Jede Erinnerung an die Stunden ihrer Liebe senkte ihr die Blicke in eine starre Verlorenheit. Fast fürchtete sie sich vor der Zeit, in der sie Kraft und Ernüchterung genug gefunden haben würde, ihrer gelassener zu gedenken, bewußter und erkennender. Aus Furcht davor, ihre alten Kämpfe möchten sich neu erheben, suchte und liebte sie die flimmernde Versunkenheit, in die ihre Träume sie tauchten, wie in ein Meer von rotem Licht und Blut. Erschauernd ging sie in diesen Wirbeln von Furcht und Glück unter, körperlos fast, wie aufgelöst in lauter Lust.
Auch weil ihre Befürchtungen sie nicht eine Stunde verließen, waren ihr solche Erinnerungen unklarer und betäubender Art. Seit einst zum erstenmal Mark Enz ihren Mund geküßt hatte, bis heute, wo er alles genommen, was sie zu geben vermochte, war sie seiner nicht einen Augenblick sicher gewesen. Nichts an ihm schien ihr Gewähr zu bieten, daß er ihr eigen sei, wie sie doch ganz sein Eigentum geworden war. Und irgendwo, unerreichbar durch alle Gedanken, blieb eine Fremdheit zwischen ihnen. Sie nannte sie in glücklichen Augenblicken ihre Achtung, ihren Respekt vor ihm und seiner Überlegenheit, suchte die Gründe in allem, das ihr noch neu, gefährlich und besonders an ihm erschien, aber sie kannte Nächte, in denen dies Bewußtsein sie bitterlich schmerzte. Als habe er sie wohl an sein Herz genommen, aber als bliebe ihr dies Herz verschlossen.
Dies Empfinden verlieh ihrer körperlichen Hingabe mit der Zeit eine so sehnsüchtige und wilde Verlorenheit, daß er erschrak. Aber ihre Hoffnung, deren Drängen sie nur erduldete und nicht erkannte, riß alle Tore ihres Blutes und ihrer Seele vor seinen Wünschen auf. Je mehr ihr Gewißheit darüber wurde, daß er sich ihr verschloß, um so inbrünstiger trachteten ihre Gaben danach, ihn ganz in das Bereich ihrer Liebe zu ziehn.
Und so erlitt sie im Grunde immer noch seine Liebe. Gerade wie am ersten Tage und ohne die triumphierende Zuversicht eines großen Rechts. Nie lachte ihre Lust sinnenfroh und gesunden Blutes unbedacht auf, es war fast, als hätten ihre alten Glaubenssätze und alle Mysterien einer ergebenen Hingabe an ihre Religion ihrer irdischen Liebe den Weg bereitet, den sie nun schreiten mußte, wie im Schatten eines Sündebewußtseins und einer Knechtschaft.
Mark sagte es ihr auch einmal:
»Dein Blut ist in einen seltsamen Bann gesprochen. Meins peitscht ein heidnisches Lachen auf, deins fließt wie unter den Klängen einer Kirchenorgel.«
Er hatte dazu gelächelt und ihren Mund geküßt, als wären seine Worte beiläufig und ohne Belang. Er hatte versucht sie auszugleichen, weil er sie bereute, aber Anne-Dore lauschte mit einem heimlichen Graun, das sie wiedererkannte, auf die Antwort, die ihre Seele wußte und die ihr Mund verschwieg.
War es das, was sie tiefinnerlich zu trennen drohte?
»Könnte ich schlecht sein«, dachte sie und hatte das Gefühl, als verlöre sie sich ganz und für alle Ewigkeit. Aber wollte er denn das? Ihre Angst erpreßte ihr Geständnisse. Sie sagte einmal, als er gegen Mitternacht in Hildenrot in ihrem Arm erwachte und sie fortschicken wollte:
»Ich möchte sein wie du. So frei, so schrankenlos, so einzig dem ergeben, was für den Augenblick dein Glück bedeutet, deinen Genuß. Du bist schön, frei bist du, ganz frei ...«