Es gab keinen Unterschied der Stände mehr. Jeder in diesem Kreise hatte das gleiche Recht an die Freude. In zwanglosen Gruppen lagerten sich die Pärchen, die sich zueinandergesellt. Der Wein erhitzte die Gemüter, und manches übermütige Scherzwort machte unter fröhlichem Gelächter die Runde. Dann aber kam auch die Kunst an die Reihe. Der Sänger, eine prächtige, männliche Erscheinung, wußte mit dem Zauber seiner Stimme die Anwesenden mächtig zu ergreifen. Herrlich klangen die Töne durch die idyllische Waldeinsamkeit, und das Echo einer fernen Felswand vervielfältigte sie in geisterhafter Weise. In diesem Augenblick stieg der Mond am Horizont empor, immer höher und höher — gleichzeitig wurde die langgestreckte Feuerrute des Kometen sichtbar. Und da trat ein Ereignis ein, welches die eben noch so fröhliche Runde verstummen machte. —
Auf dem westlichen Firmamente leuchtete plötzlich ein Meteor auf, das an Größe und Helligkeit die eben untergegangene Sonne zu erreichen schien. Langsam und majestätisch strich es in weitem Bogen über das Firmament hin. So groß war die Lichtfülle, welche dieses Phänomen ausstrahlte, daß die erstaunten Beobachter vermeinten, die Sonne sei wieder über den Horizont emporgestiegen. Das Licht des Mondes erblaßte vollständig. Die leuchtende Kugel näherte sich in ihrem Fluge immer mehr dem Monde; sie mußte in ungeheuerer Entfernung von der Erde sein; denn man bemerkte trotz der Riesengröße dieses Himmelskörpers kaum seine Bewegung. In atemloser Spannung verfolgte die eben noch so fröhliche Schar die Bewegung des Meteors. Es war kein Zweifel, der fremde Weltkörper war in den Attraktionsbereich des Mondes gelangt und mußte mit ihm zusammenstoßen. Furchtbare, bange Minuten verstrichen; kaum wagte einer zu atmen. Immer näher und näher rückte der unheimliche Körper an den Mond heran — jetzt trennte ihn nur mehr ein Zwischenraum von wenigen Graden von dem ruhig dahinwandelnden treuen Begleiter unserer Erde. Da schien es, als ob mit einem plötzlichen Ruck die beiden Körper in einen verschmolzen wären. Gleich darauf erlosch das Licht des gewaltigen Meteors, und an der Stelle, wo es in den Mondkörper eingedrungen war, sah man eine fackelförmige, rote Flamme aufsteigen. Wie gelähmt standen die Beobachter und konnten kein Auge abwenden von dem ungeheuerlichen. Vorgang, der sich über ihnen im Weltenraume abspielte. Welch furchtbare Kräfte der Zerstörung mag dort oben das Aufeinanderprallen zweier Weltkörper entfesselt haben! Und dennoch, kein Laut drang an das Ohr der irdischen Zuschauer, keine Schallwelle verkündete den Effekt der wildwütenden Gewalten. Dort oben im Ätherraum giebt es keinen Schall. Lautlos, klanglos spielen sich alle Bewegungsphänomene ab; denn nur dort, wo Atmosphäre oder Wasser ist, kann sich die Schallbewegung fortpflanzen. Aber selbst angenommen, daß der Äther die Schallwellen fortpflanzen könnte, so hätten die Beobachter doch erst etwa vierzehn Tage nach der Katastrophe das Geräusch, welches diese verursachte, gehört; denn da der Schall in der Sekunde nur einen Weg von 330 Metern zurücklegt, so hätte er die Entfernung des Mondes von der Erde, welche circa 52000 Meilen beträgt, erst in dieser Zeit durcheilen können.
Dort und da wurden längs der Peripherie feurige Garben emporgeschleudert, als ob sie aus dem Krater eines ungeheueren Vulkans gespieen würden. Mit einemmale geschah etwas, das den Zuschauern das Blut in den Adern erstarren machte. Ungefähr in der Mitte der hellglänzenden Mondscheibe wurde plötzlich ein unregelmäßiger dunkler Streifen sichtbar, der sich langsam erweiterte. Dieser dunkle. Streifen war das durchscheinende Firmament. Durch den Zusammenstoß mit dem riesigen Meteor war eine Zertrümmerung des Erdtrabanten erfolgt. Was da oben vor den Augen der Erdbewohner sich in wenigen Minuten vollzogen hatte, war der Zusammenbruch einer Welt, mit der unsere Erde, seit Äonen verschwistert, ihre vorgeschriebene Bahn im unendlichen Raum durchrollte. Schon einmal, vor ungezählten Jahrmillionen, hatte einen Genossen unserer Planetenfamilie ein ähnliches Geschick ereilt. Er hatte seine Bahn zwischen dem Mars und dem Jupiter. Durch welche Ursache seine Vernichtung erfolgte, ist unbekannt. Wahrscheinlich aber ist es, daß der Zusammenstoß mit einem anderen Weltkörper seine Zertrümmerung zur Folge hatte; denn statt des einen großen Planeten, der nach der Laplace’schen Theorie an jener Stelle um die Sonne kreisen sollte, entdeckte das Fernrohr bis jetzt über dreihundert winzig kleine Planeten, die sogenannten Asteroiden. Sie sind so klein, daß einige von ihnen kaum einige Meilen Durchmesser haben, und das Merkwürdigste daran ist, daß sie keine kugelförmige Gestalt wie die übrigen Planeten haben. Es sind also die Trümmer eines großen, durch eine Weltkatastrophe zerschmetterten Planeten.
In den folgenden Nächten waren alle Fernrohre nach dem Monde gerichtet. Jetzt unterschied man schon genau drei größere Stücke, welche sich voneinander langsam entfernten, da ein jedes Stück vermöge seiner verschiedenen Masse dem Gesetze der Attraktion in anderer Weise unterworfen war. Das kleinste Stück umkreiste die beiden größeren, wie ein Trabant des Trabanten.
Jahre waren seit dem oben geschilderten Ereignisse geschwunden. Was hatte die Menschheit in dieser Zeit für herbe Prüfungen durchzumachen gehabt! Kein schöner, tragischer Tod war der Erde beschieden — keine Götterdämmerung, kein plötzliches Aufflammen in einer ungeheueren, alles verzehrenden Lohe. Eine Reihe von furchtbaren Heimsuchungen hatte das Menschengeschlecht allmählich decimiert. Aber die Menschheit hatte den Kampf nicht aufgegeben. Mit der Gefahr und der Größe des Unglücks wuchs auch der Mut, die zähe Ausdauer, ja der Trotz. Anfangs kleinlaut und verzagt, endeten Tausende durch Selbstmord, oder ihr Geist erlosch in der Nacht des Wahnsinns.
Aber je mehr die Schwierigkeiten sich häuften, desto gewaltigere Anstrengungen machte der Menschengeist, die Erhaltung der Gattung zu ermöglichen. Und dann, als auch der letzte Hoffnungsschimmer zu erbleichen begann, daß ein Staubgeborener dem allgemeinen Verderben entrinnen könnte, da flammte die neue Hoffnung in ihnen auf, daß es möglich sein werde, die Spuren ihres Daseins in monumentalen Werken zu hinterlassen. Vielleicht, daß nach dem Chaos eine neue Schöpfungsära in ungezählten Zeiträumen den Funken der Intelligenz wieder anfachen wird und neue Geschlechter den rätselhaften Zeichen eines früheren Lebens nachspüren und die Fackel des Geistes an dem glimmenden Funken der Überlieferung neuerdings entzünden werden.
Langsam und Schritt für Schritt waren die Veränderungen eingetreten, welche die Lebensbedingungen der Menschheit bis auf ein Minimum herabgesetzt hatten. Zuerst kam ein großes Sterben über die Menschheit. Es war ein sanfter Tod — ein Müdewerden und Hinüberschlummern. Er traf in erster Reihe die Alten; dann die Kranken und Hinfälligen. Die Gelehrten fanden die Ursache dieses Sterbens in einer für die Sinne nicht wahrnehmbaren Vermengung unserer Atmosphäre mit den irrespirablen Gasen der Kometensubstanz.