Seit zwei Jahren war Erwin mit seiner Marie durch des Priesters Segen verbunden. Ein gesundes Knäblein lag in der Wiege; es hatte das Licht der Welt noch in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Glückstrahlend hatte es die Mutter der Ahnfrau in den Arm gelegt, und diese vergaß beim Anblicke ihres Urenkelkindes alle Schrecken und Drangsale der vergangenen Monate. Ja, es zog sogar ein Gefühl des Friedens und der Beruhigung durch die Brust, als sie in die unschuldigen Kinderaugen blickte, die ihren Anteil an der Schönheit und den Freuden dieser Welt zu fordern schienen. War er doch auch ein berechtigter Erbe alles dessen, was die Menschheit auf ihrer vieltausendjährigen Wanderschaft im Schweiße ihres Angesichtes erkämpft und errungen hatte — vielleicht der letzte Erbe einer tausendjährigen Kultur. Alles, was da war und entstand und sich entwickelte, was in Millionen Gehirnen zur Erkenntnis oder zur künstlerischen Ausgestaltung drängte, war mit den Kindern dieser Epoche abgeschlossen, zu ewigem Stillstand verdammt — das ungeheuere Erbe ein nutzloses Spielzeug in der Hand eines lallenden Kindes!
Doch diese Erwägungen vermochten in den Eltern und Großeltern die Freude an dem Seienden nicht zu verkümmern. Auch die Vögel bauten ihre Nester, und der Baum vor dem Hause setzte Blüte an Blüte, ja, es schien, als ob sich der Lebensdrang aller Kreatur verzehnfacht hätte, als ob sich alles, was da noch im dumpfen Entfaltungsdrange schlummerte, zum letzten Appell hervordrängen wollte. — —
Denn die Sonne schien noch warm; aber allmählich wurde es den Erdenkindern zur traurigen Gewißheit, daß die Lebensweckerin und Allerhalterin verblaßte, daß die große Wärmespenderin mit ihren Gaben immer haushälterischer wurde. Der gewaltthätige Begleiter unserer Erde hatte nicht die Absicht, sich in unserem Sonnendistrikte häuslich einzurichten; er strebte vielmehr darnach, seine Gesponsin, die Erde, auf seinem freien, ungebundenen Wanderleben im Weltenraume mitzunehmen. So leicht ging dies allerdings nicht; denn die Erde leistete, dem Trieb der Selbsterhaltung folgend, mit den ihr innewohnenden Urkräften mächtigen Widerstand. Aus diesem Kräftespiel ergab sich aber doch der endgiltige Sieg des gewaltigen Gestirns. Die Erde wurde aus ihrer Bahn gedrängt und bewegte sich nicht mehr in einer elliptoiden Linie, sondern in der Form einer aufgerollten Spirale um die Sonne, wobei sie sich von ihrer Lebensspenderin immer mehr entfernte. Mit der Entfernung nahm auch die Wärmemenge ab, und von da an machte der Erkaltungsprozeß der Erde mit mathematischer Genauigkeit seinen Fortschritt. Auch das Licht der Sonne nahm bedeutend ab, und selbst um die Mittagszeit waren ihre Strahlen matt und glanzlos, als ob sie durch eine Wolkenschichte abgeschwächt würden. Das Aussehen der Menschen und Dinge wurde dadurch in unheimlicher Weise beeinflußt; die Blätter der Bäume und Sträucher, sowie das Gras der Wiesen verloren ihre grüne Farbe. Der Buchenwald zeigte ein mattes Grau wie das Olivenlaub, und die Wiesenflächen waren anzusehen, als ob eine dichte Staubschichte darüber lagerte; der Farbenschmelz der Blüten und Blumen war verschwunden, und selbst der Menschen Antlitz wurde aschfahl.
Der Abend zeigte statt des Mondes eine Anzahl hellleuchtender Klümpchen, die über einen großen Teil des Firmamentes ausgebreitet waren. Das waren die Trümmer des einstigen treuen Begleiters unserer Erde. In immer engeren Bahnen umkreisten diese Trümmer die Erde; denn je mehr sich diese von der Sonne entfernte, desto größer wurde die Anziehungskraft, die sie auf die kosmischen Körper ihrer Umgebung ausübte. Zuletzt stürzten einzelne dieser Trümmer auf die Erde nieder und erzeugten Katastrophen, gegen die alle Elementar-Ereignisse, welche die Erdgeschichte kennt, unbedeutende Erscheinungen waren. Der erste dieser Mondpartikel fiel in den indischen Ocean. Obwohl es nur ein verschwindend kleiner Teil des ehemaligen Erdtrabanten war, so erzitterte doch die ganze Erde in ihren Grundfesten. Die ungeheuere Welle, welche der Einschlag des in den Ocean eindringenden Körpers verursachte, riß alles mit sich fort, was in den Bereich ihrer verheerenden Wirkung kam. Bergehoch stürmte sie gegen das Festland, überschwemmte in wenigen Stunden Ostindien, die Sunda-Inseln, Malakka und machte erst vor der gewaltigen Felsenmauer des Himalaya Halt. Vor dieser Sintflut gab es keine Flucht, keine Rettung. Tausendjährige Kulturen wurden in wenigen Stunden vernichtet, alles Lebende ertrank, volkreiche Städte waren nach dem Rücktritt der Wasser versandete und verschlammte Trümmerhaufen — die Wiege der Menschheit ein ungeheueres Leichenfeld! Durch das Eindringen des kosmischen Körpers wurden die vulkanischen Kräfte des Erdinneren rege. Über die ganze Erdrinde pflanzten sich die Erschütterungen fort, zahllose Städte und Ortschaften lagen in Schutt und die Bewohner unter ihren Trümmern begraben. An tausend Orten öffneten sich Feuerschlünde, die ihre glühende, zähflüssige Lava nach allen Seiten ergossen. War die Menschheit schon durch die veränderte Mischung der Atmosphäre decimiert worden, so schrumpfte ihre Zahl noch mehr zusammen durch die eben geschilderten ungeheueren Verheerungen, welche die aufrührerischen Elemente verursachten. Viele raffte der Schreck dahin — andere aber trotzten mutig allen Ereignissen. Den Tod als etwas Selbstverständliches erwartend, waren ihre Nerven gestählt gegen die entsetzlichen Phänomene, welche sie in fast ununterbrochener Folge erleben mußten. Ja, ein gigantischer Trotz erfüllte die Überlebenden, und nur zwei Triebe arbeiteten mächtig in ihnen. Sie wollten bis in die denkbar letzten Phasen das ungeheuer erhabene Schauspiel einer sterbenden Welt als letzte Zuschauer ansehen, und sie wollten die Spuren ihres Daseins diesem durch endlose Räume fliehenden Leichenfelde eingraben — denn ihre letzte Hoffnung gaben sie nicht auf, daß nach Jahrtausenden vielleicht neues Leben auf der alten Erde grünen würde. Dann sollten die Monumente, welche sie errichten wollten, von einer versunkenen Welt erzählen. — So flackerte der Erhaltungstrieb der Gattung noch einmal auf und spannte die Muskeln und Nerven der letzten Menschen, die inzwischen alles Grauen verlernt hatten, zu unerhörten Leistungen an. Es galt zunächst, Licht und Wärme, die in konstanter Abnahme begriffen waren, künstlich zu ersetzen.
In letzter Stunde sozusagen wurde noch eine vereinfachte Methode entdeckt, das Wasser in seine beiden Elemente, Wasserstoff und Sauerstoff, zu zerlegen und die weißglühende Flamme des Wasserstoffes durch den Sauerstoff zur höchsten Licht- und Wärmeleistung anzustacheln. Ungeheuere Wärmehäuser von meilenweiter Ausdehnung wurden errichtet und Gewächse aller Art durch dieses künstliche Mittel zum Wachsen und Früchtetragen gebracht. Von den früheren, fabelhaft üppigen Ernten waren unermeßliche Vorräte aufgespeichert, und da die Menschenzahl auf einen geringen Prozentteil ihrer früheren Größe zusammengeschmolzen war, so gab es für die Überlebenden keine Sorge ums tägliche Brot. Mit fieberhafter Anstrengung arbeitete alles daran, durch gewaltige Bauten aus Metall und Granit unverwüstliche Spuren zu hinterlassen und durch die von Künstlerhand gemeißelten Darstellungen des verflossenen Kulturzustandes der alten Erde einen Geleitbrief mitzugeben für das dereinst wieder erwachende Leben. Man kehrte wieder zur Pyramide der alten Ägypter, als der einfachsten und dauerhaftesten Bauform, zurück; aber die vorgeschrittene Technik erlaubte die Konstruktion von Gebäuden mit gigantischen Formen. Das Innere dieser gewaltigen Pyramiden, deren Spitzen die Höhe des Eifelturmes überragten, wurde zu Museen alles dessen umgewandelt, was die Erde von ihrer ersten Jugend an bis zu ihren Sterbetagen hervorgebracht hatte. Da gab es ein ethnographisches, ein naturhistorisches, ein kunsthistorisches Museum; die eine Pyramide beherbergte in ihrem Innern eine ungeheuere Bibliothek, welche ein Kompendium des gesamten Wissens der Menschheit enthielt, eine andere Pyramide enthielt die dichterische Arbeit des Menschengeistes von Homer und Kalidasa angefangen bis auf die modernen Geister von der „fin du siècle“.
In den Marmorbergen von Carrara herrschte ein reges Leben; alle Nationen der Erde waren vereinigt, um, unterstützt von den vorgeschrittenen Mitteln der Technik, ein unerhört kühnes Werk zu schaffen. Einer der Berggipfel wurde an Ort und Stelle durch Dynamitsprengungen und durch die Arbeit ungeheuerer Bohrmaschinen in ein gigantisches Kunstwerk umgewandelt. Die Nationen Europas hatten sich geeinigt, aus dem Marmorberge die Züge Goethes herauszumeißeln, den man körperlich wie geistig als die vollendetste Verkörperung des Menschheitstypus erklärt hatte. So lange die Berge stehen und die Krisen der fieberdurchglühten Erde überdauern, wird auch sein Antlitz dem neuen Leben entgegenleuchten und sein Götterauge den Abglanz einstiger Menschengröße erkennen lassen.
Das alles und viel mehr, dessen Aufzählung Bände füllen würde, wurde in fieberhafter Hast vollendet; denn die Zeit war schon gemessen, in der die Menschheit noch in freier Luft verweilen konnte. Kalt und matt leuchteten die Strahlen der Sonne. Diese erschien dem Auge des Beobachters fast um die Hälfte kleiner. Es war ein Licht von der Intensität der Morgendämmerung. Die Erde war inzwischen dem Mars, der allnächtlich als leuchtende Scheibe von der vierfachen Größe des Mondes am Himmelsbogen aufstieg, in beträchtliche Nähe gekommen. In den letzten Wochen nahm die Distanz rapid ab, und die Fernrohre, welche sich nach dem ruhig in seinen Bahnen dahinrollenden Himmelsnachbar richteten, sahen erhabene, nie geahnte Wunder. Kontinente und Meere boten sich den erstaunten Blicken in größter Deutlichkeit dar, und mit der zunehmenden Annäherung gewahrte man die Spuren einer überaus reichen Kultur, die nur von intelligenten Geschöpfen hervorgebracht worden sein konnte. Mächtige, oft einige Meilen breite Meeresarme durchzogen die Kontinente; denn diese hatten weder Gebirge noch Flüsse. Die geradlinige Form der Meeresarme ließ darauf schließen, daß sie durch den Willen und die Arbeit von intelligenten Wesen entstanden waren.
Jetzt war die Distanz so gering, daß die größten Fernrohre die Landschaften des Mars bis auf wenige Kilometer Entfernung nahe bringen konnten. Man erblickte Riesenstädte mit Bauten von fabelhafter Größe und nie gesehenen Formen. Auf den Meeresarmen tummelten sich zahllose Schiffe und schwimmende Städte; phantastische Brücken überspannten in ungeheueren Bogen die mehrere Meilen breiten Kanäle, Hunderttausende von lebenden Geschöpfen standen auf freien Plätzen und auf den Plattformen der Gebäude und beobachteten die Erde, deren Erscheinungen und Kunstgebilde ihnen nicht minder wunderlich vorkommen mochten, wie uns die ihrigen. Sie bewegten sich wie wir; nur konnten sie sich auch nach Belieben in die Luft erheben und freischwebend, jedoch sehr langsam von einem Ort zum anderen gelangen. Sie waren entschieden höher organisiert als die Erdbewohner, was bei dem ungleich höheren Alter des Mars ja selbstverständlich ist. Man sah, sie suchten sich durch Zeichen mit den Erdbewohnern zu verständigen. Aus ungeheueren Reflektoren kamen Lichtzeichen hervor, die den Erdbewohnern erst nach langen Mühen verständlich wurden, trotzdem sie in der scharfsinnigsten Zeichensprache ausgedrückt waren. Man konnte übrigens daraus entnehmen, daß ihren höher entwickelten Sinnen die Erde und ihre Bewohner schon viel früher wahrnehmbar geworden waren, und daß sie ihre Versuche, sich mit den Erdbewohnern zu verständigen, schon oft wiederholt haben mußten. Die Gelehrten fanden endlich den Schlüssel zu dieser Zeichensprache. Die Bewohner des Mars entsendeten den irdischen Bewohnern brüderlichen Gruß und teilten ihnen mit, daß die Erde noch zehn Jahre lang sich von der Sonne entfernen würde, bis sie in die Nähe des Jupiters komme. Dieser gewaltige Planet werde den Kometen an seine Bahn fesseln; dadurch würde die Erde von ihrem gewaltthätigen Begleiter befreit und, ihren alten Attraktionsgesetzen folgend, in umgekehrter Spirallinie in ihre frühere Bahn zurückkehren.
Diese Nachricht der Bewohner des Nachbargestirns übte auf die Erdbewohner eine zündende Wirkung aus. Also winkte dem Erdengeschlecht doch noch ein Hoffnungsschimmer! Ungeheuere Freudenfeuer wurden angezündet und in geometrische Linien gebracht, um den Bewohnern des Mars die Bestätigung zu geben, daß ihre Mitteilung verstanden wurde. Die Menschen, welche durch all die Heimsuchungen der letzten Zeit gegen alle Schrecken der Elemente abgestumpft waren, wurden durch diese Nachricht, die ihnen den Schimmer einer Hoffnung ließ, elektrisiert. In ihren Augen leuchtete, seit langer Zeit zum erstenmale, ein Funke der Freude auf, die Begegnenden tauschten Händedrücke oder fielen einander um den Hals und weinten Freudenthränen. Es war ja keine Rettung für sie; denn die wenigen Millionen, welche die grauenvollen Umwälzungen noch verschont hatten, sie werden hinsiechen in der jahrelangen Nacht, in der Öde der ungeheueren Eiswüste — —