»Mark Enz! Ist es möglich? Dahin ist es also mit dir gekommen!«
Der Angerufene hielt inne, rutschte ein Stückchen auf dem Weg, weil er schon zum Laufen angesetzt hatte, drehte sich um, starrte Friedberg an und brach ohne weiteres in ein schallendes Gelächter aus.
»Der Helferich!« rief er jubelnd. »Gott schickt mir wahrhaftig deine graue Seele noch einmal über den Lebensweg. Gib die Hand, Dicker, laß dich umarmen. Natürlich, wer hätte das auch anders sein können, einem wegen eines Sprungs in den Garten moralisch zu kommen. Was tust du hier in diesem Bethaus?«
»Mäßige dich, Mark«, rief Friedberg entrüstet, lachte aber doch in der Freude dieses Wiedersehens und begrüßte den Kameraden aus der Schule und von der Universität herzlich. Er hielt seine Hand fest, drehte ihn um, und nun stand der Fremde vor Anne-Dore.
Niemals in seinem Leben hat Markus Enzheim den Eindruck vergessen, den dies Bild in seine Seele grub. In der gedämpften Sonnenhelle der Laube hob sich vom dunklen Laubgrund schmal und bleich ein Mädchengesicht, tief überschattet von einer mächtigen Fülle dunkler Haare, deren Nacht die weißen Augenlider in einen matten Schein von silbrigem Schattenblau legte. Tiefschwarz tauchten die langen Wimpern in das bekümmerte Blaß der Wangen. Voll, breit, fast ein wenig zu groß schien ihm dieser schüchterne, schlafende Mund, und das Oval des Gesichts schimmerte, weißlicher Marmor, ohne einen Schatten und ohne eine Linie über dem dunklen Kleid, nie berührt, von keiner Güte und keiner Glut, kindlich und rein, ein Eigentum dessen, der es erschaffen.
Es war nur ein rasches Bild gewesen, aber eindringlich und erhaben, wie ein Zuruf des Lebens selber an die Begnadeten, die es seiner Schönheiten würdigt. Dann hatte ihm Friedberg ihren Namen genannt und ihr den seinen. Mark Enz, das wäre nur eine Abkürzung aus der Jugendzeit, von der Schule her, eigentlich hieße er Markus Enzheim.
Anne-Dore gab ihm die Hand. Darüber und als er sie ergriff, versank ihm das Bild, das ihn überrascht hatte, als wäre plötzlich in einer Kirche ein Vorhang von einer Seitennische gehoben, und als hätte aus dem Glanz der heiligen Geräte im Dämmerlicht der bunten Scheiben Maria selbst ihn angeschaut. Nun war alles wirklich. Es war ihm lieb, daß Friedberg ihn mit Fragen und Einzelheiten überschüttete; die nahmen ihn nicht in Anspruch, aber sie hielten ihn hier fest. Erst trat er noch kurz aus der Laube, schwang den Ball, und mit einem lauten Zuruf schleuderte er ihn in einem weiten Bogen zurück auf den Spielplatz. Es war, als ob seine hellen klaren Worte die rote Kugel mit sich rissen und trugen, wie sie hoch das lichte Blau des Himmels durchschnitt, eintauchte in den grünen Hintergrund der Bäume und sich, nach lautlosem Aufschlag am Boden, bei ihrem Sprung im Drahtnetz verfing. Man sollte für ihn eintreten, er käme sogleich. Fragen kamen zurück, ohne sie zu beantworten, trat er wieder zu den beiden und nahm den Gartenstuhl, den ihm Friedberg über den Tisch hob.
Er saß gegen das Licht. Nun da er mit dem Kandidaten sprach, anfangs immer ein wenig zurückhaltender und kühler als jener, sah Anne-Dore, daß er schlanker und kleiner war, als er beim Schreiten und unter seinen Bewegungen erschien. Gegen den helleren Eingang der Gartenlaube erblickte sie sein Gesicht nur undeutlich, zuweilen aber sein Profil, das ihr weich und vornehm im Schatten erschien, aber herb und fast scharf, wenn bei einer Biegung seines Kopfes ein Lichtschein darüber hinglitt. Sie lauschte auf seine Stimme, fast ohne auf das zu achten, was er sagte. Was konnte es wohl viel sein, da es doch Friedberg galt. Diese Stimme war sonderbar melodisch und veränderbar, wie das Schatten- und Lichtspiel unter dem Laub der Büsche am Boden. Sie fügte sich dem Sinn seiner Worte, als wollte sie jedem seinem Wesen nach ein anderes Gewand geben, und seine Bewegungen, die Wendungen seines Kopfes, die Gebärden seiner Hand schlossen sich diesem feinen Spiel in so vollkommener Harmonie an, daß Anne-Dore eigentlich nur einen Eindruck hatte, den einer lebensvollen, ein wenig bedächtigen und warmen Musik. Manches erschien ihr von großer Anmut, wurde aber wieder und wieder so keck und gleichgültig durch eine abweisende Energie der Bewegung verworfen, daß es ihr niemals weichlich erschien. Hier zeigte sich ihr zum erstenmal ein Wesen, das nicht um die Tugend seiner Gebärden zu ringen schien, sondern das sie zu verbergen trachtete.
Würdigte er denn wirklich Friedberg all dieser Liebenswürdigkeit, dieses feinen Eingehens auf jedes seiner Worte? Auch der Kandidat wühlte befangen im Schatze seiner Erinnerungen. Er kannte Mark Enz nicht wieder. War das der rücksichtslose und spöttische Kamerad, der es nie für der Mühe wert erachtet, ihn ernst zu nehmen, der ihn früher nur gebraucht hatte, um seinen Fehlern zur Lust der andern ihre treffenden Namen zu geben, der in Schweigen verfallen wäre, wenn er mehr gefordert hätte, und der hochmütiger gewesen war, als auch die eifrigste Liebe ertrug?
Friedberg entschloß sich, etwas unsicher, zu der Ansicht, daß Mark Enz sich doch sehr zu seinem Vorteil verändert haben mußte, obgleich er undeutlich empfand, daß jener auch damals schon anders hätte sein können, wenn es nur sein Wille gewesen wäre.