Aber eine kleine Zahl — vielleicht ein einziges Paar wird den allgemeinen Zusammenbruch überdauern, und ein neues Sonnengeschlecht wird erstehen, das mit weiser Ausnützung der großen Hinterlassenschaft seiner Ahnen neuen, erhabenen Zielen der Vollendung entgegenstrebt. —
Das ganze Interesse der Erdenbewohner konzentrierte sich jetzt auf die Beobachtung des Mars, dessen Riesenscheibe schon dem unbewaffneten Auge reiches Beobachtungsmaterial bot. Durch das Fernrohr angesehen, zeigte sie aber einen überwältigenden Anblick — eine wunderbar organisierte Welt, neuartig, seltsam, fremdartig gebildet, aber höher, kunstvoller, glücklicher gestaltet als das Leben unserer Erde — die Lebewelt des Mars zeigte den Erdbewohnern das entzückende Bild ihrer eigenen Zukunft. Der um vieles ältere Bruder im Planetensystem hatte schon seit vielen Jahrtausenden eine hohe Stufe der Entwicklung seiner Lebewelt erreicht. Das Ideal, dem alle Erdenbewohner in heißer Sehnsucht zugestrebt, schien in jener glücklicheren Welt schon seit langen, langen Zeiträumen verwirklicht zu sein.
Die Zeichensprache, welche durch Aneinanderreihen von riesigen Reflektoren mit buntfarbigen Lichtern bewerkstelligt wurde, war bald derart ausgebildet, daß die Erdbewohner größere Mitteilungen über die Lebewelt auf dem Brudergestirn empfangen konnten.
Zunächst erfuhren sie, daß die Bewohner des Mars durch die viel vollendeteren optischen Instrumente und durch andere photo-elektrische Hilfsmittel schon seit Jahrtausenden in der Lage waren, die Erde und ihre Bewohner aufs eingehendste zu studieren. Da ihre hochentwickelte Kultur auf Jahrtausende hinter unsere Zeitrechnung zurückreichte, so war die Beobachtung der Vorgänge auf unserer Erde die denkbar vollkommenste. In den bis auf das 15. Jahrtausend zurückreichenden Aufzeichnungen der Marsastronomen und seiner Himmelshistoriographen war jedes Ereignis, das sich auf der Erde während dieses Zeitraumes zugetragen, verzeichnet. Mit innigster Teilnahme verfolgten die Marsbewohner die Kämpfe und Umwälzungen, die blutigen Schlachten und grimmen Verfolgungen und all die unsäglich verhängnisvollen Irrtümmer, in denen die Erdenkinder befangen waren. Wie oft versuchten die Marsbewohner, ihre Weltenbrüder aus diesem unheilvollen Taumel der Verblendung und der Vorurteile herauszureißen — alle Versuche, Nachrichten auf die Erde gelangen zu lassen, scheiterten an den stumpfen Sinnen und den unvollkommenen Beobachtungswerkzeugen ihrer Bewohner.
Es ist unfaßbar für unser Vorstellungsvermögen, daß die Marsbewohner schon vor Jahrtausenden die Inschriften der Pyramiden lasen und entzifferten, daß sie unsere Baustile kannten, und Abbildungen der Erdbewohner in dem Anschauungsunterricht der Marsjugend eine große Rolle spielten; denn der physische und gesellschaftliche Zustand der Erdbewohner war für sie ein Spiegelbild einer längst entschwundenen, uralten Entwicklungsepoche und zugleich ein warnendes Beispiel der verhängnißvollen Folgen eines Rückfalles in längst überwundene, barbarische Zeiten.
Das goldene Zeitalter der höchsten Entfaltung aller Tugenden der Sitte und Nächstenliebe und damit die Empfindung eines harmonischen Glücksgefühls, ein Zustand, den sich die Erdbewohner in ihren schönsten Phantasien ausgemalt, war dort oben auf dem Mars seit langen Zeiten stabilisiert.
Nach den Mitteilungen der Marsbewohner gab es dort in Folge der hochentwickelten Erkenntnis der Natur und ihrer geheimsten Wirkenskräfte keine Gegensätze, keinen Kampf und Streit. Die Erkenntnis des höchsten Wesens und die Erforschung seiner erhabenen Eigenschaften führte zu einem abgeklärten, hehren, über alle kleinlichen Vorstellungen erhobenen Gottesbegriff, daß der Zweifel verstummte und die dogmatischen Haarspaltereien der Sekten gegenstandslos wurden. Über ihre Gesellschaftsordnung berichteten sie in den folgenden lapidaren Sätzen:
Jeder Marsbürger ist vollberechtigter Erbe alles dessen, was die Marsoberfläche mit dem befruchtenden Sonnenstrahl hervorbringt, und alles dessen, was die vorangegangenen Geschlechter den Epigonen hinterlassen haben, also des gesamten geistigen und materiellen Besitztums. Die befruchtende Sonne und die gebärende Scholle haben ihre Gaben gleichmäßig verteilt, und jeder Marsgeborene ist Mitherr und Mitgenießer dieser Gaben. — Da alle Marsbewohner Brüder und Schwestern sind, aus denselben Elementen hervorgegangen und an denselben Stern gebunden, so giebt es auch keinen anderen Unterschied zwischen ihnen als den des Alters und der hervorragenden Kenntnisse.
Diese Grundgesetze der Gesellschaft sind jedem Marsbewohner eingeboren, wie der Glaube an ein höchstes, allerhaltendes, unendlich gütiges Wesen, das sich in allem Leben offenbart und das zu lieben das einzige Gebot der Marsbürger ist. Das Ganze und das Einzelne ist aber ein Einziges, und alle Wandlungen sind nur Schein, welche den Kern der Sache nicht treffen. Die Marsbewohner werden zwar geboren und sterben; aber sie erneuern sich immer wieder; sie verlieren ihr Ich, verändern aber nur die Form, um am Urwesen aller Dinge weiterzuleben und weiterzubauen. Deshalb erscheint ihnen der andere als ihr eigenes Selbst, das nur dem ewigen Erscheinungswechsel unterworfen ist. Du bist in allem, und alles ist in dir. Dein kleines Ich ist nur ein Tropfen, der von der Welle des Lebens für kurze Augenblicke emporgeschleudert wird aus dem ewigen Meere des Seins. Nicht länger dauert diese Trennung, als der Tropfen braucht, um wieder in den Ozean zurückzufallen. So sind die Marsbewohner mit ihrem Gotte eins, und so sind sie mit ihrem Nächsten eins. Ihr Ethos, ihr Sittengesetz baut sich auf dieser festen Grundlage auf: alles Lebende ist ein einziges Wesen, und alle Erscheinungen sind Teile dieses Wesens. Die Glückseligkeit besteht darin, dieses Urwesen aller Dinge von Schmerzen zu befreien. Wie ist das anders möglich, als daß alle lebenden Wesen von Schmerzen frei sind! Ich muß also für den anderen sorgen und ihn lieben, um mich selbst zu befreien; denn dieser andere bin ja ich in millionenfacher Wiederholung. Jeder einzelne ist nur ein kleines Glied des großen Körpers, und all der unsägliche Jammer, welcher die Organe dieses Körpers trifft, wird auch von uns empfunden, wenn wir eingehen in das ewige Leben, d. h. wenn unsere Einzelexistenz erlischt. Das dunkle Gefühl des Mitleids deutet darauf hin, daß wir mit unbekannten höheren Organen zusammenhängen mit dem großen Werden und Vergehen außer uns.
Die tausendjährige Aufgabe der Marsbewohner bestand darin, den anderen von Schmerz zu erlösen. Die Naturwissenschaften lieferten die Mittel, die Körper der Marsbewohner immer mehr zu vervollkommnen, die Krankheiten aus der Welt zu schaffen, die physische Kraft und das Wohlbefinden, sowie die Schönheit des Körpers zur höchsten Entfaltung zu bringen. Es giebt auf dem Mars keine Krankheiten mehr. Die Bürger des Mars werden hundert Marsjahre alt, das ist fast zweihundert Erdenjahre; dann stumpfen sich ihre Sinne ab, ihr Interesse am Dasein erlischt, und im heiteren Kreise der aufblühenden Jugend, umgeben von liebenden Verwandten, verdämmert ihr Einzelleben in das große, flutende Meer alles Seins. —