Er führte sie an das Bett, sie ließ sich schwer nieder und schien nun erst zu empfinden, daß er sie berührt und geleitet hatte. Ihre Schultern schüttelten die Erinnerung an seine plumpen Hände ab, sie gewann Sicherheit, weil sie seine Hilflosigkeit sah, besann sich mit einem Lächeln, das ausgleichen sollte, aber schmerzlich war, wie vom ewigen Heimweh erschaffen.
»Lassen Sie gut sein«, sagte sie und winkte ihm die begonnenen Worte von den Lippen. Er brach ab und starrte sie an. »Ich wollte nicht das, hören Sie mich«, fuhr sie fort. »Glauben Sie, ich sei gekommen, um mir einen Rat bei Ihnen zu holen? Ich wollte Ihnen nur den Rat geben zu schweigen. Und Sie werden es tun. Greifen Sie nicht in Dinge ein, die ihren Gang haben wollen. Wenn ich durch meine Eltern gehindert würde, meinen Weg zu gehen, gäbe es ein größeres Unglück, als sonst geschehen kann. Sprechen Sie jetzt nicht, seien Sie still. Meine Eltern werden mich nicht hindern können. Es würde ein furchtbarer Schmerz in ihr armes Leben kommen. Begreifen Sie doch, nicht meinetwegen komme ich, auch nicht seinetwegen, am wenigsten Ihretwegen, Herr Friedberg. Ich komme meiner Eltern wegen. Ich bin gekommen, um für ihre Ruhe zu sorgen, denn was leistete mir Gewähr, daß Sie nicht eine Dummheit machen würden, ich meine, daß eine unüberlegte Güte von Ihnen, eine voreilige Hilfsbereitschaft alles zerstörte. — Es wäre nachher nichts mehr gutzumachen.«
Er hatte sie niemals so anhaltend, so sicher und bewußt sprechen hören. Während sie redete, konnte er keinen Gedanken fassen und nun, da sie schwieg, mit einem Ausdruck drohender Entschlossenheit, erst recht nicht.
»Anne-Dore,« sagte er und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Sie schwieg, gequält durch diesen Flehenden, der eben noch so streitbar vor ihr gestanden, gequält durch den Gedanken an ihre Niederlage und daß sie sich ihm hatte verraten müssen unter jenem Wort, das in ihre geheimen Kämpfe geleuchtet hatte. Nein, ihr waren keine Gaben verliehen, den Brutalitäten des Daseins geschmeidig zu begegnen. Kein Sieg ihrer Jugend verlieh ihrem Gefühl Festigkeit und ihrem Innenleben Stete, das erst um seinen Namen rang, und ihr waren keine Kräfte geblieben, um sich nach außen hin Rettung zu schaffen. Wachten nicht Engel über dem blutigen Streit eines hilflosen Herzens, es wäre traurig um jenen Ruhm bestellt, den der Himmel denen verheißt, die überwinden.
Anne-Dore wußte, daß etwas geschehen mußte, um ihre Stellung zu Friedberg auch für die künftige Zeit zu sichern. Wie leicht wäre es ihr geworden, wenn sie hätte lügen können, jene feinen, liebevollen und barmherzigen Lügen, die oft so viel schöner scheinen als die Wahrheit, und jedes Schicksal um sein Recht betrügen möchten. Sie konnte es nicht. So sagte sie nur:
»Ich muß allein sein, Friedberg, sehen Sie, mit allem, muß mich abfinden. Ich glaube Ihnen, daß Sie mir helfen möchten. Wollen wir nicht Freunde sein? Bin ich Ihnen um so viel Glück voraus, daß Sie nicht können?«
Seine Angst um sie und sein Haß gegen Enzheim siegten über seine Verwirrung. Er raffte sich zusammen und ballte die Fäuste ...
»Leise, leise,« flüsterte das Mädchen, als sie sein Gesicht sah.
»Freunde?« keuchte er, »haben Sie Freunde gesagt? O, wie wäre ich wert, Ihr Freund zu sein, wenn ich schwiege! Ich habe Sie reden lassen, jetzt will ich reden. Wissen Sie, wer dieser Mann ist, dem Sie vertrauen, dessen Einfluß Sie zu erliegen drohen? Ihr unschuldiger Sinn, der in der argen Welt nicht erfahren hat, irrt und fehlt, ist verwirrt worden. Glauben Sie, ich wüßte das nicht? Ich kenne Mark Enz. Wieviel Unschuld seiner bösen Verstellungskunst schon erlag, ahnen Sie nicht. Ich weiß es. Ich habe mit ihm gelebt, habe gesehen, wie er Tränen verlachte, Schmerzen verspottete und gewissenlos auch das Heiligste betastete. Er, der alles bejahen und verneinen kann, der keinen Gott kennt, und dem kein Gewissen in der Brust schlägt, lebt schamlos und ruchlos nur seinem Genuß. O, er kann alle Register ziehen und geht zu Werk im Kleid jeder Tugend. Unschuldig kann er tun wie ein Knabe, gefühlvoll wie ein schüchternes junges Mädchen, männlich wie der Charaktervollste, der je für hohe Sitte und edlen Kampf verantwortlich war. Nichts an ihm ist arglos oder rein, er ist berechnend und kalt in jeder Bewegung. In jeder! Er kann sogar rot werden, wenn er will ...«