Sie beachtete nicht, daß er sie bei ihrem Vornamen nannte. Sie schien auf nichts acht zu haben, war ganz im Bann ihres Plans, den sie auszuführen schien, ohne zuvor die Kraft zu einer Überlegung gefunden zu haben. Friedberg entsann sich später deutlich des Eindrucks, den sie anfänglich auf ihn machte, er hatte die bestimmte Vorstellung, sie wandelte in einem Traum, dessen schläfriges Feuer sie langsam verzehrte.

»Friedberg,« sagte sie, »Sie müssen mir versprechen, zu schweigen. Begreifen Sie, es ist nötig, daß Sie schweigen ...«

Es wurde still. Er wollte, seinem Herzen gehorsam, in dem es warm emporwallte, ihr seine eifrigsten Versicherungen geben, denn ihm schien allein darin eine rasche Hilfe für sie zu liegen, aber seltsam und unzertrennbar miteinander verbunden, überwältigten ihn seine Selbstsucht und seine religiösen Vorstellungen. War ihm hier nicht, wunderbar vom Herrn gefügt, eine ganz andere Aufgabe gesetzt, als die, einen falschen und gefährlichen Dienst zuzusagen? Kam Anne-Dore nicht zu ihm, wie von einer höheren Macht getrieben, die sich seiner bediente, um die Verirrte auf den rechten Weg zurückzuweisen? Seine Erregung verdarb seinen Zweifeln alle Kraft, er ließ sich treiben in diesem dumpfen Drang, und als er dem Mädchen antwortete, mochte seine haltlose Angst in ihrem Fieber wohl wirken wie das Beben einer inneren Ergriffenheit.

»Anne-Dore, was fordern Sie von mir? Wollen Sie mich zum Mitschuldner an Handlungen machen, die Sie in Abgründe reißen? So wahr mir Gott helfen wird, werde ich nichts unversucht lassen, um Ihr betörtes Herz auf den rechten Weg zurückzuweisen.«

»Sprechen Sie leise«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie noch ein lautes Wort sagen, lasse ich Sie allein.«

Friedberg mäßigte sich.

»Ja ich will leise reden,« sagte er, mehr und mehr im Bann seines geplanten Rettungswerkes, »aber Sie müssen mich bis zu Ende anhören. Wollen Sie? Ja, ich sehe, Sie wollen. Ich fühle, daß Sie des Zuspruchs bedürfen und danke Gott, der mich ausersehen hat, meine schwache Kraft in den Dienst seiner Sache zu stellen. Um Ihretwillen Anne-Dore. Wie herrlich ist das für mich. — Ich kann keine großen Worte machen, aber er, Anne-Dore, unser Heiland, hat sie für mich gemacht und ihrer Kraft wollen wir uns vertrauen. O, er wird helfen. Er, der gesagt hat: Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen.«

Das Mädchen sprang auf, als habe der Mann vor ihr sie mit Feuer bespien. Sie floh an die Tür, wie von einem Sturm erfaßt, mit einem Schreckensangesicht, in dem auch die Lippen bleich waren, wie im Tode. Beschwörend riß sie die Arme gegen ihn empor und ihr Mund stieß keuchende Laute aus, die Worte bedeuten sollten.

In einem Taumel von Siegesbewußtsein und Todesangst wußte Friedberg im ersten Augenblick nur eins: eine Welt von Kämpfen und Schmerz in der Seele des Mädchens lag zwischen jenem ersten Tag im Garten und dieser Nacht. Und im Mittelpunkt aller Not stand der verhaßte Spötter mit seiner geschmeidigen Würde und seiner ruchlosen Sicherheit. Der Kandidat preßte die Fäuste gegen die Augen und fühlte den Namen, wie er sich einbrannte in das flimmernde Dunkel vor ihm. »Teufel,« stöhnte er, »Teufel! Wer hat dich ausgerüstet?« Dann riß ihm ein wütender Mut die Hände vom Gesicht. Er sah Anne-Dores Arme hinter ihr an der Tür Halt suchen, sprang herzu und stützte sie.

»Ruhe, Ruhe,« bat er, »beruhigen Sie sich. Es ist nichts verloren. Es wird alles gut. Ich habe es nicht so gemeint, wie konnte ich auch wissen ...«