachrichten. Die Postburschen waren nämlich zum Heer befohlen worden, und die ungestümen Gastwirte wurden Postmeister, aber sie verstanden ihr neues Geschäft nicht, sondern die Mütter und Vaterlosen umdrängten sie täglich vergebens und riefen umsonst nach Briefen ihrer Angehörigen in Sibiriens Urwäldern und Bergwerken. Mitten unter den murrenden Bauersleuten durfte er in der Kirche zu Slätthög mit den Fingern den goldgestickten Ehrenpelz eines Sultans streicheln, der als Altardecke dahing. In der Stadt Kalmar wurde er mit dem Artilleristen Edstedt, der gerade ein Dienstmädchen geheiratet hatte, aber selbst gar kein Mann, sondern ein verkleidetes Fräulein Stalhammer war, Duzbruder. Auf Visingsö spielte er Würfel mit den zerfetzten russischen Kriegsgefangenen, und in Karlshamn bummelte er mit Polacken, Armeniern und Juden und zupfte die feierlichen, türkischen Gläubiger an den Turbantroddeln. Er überredete sie sogar, Wein zu versuchen, schlug aber dann das verunreinigte Glas entzwei, so daß es auf dem Pflaster tönte. Zu Lund hörte er unter den bewaffneten Studenten der aufwiegelnden Rede des Professors Ihre zu und schoß nach dem Professor Rydelius, der den Sturm beschwören wollte. Nachdem er das halbe Land durchstreift hatte, stand er schließlich eines Abends in Göteborg, wo der König auf der Durchreise als Gast bei dem Seeräuber Gatenhjelm abgestiegen war im Haus am Stigbergplatz. Staubig und durstig setzte sich Tolle Aarasson in die Kaffeestube der Dorothea Ek, wo die Bürger laut lachend und weinend sich umarmten und erzählten, daß die entsetzlichen Seeräuber von Madagaskar nun die Erlaubnis erhalten sollten, mit sechzig reichbeladenen Kaperschiffen zu kommen und sich in der Stadt häuslich niederzulassen, um den Gewerben aufzuhelfen.
Da konnte er nicht länger an sich halten und ließ sein Licht leuchten und erzählte auf schwedisch wie auf lateinisch seine Erfahrungen und Abenteuer der Wanderschaft. Bald bemerkte er, daß zwei Männer, die mit aufgeschlagenen Mantelkragen ihm zunächst saßen, zu sprechen aufhörten, um ihm zuzuhören, und das machte ihn nur noch mitteilsamer.
»Jetzt müssen die Schweden die Eisenhandschuhe fühlen wie nie zuvor seit der Heidenzeit,« sagte er und betrachtete seine glänzenden Nägel. »Der König hat sein Schwert gegen die Völker nacheinander geführt, und nun wendet er es gegen sein eigenes. Konnte das wohl anders enden? Aber unheimliche Ahnungen werden rings im Volke geflüstert. Er hinterläßt keinen Sohn. Was sollte auch ein solcher Mann mit einem Sohn? Im Pult der Ratsherren liegt schon der Entwurf zu einer englischen Verfassung. Nie sollten wir von einem anderen erdulden, was wir jetzt willig ertragen. Vielleicht morgen … vielleicht heute abend, während wir uns hier unterhalten, sitzt ein munterer Knecht vor einem Gluthaufen an der Felswand und schmilzt Blei in einem Tiegel … Vielleicht hält er gerade jetzt in der Kugelschere den schwarzen Tropfen, der für ewig den größten unter den Helden einschläfern soll.«
Ein schon hochbetagter Kaufmann mit dem weißesten Haar und den sorgenschwersten Augen klopfte ihm auf die Hand.
»Wir Menschen urteilen alle nach dem Schmerz in unserer eigenen Wunde, aber laß nun einen alten Mann reden. Wenn unser harter Eisenkönig gleich nie geboren worden wäre, so hätten die stets mächtigeren Nachbarn doch begonnen, dies Reich zu zerstückeln … Langsam, Jahr für Jahr, Tag für Tag würden unsere Kinder und Kindeskinder unterhandelt haben, gedemütigt und einer Provinz nach der anderen beraubt worden sein. Es wäre nie zur Ruhe, aber auch nie zur Ehre gekommen. Es ist ein lumpiges Schauspiel, einen angebundenen Löwen zu sehen, dem das Blut langsam nach kleinen Fingerhüten ausgesogen wird! So will ich denn lieber mit einem Mal die Flamme in den Wolken und einen Mann vor uns sehen! Wann befahl er uns mehr zu opfern, als er selbst opferte? Hat er nicht gehungert, hat er nicht gefroren, und jetzt breitet sich über uns die Ahnung, daß er auch mit uns fallen wird.«
Tolle Aarasson änderte die Stimme. Er wollte sich nicht verstellen, aber es schien ihm beständig, der, welcher zuletzt sprach, hätte recht.
»Schätzte ich nicht Freiheit und ein gemachtes Bett, so würde ich mich hinter dem König einherschmiegen, um den Mund auf seine Fußspuren in dem norwegischen Schnee drücken zu dürfen. Bald kann es zu spät und die Kugel gegossen sein …«
Wie er diese Worte aussprach, erhoben sich auf ein heimliches, gegenseitiges Zeichen die beiden Männer, die ihm zunächst saßen; und seine Furcht vor dem Soldatenrock war so groß, daß er erblich, als er blanke Messingknöpfe unter ihren Mänteln bemerkte.