In diesem Augenblick drang ein wirrer Lärm von der Straße herauf. Erwin trat ans Fenster und öffnete es. Die übrigen Personen folgten ihm. Ein fahles Licht ohne Wärme, ohne Glanz erleuchtete Straßen und Plätze und ließ die dichtgedrängte, auf und ab hastende Menge in scharfen Umrissen erkennen. Zahlreiche Zeitungsausrufer verteilten Flugblätter unter die Menge. Man hörte ihre schrillen Stimmen rufen: „Kein Winter mehr für unsere Zone! Stellung der Erdachse senkrecht auf die Ebene der Bahn! Neue Hypothese des Professors Brown! Allgemeine Abrüstung!“
III.
Das Tagebuch.
Erwin sitzt an seinem Schreibpulte. Die Feder ist seiner Hand entfallen. Sinnend stützt er sein blondes Haupt mit der linken Hand und blickt wie traumverloren auf das Schriftstück vor ihm, das seine Handschrift trägt. Es enthält die Aufzeichnungen der großen Ereignisse, von denen das Denken und Fühlen der ganzen Menschheit erfüllt ist. Wir lassen nunmehr das Tagebuch des Künstlers sprechen, weil es den unmittelbarsten Eindruck wiedergibt, den die unheilvollen Vorgänge jener Tage auf eine edle Menschenseele ausgeübt.
Trotz der allgemeinen Betäubung ist in Handel und Wandel noch keine vollständige Stockung eingetreten. Die Menschheit geht ihren Geschäften nach, zwar lässig und kraftlos; aber nach dem Gesetze der Trägheit erfüllt sich das Tagewerk jedes Einzelnen. Mit ängstlicher Sorgfalt trachtet jeder, so gut als möglich seinen Platz auszufüllen. Niemand will den Gedanken über sich Herr werden lassen, daß in diesem geschäftigen Walten nur ein frommer Selbstbetrug liegt; denn würde dieser Gedanke allgemein werden, so käme das Chaos, die furchtbare Entfesselung roher Instinkte und wilde Akte der Selbstzerstörung. Die große Menge blickt hilfesuchend zu ihren Führern empor, und diese können ihr nichts Weiseres raten als Arbeit und treue Pflichterfüllung. So ist der Puls der Menschheit noch fühlbar; aber hastend und hüpfend, dann wieder schwach und aussetzend, wie im letzten Fieberparoxysmus. Die Menschheit ohne Zukunft! Dieser Gedanke nagt und bohrt in den Gehirnen, und keine Thätigkeit kann ihn betäuben, kein Vernunftgrund zum Schweigen bringen. So wird die äußere Zucht und Ordnung noch durch Gewohnheit und Beispiel erhalten; aber inzwischen hat sich, wie von selbst, in der menschlichen Gesellschaft eine Wandlung vollzogen, an der die Besten und Edelsten seit Jahrtausenden vergeblich gearbeitet. Es giebt keine Kriegsheere mehr. Die Armeen sind auf den niedersten Friedensstand gestellt, die Grenzen sind offen. Die wenigen Truppen werden zur Aufrechthaltung der Ordnung verwendet. Das alles geschah ohne Beratung, ohne Notenwechsel und ohne Congresse. In aller Stille mit einem Gefühle der Beschämung, wurden die Truppen abberufen. Der Schleier, der den freien Blick der Menschheit so lange getrübt, ist gefallen. Die Nationen fühlen sich als Brüder. Das gemeinsame Unglück der Menschheitsfamilie hat sie wieder zusammengeführt. Aber es giebt auch keine Armen mehr; gerne und freigebig spendet jeder von seinem Überfluß. Kirchen und Tempel stehen offen, und die Frommen aller Bekenntnisse suchen Trost und Ergebung an den geheiligten Stätten. Unabsehbare Prozessionen wallen durch die Straßen. An ihrer Spitze wandeln katholische Priester, Pastoren und Rabbiner in brüderlicher Gemeinschaft. Sie sagen damit der thörichten Menge: Laßt euer Gezänke und euren Dünkel. Nur ein Geist waltet über den Dingen, durchdringt das All, gebietet dem Lauf der Gestirne, vernichtet Welten und richtet sie wieder auf. Wir kennen ihn nicht, wir fühlen ihn bloß in uns und außer uns. Nennt ihn, wie ihr wollt, Name ist Schall und Rauch. All das, wofür im Laufe der Geschichte Ströme Blutes geflossen sind und was den Menschen als Offenbarung, Legende und Überlieferung wie ein heiliger Besitz erschienen ist, um den man gekämpft und gestritten und für den viele Tausende freudig ihr Leben hingegeben, erscheint dem letzten Geschlechte in Erwartung des kommenden Endes wie ein Märchentraum der Kindheitsphantasie. Hellsehend, wie Sterbende sind, erkennen sie jetzt den großen Irrweg, den sie durch lange Zeiträume auf der Suche nach der Gottheit gegangen. Sie suchten das Sittliche, das Edle außer sich, während die Gottheit in ihnen wohnte und vergeblich mit den elementaren Trieben des blinden Schöpfungsdranges nach Entfaltung rang. Der allgewaltige, vielgestaltige, in seinen Milliarden von Einzelerscheinungen unfaßbare Werdetrieb ist weder vernünftig, noch zweckmäßig, noch ethisch. Blind gehorcht er den ewigen Gesetzen, zerstört und baut auf. Was als zweckmäßiger Schöpfungsgedanke erschien, war die notwendige Auslese aus Millionen Unmöglichkeiten. Die wärmende Sonne, welche die dampfende Erde mit Myriaden von Keimen befruchtete, brachte nichts als Wärme, Licht und Polarität in den Haushalt der Natur. Sie kannte nur physikalische Gesetze und chemische Gewalten. So groß und erhaben, so unausdenkbar diese immer sein mögen, sie bergen keinen voraussehenden Gedanken, keine Vernunft und keinen Endzweck in sich. Sie gab ihren Geschöpfen keine Gesetze zur freien Wahl, denn diese Geschöpfe waren selbst organisierte Naturgesetze mit gebundener Marschroute. So bist du und so mußt du sein, hieß ihr Machtwort, dem noch kein Lebewesen zuwider gehandelt hat.
Da kam das letzte, vollendetste Geschöpf des Lichtes, der Mensch, und in den engen Zellen der Gehirnwindungen bewirkte derselbe Lichtstrahl durch unerklärte Metamorphosen geheimnisvolle Veränderungen, die sich als Anschauung, Erkenntnis, Urteil, Vernunft darstellten. Dieser Prozeß vollzog sich bei ihm mit derselben Notwendigkeit, mit der sich ein Lichtstrahl unter dem Prisma in die sieben Farben des Regenbogens verwandelt. Aber der wunderwirkende Strahl beunruhigte ihn. Er fragte nach dem Warum? Er forschte nach dem Zweck. Die Sonne, die ihm das furchtbare Geschenk gegeben, konnte es ihm nicht sagen. Sie wußte es selbst nicht. Die übrige Natur blieb stumm; sie war ja unvernünftig; in ihr hatte der Strahl noch nie einen quälenden Gedanken entzündet.