Aber nichts von alledem geschah. Er kniete neben ihr nieder, suchte ihre Hände, legte sein Gesicht hinein und vergrub es in ihrem Schoß. Ihre Lippen sanken in sein Haar und ihr Herz brannte vor Beschämung und Glück. Bebend und heiß verwirrt dachte sie nur immer wieder: Was ist es denn, das ihn so plötzlich überredet hat? Gab er ihr nun nicht mehr, als er je mit Worten würde geben können? Und sie fühlte, wie unberechenbar und ohne Halt und Willen sein Herz schien, das doch in Kräften über ihrem Dasein schlug, die stark wie das Leben waren und stark wie der Tod.
Morgens wenn die Frühsonne den besprengten Garten trocknete, duftete die Welt warm im leisen Summen der Bienen nach dem Sommer. Die Tage zogen strahlend hell und wunderbar still herauf, der gewohnte Weg, den die Sonne durch das Haus nahm, war grün und dicht bekränzt an offenen Fenstern, sommerlich hell im ruhigen Haus und in den Herzen der Menschen von großäugigen Träumen umlächelt.
Anne-Dore wachte oft des Morgens auf, ehe die Sonne da war; noch befangen von der Güte der tiefen Nacht, trat sie ins blaue Licht der Dämmerung ans Fenster, schaute über die Hügel ihrer Heide, wie sie es einst als Kind getan, und wie ein kühles neues Wunder tauchte ihr aus den versinkenden Fesseln ihres Schlafs die Gewißheit empor, daß sie ein Mensch auf dieser Erde war.
Die Bäume im Garten, die sie kannten, grüßten sie in der Stimme des ersten Windes, der flüsternd mit dem Licht erwachte, und sie fühlte in seiner reinen Kühle ihren jungen Körper, den sie liebte, weil er den geliebten Mann beglückte, dem sie ihn ganz zu eigen gab. Einmal überwältigten ihre sehnsüchtigen Gedanken sie, sie kleidete sich hastig an in dieser seligen Dämmerung der stillen Welt und eilte über die versteckten Waldwege hin nach Hildenrot. Aber dicht vor dem Forsthaus kehrte sie erschrocken um, angstvoll besorgt, die Leute im Haus möchten sie sehn und ihr Geheimnis entdecken.
Mit der heraufsteigenden Glut der Sonne begann ihr träumerischer Tag, der wenig Wirklichkeiten für sie brachte. Sie schritt, ihre leichte Hausarbeit verrichtend, durch die so lange schon bekannten Räume ihres Elternhauses, in dem alles in unerschütterlichem Gleichmaß seinen guten Gang ging. Immer noch tanzten mit süßem Lächeln und gespreizter Grazie die feinen Porzellanfigürchen in hellbunten Glasspitzen ihren Reigen auf dem Wandschrank, sie erschienen ihr wie verblaßte Erinnerungen aus einer fernen toten Zeit. »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, stand immer noch in silberner Schrift über dem altmodischen Sofa, aber der Sinn der Worte war erstorben und sein Leben gehörte einer versunkenen Zeit an.
Oft hielt sie sinnend inne und eine tiefe Verwunderung machte ihr die Augen starr und still: alles blieb beim alten in den Behausungen der Menschen und weit um sie her, mochte ein Herz schlummern, jubeln oder bluten. Das gab eine so eigen wehmütige Gewißheit, als wanderten die Menschen klein und arm und flüchtig nur für kurz durch ihr irdisches Bereich, und nichts umher veränderte sich, wie ihr Sinn und ihre Hoffnung. Was bleibt, fragte sie sich angstvoll und dachte an ihre große Liebe. Dann verstand sie wohl und dachte lange daran, was ihr Mark Enz einmal in einer traurigen Stunde gesagt hatte:
»Glaubtest du, ich würde mich je begnügen? So unmöglich ein Mensch das Vollkommene erreicht, so unmöglich ist die Ruhe meines Herzens auf der Erde.«
Oft glaubte sie, all ihre Liebe gehörte allein seiner Seele, seinem tiefsten Wesen und der Glut seines Gefühls, aber dann wußte sie in ihrer Erinnerung plötzlich, daß es sein Mund war, den sie liebte, seine Hände, sein Haar. Ach, wer war sie, was sollte sie tun und werden, welches Ziel heiligte ihr heißes flüchtiges Tun und seine Inbrunst? Ihr war oft, als wäre ihre Liebe größer, als daß ein Mensch allein sie tragen könnte, als drängte sie über den Geliebten hinaus, weit, weit. Nicht zu einem andern, o nie, das wußte sie gut. Aber ihr war, als wünschte sie sich, leiden zu dürfen.
Von ihm sollte ihr Gewißheit kommen, ihn wollte sie fragen. Ihn, der stets bereit schien, sich zu zerstören, nie aber sich zu vergnügen, und dessen Wesen doch Lebenskräfte umschloß, die über jede Gefahr zu triumphieren schienen. Das betäubte sie in ihren Liebesstunden fast völlig, in ihrer Erinnerung war ihr, als seien sie vom Tode überwacht und vom Schicksal durchtrauert, von einem Schicksal, das sich vor ihr erhob in Gestalt eines bronzenen Engels mit Flügeln, die im Sonnenlicht verströmten, und mit Augen, die über sie, die Ringenden und Ergebenen, fortsahen, weit fortsahen, gelassen am blauen Horizont der Zukunft ruhend. Alle Mächte, an deren Einwirkung und an deren Gewalt sie glaubte, nahmen in ihrer Vorstellung die Gestalt von Engeln an, wie es einst Engel gewesen waren, die früh an ihrer Kinderwiege gewacht und die die Welt ihrer Vorstellungen bevölkert hatten.