Es wunderte ihn, daß Enzheim nicht kam. Er erwartete ihn täglich, hatte sich jede Antwort zurechtgelegt und alle Aussagen formuliert, die er Anne-Dores Eltern über diesen gefahrvollen Menschen machen wollte. Ohne Aufhör forschte er im Gesicht des Mädchens, dessen Züge, verschlossen und fest, ihm nichts verrieten. Ihm schien, als sei sie bleicher als je. Er sah ihre Augen erschrecken, wenn ein Vorfall sie hob, der außergewöhnlich war oder unerwartet kam. Seine erste große Beteiligtheit am Leben machte ihn empfindsam und klarsichtig, er litt sein erstes Leid unvorbereitet und hilflos. Zu allem brachten seine religiösen Urteile ihm die Pein eines bösen Gewissens. Er vergaß sich so weit, daß er nachts an ihrer Tür lauschte, aber unter dem qualvollen Pochen des eigenen Herzens und dem Beben seines Körpers hörten seine Ohren die ganze Welt sausen, und er schlich fort auf seinen grauen Socken, bis sein gesunder Schlaf ihn befreite.
Aber dieser Zustand der Ungewißheit nahm im Laufe der Wochen so schmerzhaft überhand, daß er es im ersten Augenblick beinahe wie eine Erlösung empfand, als er eines Abends spät das junge Mädchen im Gartenhaus mit Mark Enz überraschte.
Da er anfangs nur Anne-Dore sah, die das weiße Gesicht im Halbdunkel über ihre Hände neigte, die auf dem Tisch ruhten, erschrak er furchtbar, als er plötzlich im Hintergrund der Laube den roten Feuerpunkt einer Zigarette gewahrte, der aufglühte und ihm im Bereich seiner rauchenden Seele für eine Sekunde das verhaßte Gesicht zeigte.
»Ich störe wohl — —«, stotterte er fassungslos.
»Ja«, sagte die Stimme mit dem gelassenen Klang und der infamen Lieblosigkeit. Sonst nichts. — Er konnte doch nun so nicht fortgehen. Es schmerzte ihn schneidend, daß Anne-Dore nicht sprach, daß sie das duldete, daß er, kalt und lieblos bei einer höflichen Frage genommen, fortgeschickt werden sollte wie ein Schuljunge. Sein Herz überströmte von einem schmerzhaften Mut.
»Fräulein Wendel ....«, sagte er flehentlich.
Sie antwortete nicht. Da sah er, als wieder kurz und tückisch von drüben die Zigarette in das Schweigen einbrannte, ganz flüchtig, aber mit grausamer Deutlichkeit, daß sie weinte, daß sie mit dem Schluchzen kämpfte, um ihm antworten zu können. Ihn schwindelte. Da fühlte er ihre Hand an seinem Arm. Unsagbar zart und liebevoll war die kaum spürbare Entschiedenheit, in der sie ihn fortschob. Als hätte sie ihr Leben lang nichts erlitten, als nur den Schmerz, zurückgewiesen zu werden, und wüßte, wie keiner auf der Welt, wie weh das tut. —
Diese Nacht schlief Friedberg nicht. Er hatte sich zum Essen entschuldigen lassen und schrak gegen Mitternacht heftig zusammen, als ein leises Pochen an der Tür ihn an seinem Schreibtisch emporriß. In einem richtigen Instinkt für die Bedeutung dieses außergewöhnlichen Vorfalls schwieg er und schlich rasch und bedachtsam auf den Zehen an die Tür, die er leise öffnete. Es wurde ihm vorsichtig von außen geholfen, er fühlte den Druck einer Hand an der Klinke, die zögernd und schwer jedes Geräusch des Schlosses zu hindern trachtete. Dann sah er Anne-Dore im Rahmen der Tür stehen, in weichen Hausschuhen und ohne die dunkle Krone ihres Haares. Er ließ sie zitternd ein, putzte sein Licht und zog sprachlos und leise das Fenster zu. Nun sah er, daß ihr Haar in zwei Zöpfen niederhing, gestrafft an den Schläfen, sank es glänzend und schlicht vom Scheitel nieder. Wie das ihr Gesicht veränderte. Er glaubte an einen Traum und fand keine Fassung. Sie winkte ihn traurig lächelnd aber gelassen auf seinen Stuhl und ließ sich auf seinem Bettrand nieder.
Ihr Kommen begründete sie in keiner Vorrede und entschuldigte es nicht. Er solle versuchen, ruhig zu sein und sie anzuhören.
»Was soll ich tun?« fragte er mit verstörtem Gesicht. »Sind Sie es wirklich, Anne-Dore?«