Nun wandte Mark Enz sich an Anne-Dore, und plötzlich, wie er nun in seiner Unterhaltung mit ihr jeden, aber auch jeden Einwand Friedbergs ignorierte, erkannte der Kandidat bestürzt den alten Gefährten wieder, den er gehaßt und geliebt hatte. Undeutlich empfand er, tief verstimmt, die Rolle, die er hier eben hatte spielen müssen, gerade wie einst, diesem geschmeidigen Willen ergeben, der zu seinem Erfolg mißbrauchte, was immer ihm gefiel, und dem jede Anmut, jede Lüge und jede Tugend zu dienen schienen. Alle Liebenswürdigkeit, die da vor ihm aufgeboten worden war, hatte nicht ihm gegolten, wollte nichts von ihm.
›Pfui‹, dachte Friedberg, bitter und erbost. Er beschloß, durch dumpfes Schweigen zur Last zu fallen und keine Frage mehr zu beantworten. Aber es wurde ihm nur für seinen ersten Plan Gelegenheit geboten.
Jedoch die Liebenswürdigkeit und das bezwingende Lächeln des andern waren wie ausgelöscht. Er sprach ernst, fast zögernd, ja beinahe abwesend, schien es nur gezwungen zu tun, und aus Höflichkeit und der Ausdruck seines Gesichts war fast traurig. Gierig verfolgte Friedberg jede Regung, aber er erkannte keine Absichten. Da lächelte er ironisch und überlegen und verschränkte die Arme. Mark Enz sah es und zog mit innerlichem Lächeln einen Schluß daraus.
Da Anne-Dore dem Fremden anfangs nur schüchtern und leise antwortete, ließ er ihr Zeit und erzählte. Erst vom Spiel. Aus seinen Augen lachte die Freude daran, er schien ihm mit Hingabe und Leidenschaft ergeben; dann, ganz von selbst und ohne Stocken, kam er auf andere Dinge, sein Eifer schien kindlich, seine Worte waren bunt. Anne-Dore entstanden Bilder unter diesen raschen biegsamen Sätzen, die, wunderbar geschmeidig und zäh gefügt, allein notwendig in dieser Form und sicher, wie mit heimlichem Zauber, ihr Herz in die Welt seiner Gedanken hoben.
Auch sie begann nun, wie ohne ihre Absicht und doch bereitwillig, zu sprechen. Er kam ihren scheuen Gedanken entgegen, gab ihnen ohne erkennbare Hilfsbereitschaft ihre rechten Namen, und antwortete ihr auf eine Art, die seine Achtung vor jedem ihrer Gefühle verriet. Nur eins konnte er nicht, sie fühlte es rasch und versöhnt mit jeder seiner Gewandtheiten: er konnte keine Zugeständnisse machen. Nie ließ er sich herbei, um ihr in Dingen recht zu geben, die er nicht liebte, wie sie. Wohl erschien es ihr, als wünschte er ihr zu gefallen, aber er setzte mit Selbstbewußtsein voraus, daß dies nur möglich sei, wenn er seine Art betonte und seine Welt heilig sprach. Das war es, was sie ihm heimlich dankte.
Einmal widersprach sie ihm, ja sie unterbrach in einem Eifer, der ihr fremd war, seine Worte und heischte eine Erklärung. Er besann sich, dann meinte er kurz:
»Ich kann sie Ihnen heute nicht geben. Bei Ihrer Jugend darf ich die Erfahrung nicht voraussetzen, die für ihr Verständnis notwendig wäre.«
Sie schwieg. Friedberg war für sie gekränkt. Er mischte sich hinein und sagte mit einem Ton milder, fast väterlicher Überlegenheit in der Stimme:
»Nun, wo da von Erfahrung die Rede ist, lieber Mark, meine ich doch, daß eine menschliche Reife den Ausschlag gibt, und ob wir da nicht auf verschiedenen Wegen zu ganz ähnlichen Höhen gelangen können, ist fraglich. Gerade was die Reife betrifft, weiß ich bei dir nicht recht. Auf welche Wissenschaft stützest du dich, bei deiner Sicherheit, die vielleicht ein wenig ... nun weißt du ... ich will sagen — vorschnell ist ....«
Er hatte bei seinen Worten die Hand erhoben, und Mark betrachtete, während jener sprach, ruhig diesen zahmen weißen Finger, wie er sich warnend und langsam in der Luft hin und her bewegte. Er folgte ihm gelassen mit den Augen, schien Friedberg ganz zu vergessen und unterbrach ihn nicht. Das erstaunte den Kandidaten, er geriet ins Stocken und betrachtete seinen Finger auch. Darauf senkte sich dieses hilfsbereite Glied tölpelhaft und beschämt, machte sich am Knie allerlei zu schaffen, und sein Gebieter wurde langsam rot.