»Also auf Wiedersehen, Dicker. Lerne Scherz ertragen. Und Grüße an die junge Dame.«
Er ging leicht und rasch über den Weg und schien alles vergessen zu haben. Friedberg spürte noch den festen Druck seiner Hand. Der Freund erschien ihm sicher, gelassen und unvorsichtig zugleich. Als wären seine angewandten Kräfte des Gegenstandes nicht wert, oder der Gegenstand ihrer flüchtigen Unterhaltung seiner Kräfte nicht. Aber er hatte immer schon zu zwecklosen Betrachtungen herausgefordert, voller Widersprüche, wie er war. Und was hatte er da vorhin nicht über die Bibel gesagt?! Friedberg erkannte aufs neue, daß dieses Buch den Gottlosen ein Dorn im Auge war, und daß jeder, der sich zu ihm bekannte, Anfechtungen und Bedrängnisse erdulden mußte.
Drüben brachen die anderen auf, und da er gerade am Pförtchen stand, nahm er einem der jungen Herren das graue zusammengelegte Tennisnetz ab, zog höflich seinen Hut, verbeugte sich, als habe man ihn beschenkt, und ging nachdenklich in die Laube zurück, fest entschlossen, durch kein übereiltes Wort das heraufziehende Unheil zu verschlimmern.
Anne-Dore war fort.
Sechstes Kapitel.
In den kommenden Tagen malte sich Friedberg ohne Ermüden heimlich die Niederlagen aus, die Mark Enz bei seinen Annäherungsversuchen erleben würde. Er sah, wie jener unter Anne-Dores Blick und Wort zusammenschrak, plötzlich verstummte, wie vor der Hoheit eines Heiligenbildes, wie er beschämt und betroffen den Rückzug antrat und auch einmal die Kraft an der eigenen Seele spürte, die von denen ausgeht, die wahrhaftig dem Reiche Gottes angehören. Seine Phantasie arbeitete froh und angestrengt, ganz über ihr gewohntes Vermögen. Er sah Bilder, lebendig im Pathos des Erhabenen, das sie darstellen. Anne-Dores erhobener Arm wies mit kriegerischer Milde den Eindringling ab, er knickte scheu nach hinten zusammen unter dem ruhigen Glanz ihrer Augen, und fern, in einem Nebel aus Licht, erhob sich hinter ihr das Kreuz und strahlte. Er hatte einmal ein ähnliches Bild gesehen, die Erinnerung half gefällig nach, Mark Enz verdarb und ward nicht mehr gesehen.
Er redete solche Bilder laut vor sich hin, berauschte sich an ihrer Hoheit und ihr Trost beruhigte ihn. Aber hinter ihnen wohnten Gedanken, furchtbarer und martervoller, als daß er ihnen anfänglich Gestalt zu geben wagte. Furchtsam empfand er bald, daß diese Gedanken es waren, die, tief unter den anderen, seine trostvollen Visionen nötig machten, ja erschufen, als liebten sie hämisch die Täuschung, als spielten sie spöttisch mit ihrer dämonischen Gewalt, als wollten sie sein armes Herz verhöhnen mit falschem Trost. Er geriet außer sich, wenn nur ein geringes Anzeichen, grau wie eine Ahnung, ihr dunkles Wirken verriet. Und doch verschlang im Lauf der kommenden Zeit und unter ihren Ereignissen dieser finstere Abgrund alle hellen Bilder. Er wußte nun seine Todesangst um Anne-Dore und nannte sie bebend bei Namen. Seine Zuflucht wurde das Gebet. Nie in seinem Leben hat Helferich Friedberg mit solcher Inbrunst seinen Gott angerufen, wie in dieser Zeit.
Als er einmal auf eine Art, die er unauffällig nannte, bei Anne-Dore das Gespräch auf Markus Enzheim brachte, wies ihr Gesicht ihn ab. Der Zug darin setzte ihn anfänglich in große Verlegenheit und trug ihm ein Schuldbewußtsein ein, später quälte er ihn hart. Denn dieses Ablenken, mit dem ihn das Mädchen in seiner Sorge allein ließ, hatte nichts von jener liebevollen Nachsicht gehabt, die er für gewöhnlich ihre Freundlichkeit nannte. Ich bin ein armer Tölpel, dachte er, und schalt auf Enzheim, der ihm sein schönes Selbstbewußtsein für lange erschüttert hatte, und fragte sich wieder und wieder, was beide nur auszeichnen möchte, jenen und Anne-Dore, daß er sich ihnen gegenüber fremd, benachteiligt und armselig fühlte. Und da seine eigene Innenwelt im Grunde keinen Namen trug, fand er nirgends Zuflucht und Trost gegen dies Gefühl, und auch kein Bewußtsein von stolzem Verzicht öffnete ihm das Reich der Einsamkeit, in dessen Frieden niemand einzieht, dessen Seele nicht reich von Geburt ist.