Da fand der Mensch seinen Gott. Er war das Warum und Wozu. Er wohnte nur in ihm, ward nur durch ihn gedacht. Die Sonne kannte ihn nicht; die Erde kannte ihn nicht; der Fisch im Wasser und der Vogel in der Luft fragten nie nach dem Warum und Wozu.
Jetzt ging der Mensch auf die Suche nach seinem Gotte aus. Er ahnte nicht, daß er in seiner Gehirnzelle saß, daß er die letzte und edelste, die sich selbst schauende That des allschaffenden Sonnenstrahles war. Er suchte den Gott außer sich. Er sah den flammenden Sonnenball, der seit Jahrmillionen Licht und Wärme spendet und alles Lebende zeugt, und sagte sich: Das ist Gott! Andere bildeten scheußliche Fratzen aus Stein und Erz und sagten: Das ist Gott. Auch Tiere und Bäume hielten sie für die Wohnung ihres Gottes. Wieder andere fanden für jedes Warum und Wozu einen Gott; der Baum, das Wasser, der Fels, die Wolke hatten einen innewohnenden Gott. Nur der Mensch hatte in sich den Gott nicht gefunden. Er ist nur Einer! Ein allgewaltiger Geist, der den Himmel und die Gestirne und alles Lebende nur für uns geschaffen. Er ist unser Gott, der Gott unseres Volkes, sagten die Einen. All die ungezählten Millionen, die sonst noch auf der Erde wandeln, haben keinen Teil an ihm. Wir haben ihn erkannt, obwohl er sich nie zu erkennen gegeben und auch alle anderen Völker der Erde nie wissen ließ, daß er so und nicht anders erkannt und verehrt werden will. Dann wieder lief die Kunde durch die Welt: In Bethlehem hat ein Weib ein Kind geboren, in dem wohnt Gott. Er wandelte auf Erden als Mensch, aber was er sprach und lehrte, was er that und litt, war göttlich. Die Besten von uns haben sein Urbild im Herzen getragen, bevor ihn das Weib gebar. Es schien, daß der Mensch seinen Gott gefunden habe. Aber wieder verdunkelte sich das reine Bild, und die Menschheit vergaß, daß der lebendige Gott wieder und wieder aus jedem Menschen geboren werden müsse. Sie thaten groß und glaubten ihn erkannt zu haben, den Heiland, den Erlöser, und doch, wie weit waren sie von ihm entfernt, und wie entfernten sie sich immer wieder von neuem von ihm! Geradeso wie die erste Zelle im Meeresgrunde die Urform zu all den Myriaden wundervoller Organismen bis hinauf zum Menschen bildete, hat auch der erste kindliche Gedanke des Urmenschen von der Gottheit all die späteren Vorstellungsformen der civilisierten, geistig vervollkommneten Menschheit gezeugt. Doch auch heute noch leben die einfachen Zellenwesen auf dem Meeresgrunde, und auch heute noch spukt in Millionen Köpfen neben der selbstlosen Lehre Christi die plumpe, ungeschlachte Vorstellungsform von einem höchsten Wesen, wie sie der Urmensch ausgedacht. Egoismus, Aberglaube, Furcht, schlaue Spekulation, Staatsraison schaffen heute noch die wunderlichsten Ausgeburten, und nur wenige hochstehende Menschen haben ihren Gott gefunden, weil sie es verstanden, ihm ähnlich zu werden. Der Gott des sicilianischen Bauern und der des russischen Muschiks, des bekehrten Samojeden und des getauften Feuerländers kann doch nicht derselbe sein wie der des selbstlosen, auf der höchsten Zinne einer sittlichen Weltanschauung stehenden Gelehrten! So gilt auch hier das Wort: Jeder Einzelne hat den Gott, den er verdient!
20. Oktober.
Wenn man so auf die Straße tritt! Wo ist das Hasten, wo sind die zerstreuten Mienen, wo ist die sich selbst vergessende Fröhlichkeit, wo die Gedanken an Geschäft und Erwerb, die man sonst von tausend Gesichtern ablesen konnte? — Es ist furchtbar, bei all den Tausenden, welche an mir vorüberfluteten, nur das eine unveränderliche Antlitz zu sehen. Alle die vielfachen Interessen des Lebens, welche sich sonst in unzähligen Zügen in den Gesichtern der Vorübereilenden bemerkbar machten, lassen jetzt keinen Abglanz zurück. Unbewegliche Masken, in welche mit ehernem Griffel ein einziger Zug eingegraben ist: Dumpfe Ergebenheit!
Und dennoch, die große Maschine „Gesellschaft“ haspelt ihr Tagewerk gedankenlos ab; scheinbar geht alles in regelmäßigem Geleise. Man fürchtet den Stillstand, wie das Chaos. Ich trete auf die Straße. Kein Lüftchen regt sich. Herrlicher denn je strahlt die Sonne vom wolkenlosen Firmament herunter, und so erneut sich Tag um Tag. Baum und Strauch setzen neue Knospen und Blüten an, die Lerche schwingt sich tirilierend hoch hinauf in den hellblauen, zitternden Äther — denn die rauhen Herbststürme des Äquinoctiums sind ausgeblieben, die Wandervögel haben ihren Zug nach dem Süden eingestellt — sie tragen Halme in ihre Nester und bereiten sich auf einen neuen Sommer vor.
Man glaubt das goldene Zeitalter gekommen. Die Wintersaat ist üppig in die Halme geschossen und verspricht hundertfachen Ertrag. Durch einen unerklärlichen Vorgang im Mechanismus unseres Planetensystems gelangte die Erdachse in eine nahezu senkrechte Stellung zur Ekliptik. So heißt nämlich die kreisähnliche Kurve, die die Erde bei ihrem jährlichen Umlauf um die Sonne beschreibt. Für unsere Zone bedeutet diese Umwälzung einen ungeheueren Zuwachs an Wärme.
Obwohl auch diese Veränderung auf den Einfluß des unheilvollen Gestirnes zurückzuführen war, gab es doch viele, welche in ihrem Optimismus geneigt waren, die Reihe der Veränderungen damit als abgeschlossen zu betrachten. In Flugblättern und Telegrammen wurden Hunderte von Hypothesen verbreitet, die jedoch immer wieder von anderen verdrängt wurden. Dies konnte die Menge nicht befriedigen. Im heißen Drange, die Vorfälle dieser ereignisvollen Zeit im günstigen Sinne auszulegen, veranstalteten die Bewohner der Erde Dankprozessionen, in denen sie sich im überquellenden Dankgefühle vor ihrem Schöpfer niederwarfen und den Allerhalter anflehten, die drohende Heimsuchung von ihnen abzuwenden. In unabsehbaren Zügen, unter Vorantragung ihrer Heiligtümer und mit Entfaltung des herrlichsten Kirchenprunkes zogen sie hinaus unter Gottes freien Himmel, und indes in der verlassenen Riesenstadt die Glocken der hundert Kirchentürme wie das Gebetlallen ihrer Bewohner zum Himmel klangen, unterstützte draußen der Donner aus Hunderten von Kanonenschlünden den inbrünstigen Aufschrei der Kreatur . . .
22. Oktober.
Auf meinen täglichen Wanderungen durch die Stadt gelangte ich heute auf einen der größten Plätze, der von einer tausendköpfigen Menge besetzt war. Es herrschte tiefe Stille auf dem Platze. Ein Mann mit wallendem Haupthaar und einem langen, weißen Vollbart, anscheinend dem Gelehrtenstande angehörig, sprach zu der Menge.