Mit ihnen schritt ein Dritter durch die Nacht. —
»Hast du mich lieb?« fragte Mark Enz.
Anne-Dore schwieg, weiß wie das Tuch, das ihre Hände preßten. Seine Worte sanken in die blutige Dämmerung ihrer Seelenqual, in ihrer Kühnheit erlösend wie Licht und schmerzhafter als der bittere Tod. Nun war ihr, als habe sie all ihre Zweifel und all ihre Not geliebt, grausamer und allgewaltiger als sie, erschien ihr, was nun kommen sollte. Und als er seine Frage wiederholte, traurig, wie nur er fragen konnte, eindringlich, als hinge sein ganzes Heil von ihrer Antwort ab, stöhnte sie auf, wie ein gemartertes Kind und flüsterte klanglos:
»Hilf mir.«
Wen bat sie? Sie wußte es nicht mehr.
Sie waren des Nachts miteinander im Wald. Nachdem sie in der Laube entdeckt worden waren, hatte Anne-Dore gebeten, er möchte dorthin nicht mehr kommen, und er hatte ihr gesagt, er würde am Waldrand auf sie warten, spät, wenn das Haus schlief. Nun schritten sie miteinander im Mondlicht dahin. Hellgraues Silber legte, geheimnisvoll bewegt, die schmalen Waldwege in lichte Nebel. Wenn sie hinaustraten in die Lichtungen der Waldwiesen, wurden ihre Stiefel naß, es war dort kühler und das Gras duftete, feucht und ein wenig nach verwehtem Rauch. Unter den Bäumen war es noch warm vom Tage, sie schliefen tief in ihren grünen Kleidern, die der Sommer noch nicht gedunkelt hatte.
Er blieb stehen, legte seinen Arm um ihren Hals und um ihre schweren Zöpfe, die kühl und schwarz waren wie Erde; so blieb auch sie stehen, suchte Halt in ihrer heißen Bedrängnis, bis ihre Stirn seine Schulter fand.
Er wußte viel mehr als sie ahnen konnte, sie, die nie zu ihm gesprochen hatte. Wie oft hatte sie erschrocken gelauscht und selig gezweifelt: Woher kannte er sie und den scheuen Weg ihres geteilten Herzens? War ihre Welt ihm nicht fremd?
Er hörte ihren Hilferuf und wußte wohl, was sie verschwieg und um was sie bat.
»Anne-Dore,« sagte er langsam, »ich liebe dich. Mich verlangt nach dir. Du bist Ruhe, Heimkehr, Halt für mich. Du bittest mich um Hilfe und hast gefühlt, wie sehr ich ihrer bedarf. Wenn du deine Liebe nicht schenken kannst, sei gütig. Mein Herz ist zerrissen und meine Hoffnung bei dir, Anne-Dore.«