Mit unheimlicher Ruhe nahm die Menge die Wahrheiten entgegen, die ihr die unerbittliche Wissenschaft durch den Mund des Gelehrten verkündete. In stumpfer Resignation verließ sie den Platz. Freunde umarmten einander und drückten sich die Hände, als wollten sie Abschied nehmen für’s Leben. Dann blickten sie wehmütig hinauf zum leuchtenden Sonnenball, der in gewohnter Schönheit und Majestät herniederstrahlte auf die Erde . . . Kopfschüttelnd und fiebernd fast vor innerer Erregung suchten sie ihr Heim auf. Es kann ja nicht sein! Es ist ja so ganz unfaßbar! . . .

25. November 1899.

Das waren Stunden! Noch immer tobt es in meinen Adern, noch immer schwingen die Nerven von den Eindrücken der letzten Stunden! — Die zweite Ernte war geborgen. Ein Segen, wie ihn der Landmann noch nie vorher gesehen. Was da eingeführt wurde in Scheunen und Gruben, das reichte auf Jahre hinaus für die europäische Menschheit. Arbeitskräfte waren in Fülle vorhanden; denn die Heere waren aufgelöst und die männliche Jugend hatte geholfen die Felder bestellen und die Ernte bergen. Der Segen des Himmels hatte seine Wirkung gethan. Es war in den letzten Tagen wie Ruhe und neue Zuversicht über die Menschheit gekommen.

Da kam der Abend des 24. Novembers. Der Dämon am nächtlichen Himmel lagerte über dem südlichen Horizont. Die gelblich fahle Dämmerung verscheuchte bald die wenigen Passanten aus den Straßen. Sie waren fast menschenleer. Da kam es. — Vom Sternbild der Cassiopeja schien es auszugehen. Zuerst ein hellglänzender Lichtstreif, dann ein Funkenregen, wie von einer Sprührakete. Das kam immer häufiger, bald da, bald dort, und bald schien es, als ob an einem Teile des Himmels eine Feuerwerksfront abgebrannt würde. Wir sahen vom Fenster unserer Wohnung diesem eigenartigen Schauspiel zu. — „Ein Meteoritenregen,“ meinte der Rat. — „Ja wohl,“ sagte ich „diese Meteore sind aber Bestandteile des Kometen. Die Erde ist also in einen Teil des Kernes eingedrungen.“ — In diesem Augenblicke gewahrte ich eine Menschengruppe, die lebhaft gestikulierend einen Gegenstand betrachtete. Ein Mann schien den Umstehenden den Gegenstand zu erklären. Hie und da bückte sich einer, um etwas vom Boden aufzulesen. Auf einmal hörte ich einen Jubelschrei ansstoßen, und gleich darauf stob die Menge jauchzend auseinander. — „Was ist nur wieder los, was stimmt die Menge auf einmal so fröhlich?“ fragte der Rat. — Ich versprach den Meinigen, bald wieder da zu sein, und begab mich auf die Straße. Überall das wirre Durcheinanderdrängen, Jauchzen und Schreien. Aus den Hausthoren stürzten sie hervor auf die Straße, lebhaft gestikulierend und einander die Gegenstände zeigend, die sie vom Boden auflasen. „Was ist’s, was giebt es denn?“ rief ich den Nächststehenden an.

— Er that einen Freudensprung und schrie: „Gold, Gold — pures Gold — alles, was da herunterfällt vom Himmel ist pures Gold!“

Es war wirklich so. Ich bückte mich nach einem glänzenden Gegenstand in der Größe einer Haselnuß. Er war noch heiß von seiner jähen Fahrt; aber es war Gold — pures Gold. Während ich es aufmerksam betrachtete, riß es mir ein Vorübereilender brutal aus der Hand. „Such dir ein anderes!“ rief er mir zu. Mir schoß das Blut heiß in die Schläfen. Auch jetzt, Menschheit, in der Zeit des namenlosen Schreckens wühlt das Wörtchen Gold mit einem Male all die bösen Leidenschaften wieder auf, die dich seit vielen Jahrtausenden fruchtlos im Kreise herumgeführt haben! Gold, Gold! Was hat das jetzt noch für Bedeutung — Ihr braucht es nicht. Es ist doch nur ein wertloses Symbol. — Aber jedes Wort verhallte in dem Lärm. Von heftigster Leidenschaft erregt, fielen sie über die Goldkörner her, die anfangs vereinzelt, dann in immer größerer Zahl und in größeren Stücken zur Erde fielen. Sie achteten nicht der empfindlichen Wunden, welche die herabfallenden Stücke verursachten — mit Körben und Kisten und allerlei Gefäßen stürzten sie aus den Häusern und rafften zusammen, was im Bereiche ihrer Hände lag. Dabei kamen sie miteinander in Streit, der die wildesten Formen annahm — Gold, Reichtum! — ein grauenhaftes Delirium kam über die Massen — Besinnung, ruhiges Nachdenken konnten nicht zur Geltung kommen. Jeder raffte, was er nur konnte, und sah voll Wut auf den Nächsten — und ich sah, wie einer seinem Nachbar das Messer in den Rücken bohrte, um sich der Beute zu bemächtigen. Von namenlosem Grauen erfaßt, floh ich die Stätte des Wahnsinns. —

Aber der Hohn des Schicksals brachte diesen Unglücklichen Sättigung ihrer grenzenlosen Leidenschaft. Bald waren die Dächer und Straßen zollhoch mit Goldkörnern bedeckt. Unablässig schaufelten sie das kostbare Metall in ihre Häuser. Und der zweifelhafte Segen nahm kein Ende. Immer dichter wurde der Regen, und zuweilen fielen auch Klumpen von beträchtlicher Größe herab, die mit lautem Jubelgeschrei begrüßt wurden. Hier und dort blieb einer, von einem schweren Stück getroffen, liegen. Des achteten aber die anderen nicht und schaufelten eifrig weiter. Jetzt aber kam ein Geprassel und ein Geknatter, als ob die Feuerschlünde von hundert Batterien sich geöffnet hätten. Gold — Gold und wieder Gold fiel herunter. Hunderte von Leichen lagen in den Straßen — da ergriff die übrigen starres Entsetzen. Sie flüchteten in ihre Wohnungen und fluchten dem Golde! Dem lieben Golde, das sie seit vielen Jahrtausenden mit allen Listen erschlichen, mit allen Lastern errafft — mit Mord und Todschlag erbeutet hatten. Jetzt war es da — und jetzt ließ sich der einst so spröde Gast nicht abweisen. Mit Donnergekrach fielen ganze Blöcke zur Erde, zerschmetterten Menschen und Häuser, und über den Unglücklichen häuften sich Leichenhügel und Berge von Gold.

Als die Sonne aufging, beleuchtete sie ein entsetzliches Bild der Zerstörung.