Die hohe Vollendung der Maschinentechnik, die Ausnützung des Lichtes, der Elektrizität und des Magnetismus haben die körperliche Arbeit der Marsbewohner auf ein Minimum reduziert. Zehn Marsjahre hat jeder Marsbürger zu arbeiten oder zu dienen, die zehn jugendkräftigsten Jahre seines Lebens; dann nimmt auch er teil an den Schätzen und Genüssen der Gesamtheit. — —
Mit unendlicher Sehnsucht blickten die Erdenbewohner zu dem glücklichen Gestirn hinauf, von dem ihnen solche Offenbarung kam. O könnten sie zurück, noch einmal zurück in ihr sonniges Paradies! Wie anders würden sie dann ihr Leben gestalten! In selbstloser Eintracht und Liebe würden sie mit den Gütern der Erde schalten, als Brüder und Schwestern würden sie wandeln Hand in Hand, wie im Garten Eden. Zu spät, zu spät! Sie hatten ihr Erbe verschwendet und ihr Leben vergeudet in Haß und Zänkereien — sie, die auf einem glücklichen Stern zur herrlichsten Lebensentfaltung, zur schönsten Eudämonie geboren waren! — — —
Nur wenige Tage dauerte die Nähe des herrlichen Gestirns und seiner edlen Bewohner. Mit nimmersatten Blicken schauten die Erdenbewohner in diese harmonische Welt des Glückes und der höchstentwickelten Lebensfreude — dann mußte Abschied genommen werden. Wie zwei Schiffe befreundeter Nationen, die sich im Weltmeere begegnen und freundliche Grüße miteinander tauschen, segelten die beiden Welten aneinander vorüber. Mit unsäglicher Wehmut sahen die Erdbewohner, wie sich der Zwischenraum allmählich wieder zu vergrößern anfing. Auf Nimmerwiedersehen, Ihr edlen Brüder einer fremden Welt! so lautete das Lichtsignal, welches die Erdenkinder ihren glücklichen Freunden gaben. Auch auf dem Mars wurde eine starke Bewegung sichtbar. Signale flammten auf, die Kanäle erglänzten in blendendem Licht, und große Feuerkugeln, die in der Höhe zersprühten, formten sich zu Abschiedsworten! — Lautlos segelte der Stern vorüber. Kein Schall, keiner Stimme Laut drang zur Erde nieder. Aber die Herzen der Erdenkinder quollen über; denn sie fühlten den Strom der Liebe, der das All verbindet, herüberfluten, und süße Wehmut erfüllte ihr Gemüt. Ade — ade — Ihr Erdenkinder! so schien es ihnen herabzuklingen — ade, Ihr Brüder einer fremden Welt! Und eine wohlthuende Wärme durchströmte die Seele des Menschen. Wir sind verbunden mit dem All! Keine Vernichtung. Nicht nur die Menschen sind Brüder, nein, höhere Wesen anderer Gestirne nehmen teil an unserem Geschick und weinen ihren Weltenbrüdern Thränen nach! Ade — ade! Mählich verblaßten die Gegenstände auf dem Gestirn. Kleiner und kleiner wurden die Details, und bald vermochten auch die schärfsten Fernrohre nichts mehr zu unterscheiden als die Umrisse der Kontinente. —
V.
Das große Nichts.
Eine mondlose Sternennacht. In dämmernden Umrissen sieht man Bergkonturen und Wälder — laublose Wälder, Skelette von Bäumen — kein Strauch, kein Halm! Kein Laut regt sich in den Lüften, der Vögel Lieder sind verstummt, wie das Murmeln des Baches. Flüsse und Seen sind zu Eis erstarrt. Im Ozean treiben ungeheuere Blöcke von Eis, die sich zu großen Inseln zusammenschweißen. Ein Stern, größer als die anderen, leuchtet über dem Horizonte. Es ist die Sonne. So klein, so matt ihre Strahlen. Ein großer Berg in der Nähe der Stadt, welche der Schauplatz der früheren Schilderungen war, entwickelt eine eruptive Thätigkeit. Ein glühender, leuchtender Lavastrom wälzt sich träge über den Abhang. Von Zeit zu Zeit werden mächtige Felsblöcke aus dem Innern des Berges emporgeschleudert. So grauenhaft dieser Anblick ist, so wirkt er doch mildernd auf das Bild des Todes und der allgemeinen Erstarrung. Dumpfes Dröhnen und Donnerschläge, mächtige Feuergarben und weißglühende Bäche, das scheint das einzige Leben der Erde zu sein. Doch nein noch regt sich Leben.
In einer der vielen Krateröffnungen, welche sich in ihrer Thätigkeit erschöpft zu haben schienen, kauerte ein Mann und sah mit verlorenem Blicke in die rotglühende Masse des sich träge dahinwälzenden Lavastromes in seiner Nähe. Das Haupt in die Hand gestützt, saß er da und schien in tiefes Brüten versunken. Zu seinen Füßen kauerte ein Knäblein von kaum fünf Jahren. Es hatte das blonde Lockenköpfchen auf das Knie des Vaters gelehnt und schlief mit der glücklichen Ruhe des Kindesalters. Es schien zu träumen; denn es lächelte vergnügt und murmelte dazu unzusammenhängende Worte: „Schau die schöne Wiese! — Lass’ mich ihn haschen, den buntfarbigen Schmetterling!“
Schmerzbewegt erwachte der Mann aus seinem Brüten; er blickte um sich. Ringsum erhoben sich starrende Felsmassen, vom Reflexe des rotglühenden Lavastromes beleuchtet. Sonst tiefe Finsternis um ihn her. Nur über seinem Haupte leuchteten die Sterne; darunter ein hellleuchtender von größerer Pracht als alle übrigen: die Sonne! Eine große, mattglänzende Scheibe am nördlichen Sternenhimmel war der mächtige Jupiter. Ihm strebte die Erde zu, und von ihm sollte ihr Erlösung werden. Ob das ein Staubgeborener noch erleben wird? —
Der Maler Erwin, der mit seinem Söhnchen den Kraterschlund und seinen heißen Brodem aufgesucht hatte, um sich vor der allgemeinen Erstarrung zu retten, gehörte zu den wenigen Überlebenden. Das Menschengeschlecht war bis auf eine verschwindend kleine Zahl zusammengeschmolzen. Was nicht die zahlreichen Katastrophen, was Schreck und Krankheit nicht hinweggerafft, das ging in der allgemeinen Erstarrung zu Grunde. Die Erde hatte sich in das kalte Leichentuch der Vereisung gehüllt, und all die verzweifelten Versuche der Menschheit, dagegen anzukämpfen, erwiesen sich als machtlos. Zuletzt waren die Werkzeuge den schlaffen Händen entsunken, die Glieder ermattet. Der menschliche Geist gab jeden Widerstand auf. In stumpfer Apathie sanken sie zu Tausenden dahin, bevor der letzte Akt des erschütternden Dramas zu Ende gespielt war.
Erwin hatte sie alle überdauert. Mit dem Griffel in der Hand war er den Ereignissen gefolgt, und während sie hinsanken an seiner Seite, hatte er mit stoischer Ruhe alle Phasen des gewaltigen Erdendramas aufgezeichnet. Alle waren sie heimgegangen, mit denen er durch Bande des Blutes oder der Freundschaft verbunden war — zuletzt sein teures Weib. Das schwache Knäblein auf seinem Knie hatte er ängstlich gehütet und gepflegt und mit seinem Herzblut erwärmt. Mit äußerster Kraftanstrengung hatte er den Gipfel des Vulkans erklommen und im Krater Schutz gesucht.