»Ich schließ auch dein Wohl heiß in meine Gebete ein. Gewiß, man soll niemanden zwingen, zum Tisch des Herrn zu gehn, seine Mahnungen und Warnungen sind so ernst, wie seine Verheißungen Seligkeit und Frieden verkünden. Wer unwürdig sein heiliges Blut trinkt und seinen Leib ißt, der ißt und trinkt sich selber das Gericht, sagt uns die Schrift. Aber Kind, das heißt etwas ganz anderes, als wir armen sündigen Menschen oft denken. Wer mit gläubigem Herzen hinzutritt, seine Sünde aufrichtig bereut und fest den Willen hat, sie in Zukunft nicht wieder zu begehen, der nimmt vom heiligen Kelch die Gewißheit mit, daß all seine Sünde vergeben ist, daß Gott versöhnt ist durch dies vergossene Blut seines Sohnes, das er uns gibt. — Was ist dir? Deine Hand zittert. Nicht wahr, meine Worte haben dich neu darin bestärkt, daß wir gemeinsam der höchsten Gabe bedürfen, die uns der Herr zurückgelassen hat?«
Anne-Dore nahm sich gewaltsam zusammen, sie sagte stockend und schwer, den Blick gesenkt und die Stirn von Traurigkeit gebeugt:
»Muß nicht ein jeder selbst wissen, Vater, wann es ihn treibt, zu gehn? Und wenn man zweifelt, ist es nicht besser, zu warten?«
»Nein, Kind, dann ist es Zeit zu eilen.«
Nun erst, da Anne-Dore auf ihrer Weigerung beharrte, empfand ihr Vater das ganze Gewicht seiner Betrübnis. Ihm vermischte sich, ohne daß er es wußte, seine Sorge um ihr irdisches Wohl mit der Furcht um ihr ewiges Heil. Nun war ihm, als sei auch ihr Leib in Gefahr, als gelte es nicht allein, ihre Seele zu retten. Eine jähe Angst befiel ihn und ein schmerzhaftes Gefühl seiner Ohnmacht. Er ließ ihre Hand fahren und schaute sie lange tieftraurig und voll Liebe an.
Als Anne-Dore ihre Blicke hob, sah sie in seinen Augen Tränen, die er zu verbergen trachtete. Sie liefen über seine Wangen in den grauen Bart und auf seine gefalteten Hände.
»Vater,« rief sie, sprang empor und legte ihre Arme um seinen Hals, »ich geh mit dir. Gewiß. Gewiß. Vergib mir, ich habe töricht gezweifelt. Ich weiß, daß keine Sünde zu groß ist, daß ich kommen darf, wie ich bin, daß er barmherzig ist, gut — daß er versteht — vergibt. — Vater, weine doch nicht.«
Sie trocknete ihm die Tränen mit ihrem Tuch und er ließ es geschehen, wie eine Wohltat, die er im Leben noch nie erfahren hatte. Und er sagte und wußte nicht, wie schön seine himmlische Sorge und Liebe in irdischem Licht erglänzte:
»Dich kann ich nicht verlieren, mein liebes Kind.«
Ich habe etwas gegen mein Gewissen getan, empfand Anne-Dore, als sie allein war. Nicht allein ihr Versprechen lag ihr im Sinn, sondern der Gedanke an ihren ohnmächtigen Widerwillen, als sie ihren Vater hatte weinen sehen. Sie erschrak vor der Erkenntnis, daß sie sich hätte abwenden können, von nichts erfaßt, als von einem Mitleid mit seiner Schwäche. Wo lagen die Gründe dafür, daß ihr das Ereignis im Grunde nur peinlich, und nichts als das, gewesen war? Sie fühlte klar und zuversichtlich, daß sie nichts mehr mit ihm und seiner Empfindungswelt zu schaffen hatte, daß sie im Grunde nie sein eigen gewesen war, und daß er sie ganz verloren hatte, wenn auch sein Sinn sich nun in neuer Gewißheit tröstete.