Zwölftes Kapitel.
Herr Wendel hatte Anne-Dore eines Tages auf sein Zimmer rufen lassen. Es war ihm sehr schwer geworden, dies Gespräch zu beginnen, weniger vielleicht, weil es seiner Art fern lag, als vielmehr weil er sich vor dem Ende fürchtete, das es nehmen möchte. In einer ungewissen und uneingestandenen Furcht, die ihm seine Anforderungen beinahe schwer machte, und die durch kein Pflichtbewußtsein zu überreden war. —
»Vater, bitte mich nicht. Ich vermag es dir nicht zu sagen, wie ich möchte, aber mit dir zum heiligen Abendmahl kann ich nicht gehn.« Anne-Dore war sehr bleich.
Tiefbesorgt schaute Missionar Wendel seiner Tochter ins Gesicht. Gewiß ließ er ihr gern in allen kleinen Dingen den Willen, aber hatte in der letzten Zeit schon manches ihn befremdet, so gab nun diese Weigerung bitter schmerzend den Ausschlag.
»Dore,« sagte er betrübt und eindringlich, »ich habe mich in den verflossenen Wochen oft bemüht, dich recht zu verstehn, habe nichts gesagt, Kind, wenn mir das Herz schwer wurde; höre, willst du dich heute deinem Vater nicht vertraun? Es meint es kein Mensch so aufrichtig gut mit dir. Komm, bitte, setz dich hier neben mich, so, gib deine Hand, schau mich an ... verdient meine Liebe dein Vertrauen nicht?«
Anne-Dore legte ihre Hand in einer ergebenen Müdigkeit in seine beiden, die ein wenig zitterten. In diesem Augenblick hätte sie alles für ihn tun können, alles, nur damit ein Schein von Freude in sein gutes Gesicht kam, in dem so traurig der Wunsch stand, seine Liebe möchte nicht verachtet werden. Aber sie fand keinen Ausweg. Es war ihr nicht schwer gewesen, sich in mancher Lage zu helfen, wenn ihr Herz nicht beteiligt war, aber wo sie empfand, konnte sie nicht lügen. Als er ihr gestern mitgeteilt hatte, er wollte in dieser Woche noch mit ihr und Friedberg in gewohnter Weise zum Tisch des Herrn gehn, war plötzlich ihr Blut erstarrt in einem Graun, wie vor der bösesten Gefahr, die ihr nur immer begegnen konnte. Wie unter einer machtvollen Drohung tauchte es vor ihr auf, aus dem Reich der göttlichen Liebe empor, die sie verraten und verloren hatte.
Nun sprach ihr Vater wieder:
»Drückt dich eine Schuld, mein Kind? Wenn du sie deinem irdischen Vater nicht sagen kannst, so bring sie deinem himmlischen. Sieh, ein erster Anfang ist die große Gefahr für uns alle. Lassen wir nur ein einziges Mal etwas zwischen uns und den Heiland kommen, so ist dem Versucher das Tor unserer Seele geöffnet. Und es gibt keine Schuld, die das Blut unsres Herrn Jesu Christi nicht abwaschen könnte vom Kleid unsrer Seele, die sein Eigentum ist für alle Ewigkeit. Kind, ich habe Sorge um dich. Seit vielen Wochen seh ich dich verändert. Ich weiß gut, daß wir alle bösen Anfechtungen ausgesetzt sind, aber es streitet für uns der rechte Mann, weißt du es nicht, muß ich es dir sagen? Es gab eine Zeit, Dore, da habe ich von dir gelernt. Sieh, ich scheue mich nicht, es dir zu sagen. Aber was ist nun mit dir geschehn? Meinst du, ich, dein Vater, der keine andere Sorge kennt, als die um dich, sähe nicht, wie du verändert bist? Auch bist du oft blaß und es scheint mir, als ob du geweint hast. Sprich zu mir, mein Kind.«
Und als Anne-Dore schwieg, fuhr er fort: