Fußhoch lag das gelbe, gleißende Metall in den Straßen und auf den Feldern, zumeist in erbsengroßen Stücken; dazwischen aber Blöcke von riesigen Dimensionen, deren verheerende Wirkungen allenthalben sichtbar waren. Wo solch ein Block mit seinem ungeheueren Gewichte hinfiel, da zerschmetterte er alles, was nicht aus Erz und Granit gefügt war. In vielen Straßen waren die Dächer der Häuser demoliert, ja ganze Stockwerke durchschlagen. Nach Tausenden zählten die Opfer, welche der schrecklichen Katastrophe erlegen waren. Inmitten des Stromes war ein Block von solch ungeheueren Dimensionen gefallen, daß das Wasser aus seinem Bette austrat und weithin die Gegend überschwemmte. Dieser „Berg von Gold“ glänzte nun weithin in der aufgehenden Sonne; er überragte an Höhe die umliegenden Hügel und stellte eine Masse vor, die sämtliches gemünzte und zu Geschmeiden verarbeitete Gold der Erde um das Tausendfache übertraf. Als ich mit bebender Seele durch die Straßen der Stadt schritt und mit Schaudern die Erschlagenen betrachtete, welche noch die zusammengerafften Goldbrocken in den erstarrten Händen hielten, stand auf einmal der alte Professor Holberg, ein wunderlicher Kauz, dessen Äußeres schon den Sonderling verriet, hinter mir, tippte mir auf die Schulter und sagte mit seiner schnarrenden Stimme: „Nun, da wären wir ja so weit! Das liebe Gold, das herrliche Gold, das durch so viele Jahrtausende unserer Weisheit Anfang und Ende war — es braucht nicht mehr erlistet, erschlichen, erkämpft, ertrotzt, erpreßt zu werden, es liegt auf der Straße — da kommt und nehmt es — ihr seid freundlichst eingeladen. Schleppt es fort in eure Höhlen und Schlupfwinkel, bis ihr unter seiner Last zusammenbrecht — je mehr, desto besser. Haben Sie gesehen, Herr Kollege, wie sie in ihr altes Delirium verfielen, wie der chronische Goldhunger der Menschheit auf einmal in einen wahnwitzigen Paroxysmus ausartete und gleich darauf in sein Gegenteil verfiel?“
Er bückte sich und hob ein eigroßes Stück vom Boden auf. „Schade, ei, wie schade!“ rief er aus. „Dich hätt’ ich im vorigen Jahre noch brauchen können, als ich den Sohn der armen Witwe behandelte. Er sollte fort in ein wärmeres Klima, da hätte er noch gerettet werden können, der Ernährer seines alten Mütterchens. Warum bist du denn damals nicht durch den Schornstein hereingeflogen, du dummes, plumpes Stück Gold — weißt du denn nicht, wie sehr sie dich herbeigesehnt, das weißhaarige Mütterchen, wie sie ihr armes Gehirn zermartert hat, um einen Weg zu finden, wie man dich herbeischaffen könnte, wie sie vor dem Bilde ihres Schöpfers auf den Knieen gelegen, um dich vom Himmel herabzuflehen — alles vergeblich; du bist damals nicht gekommen, du dummes, fühlloses, gleißendes Stück Metall — sie mußte ihr Kind, ihren Ernährer täglich mehr hinschwinden sehen, und wenn sie gleich aufschrie in ihrem wilden Schmerze — es fand sich doch keiner, der sich von dir um seines Mitmenschen willen getrennt hätte, denn sie hatten dich alle lieb mit einer sündhaften, abgöttischen Liebe, sie hatten dich lieber als ihren Nächsten, lieber als Mutter und Vater, lieber als ihr eigenes Kind, ihre Ehre, ihren Gott! Du durftest nur blinken, so kehrte sich die Natur des Menschen um — du machtest den ehrlichen Mann zum Betrüger, das schamhafte Weib zur Dirne, den strengen Richter zum käuflichen Rechtsverdreher. Hahaha! Und jetzt bist du da — aber den Sohn der armen Witwe hat man inzwischen schon eingegraben, und die Alte ist ihm schnell gefolgt. Ein Glück für dich; denn sie hätte dir ja doch geflucht, wenn du jetzt gekommen wärst, wie zum Hohne. Und sie fluchen dir alle — haben Sie gesehen, lieber Kollege, welcher Verachtung und welchem Ekel das gelbe Metall allenthalben begegnet? Es ist nichts mehr wert! Hahaha! Entthront, der Purpurmantel herabgerissen, das Scepter entzwei gebrochen — du stolzer Herrscher über die Menschheit, mächtiger als Dschingiskhan und Tamerlan, aber auch grausamer als diese, deine Herrschaft ist zu Ende. Du hast abgewirtschaftet, du stolzer Verächter des Schweißes und der Arbeit, du unerbittlicher Sklaventreiber der Armut, dein Reich ist dahin, du kupplerischer Sklave des Wohllebens, du stets dienstbeflissener Helfer des Übermutes, du Hofnarr des Müßiggangs und des Dünkels. — Ei, was seh’ ich denn da? Goldene Spangen und Ringe, kunstvolles Geschmeide — alles auf die Gasse geworfen, wie unnützen Kehricht! Da sehen Sie nur selbst, wie man all den Tand zum Fenster hinauswirft! Und jener Bettler, in Lumpen gehüllt, er stößt das glitzernde Geschmeide, das eben aus jenem Fenster gefallen ist, verächtlich mit dem Fuße bei Seite. Ein Stück Brot ist ihm lieber.“
Professor Holberg hielt plötzlich inne und deutete auf eine Gruppe von Frauen und Männern, welche, fröhliche Lieder singend, in’s Freie zogen. „Haben sie nicht recht?“ fragte er mich. „Sie können es ja nicht ändern. Was da kommt, hätte jeden Tag kommen können in all den langen Zeitperioden, an die sich die Menschheit zurückerinnert. Wie viele haben in früheren Zeiten dem Tode in tausendfachen Gestalten furchtlos ins Antlitz geschaut! Und für jeden Einzelnen, wenn es für ihn ans Sterben ging, war der Tod ein Weltuntergang.“ —
Wir schlossen uns der Gruppe an. Gegen Westen zu war die Landschaft von dem Meteorregen des vorhergehenden Tages so ziemlich verschont geblieben, während auf der östlichen Seite die Felder verwüstet, die Wälder ihres Laubes beraubt waren, und viele Stämme zerschmettert auf dem Boden lagen. Es war also anzunehmen, daß die Katastrophe nur auf einem begrenzten Strich Landes so ungeheuere Verheerungen angerichtet hatte. Wir kamen an einen herrlichen, freien Platz, von einem hochstämmigen Buchenwald eingefaßt. Die Waldlisière entlang rauschte ein munteres Bächlein. Hier lagerte sich die fröhliche Schar im Schatten hundertjähriger Buchen. Dem äußeren Ansehen nach waren es Menschen aus den verschiedensten Lebenssphären. Der flaumbärtige Student und der grauhaarige Gelehrte, der junge Kleriker und der narbenbedeckte Soldat, die leichtfüßige Nähmamsell und die ehrwürdige Matrone, sie alle hatten sich zusammengefunden zu demselben Zwecke. Sie wollten das ewige und unveräußerliche Menschenrecht, mutig dem Unvermeidlichen ins Antlitz zu schauen und die Gaben der Natur in geselliger Heiterkeit zu genießen, auch jetzt noch aufrecht erhalten. Gleichwie jene mutige Schar während der Florentiner Pest sich in der herrlichen Natur ihr gutes Menschenrecht an der Freude nicht verkürzen ließ und in edlem Freundesverkehr Vergessenheit suchte, so wollten auch sie eine Art Decamerone bilden, in Fröhlichkeit, Gesang und Saitenspiel, im Verkehr mit lieblichen Frauen und bei heiteren Gelagen auf kurze Zeit Lethe trinken und gleichzeitig das Wort des Dichters zum Wahrwort machen:
„Und singend einst und jubelnd
Durch’s alte Erdenhaus
Zieht als der letzte Dichter
Der letzte Mensch hinaus.“