Wem gehören wir an in der Welt? dachte sie. Nur Oberflächliche suchen Halt und finden ihn im Glauben an Gemeinschaft. Jeder ist allein. Es stieg ihr bitter empor: die sich täuschen können, sind glücklich, die nicht beanspruchen, die sich begnügen, die wenig empfinden. Und sie dachte an Mark Enz, den sie mehr liebte als ihr Leben und als ihre Hoffnung, und nie hatte sie so schmerzhaft gewußt wie nun, daß auch er allein war, einsamer vielleicht, als ihr Herz bisher geahnt. Auch meine größte Liebe erhöht den Wert meiner Gaben nicht, die ich ihm darbringe, dachte sie bebend; über allen Wünschen, die uns unsere Liebe bringt, geht der Weg dahin, den Seelen zu ihrer seltenen Gemeinschaft finden. Nur Augenblicke gibt es, Augenblicke ... Sie preßte plötzlich in einem Aufwallen verwundeter Begierde und wie in einem wehen Drang nach Erkenntnis ihre Hände in den Schoß, brach nieder in ihre Knie und stammelte:

»Erlöse mich durch dein Blut von meinem, Herr Jesus.« —

Was war das für ein böses Gebet gewesen, das sie ausgestoßen hatte wie einen Schrei? Taumelnd erhob sie sich. Wie kam ich dazu, was trieb mich, was zerriß mich, welche Sehnsucht riß mich mit sich fort?

»Du bist allein, mein Liebster«, sagte sie leise. »Wer gibt dir deine Kraft? Du bist fröhlicher als die Menschen, die ich kenne, und trauriger, dein Herz führt dich Wege, die nicht einmal du selber kennst. Alles ist fremd an dir, alles liegt miteinander im Streit. Wohin gehst du? Sag es mir, denn ich möchte mit dir. Deine Reichtümer und deine Schulden sind zu schwer für meine Schultern, ich kann sie nicht ertragen. Was bist du für ein Mensch, daß ich dich immer und immer lieben muß und immer nur dich, und bin doch allein bei dir, wie du bei mir. Wenn ich dich betrachte in meinen armen Gedanken, verwirrt sich mein Sinn, aber wenn du zu mir sprichst, ist der Himmel weit und hell geöffnet, als gäbe es keinen Kampf, keinen Zweifel, keine Unrast, als gäbe es nur Harmonie und beständige Seligkeit. Warum hilfst du mir nicht? Ich kann dich nie verlieren, mein Geliebter.«

Sie erschrak. Solch letzte Worte hat auch ihr Vater gesprochen. Eben noch. — War es überall in der Welt dasselbe, sollte nichts gestillt, kein Glück vollkommen sein und keinem Drängen nach Gemeinschaft Erfüllung werden?

»Sprichst auch du solch schmerzhafte Worte, Liebster? Zu wem sprichst du sie?« fragte sie mit großen leeren Augen. »Nicht zu mir. Ach, sprächst du einmal so zu mir, littest du nur einmal um mich, ich würde dies Leid so überglücklich mit allem segnen, was ich habe, ich würde glauben, daß eine Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, daß ich dich halten kann.«

»Leb wohl«, sagte sie plötzlich fest und seltsam feierlich. »Ich gehe. Weißt du, wohin ich gehe? Ich will für den da sein, der um mich leidet. Für meinen Vater. Wenigstens einmal noch, und für den anderen, der mich ruft und der auch um mich gelitten hat. Vergib mir, ich komme wieder. Du wirst fühlen, daß du mich nicht mehr heilen kannst. Aber ich gehe, denn ich habe keine Sünde begangen, die nicht vergeben werden könnte, und ich werde künftig keine Sünde mehr tun. Es wird mich niemand strafen für mein Leid um dich, mein Liebster.«


Die Abenddämmerung trug still und warm die Klänge der Kirchenglocken von St. Nikolai über die Stadt und das Land. Es waren die großen Glocken nicht, die riefen, sondern nur kleine, wie sie beim Tode Armer geläutet werden, oder an Sonntagen in der ersten Frühe. — Die Welt umher lebte noch in jenen seltsam wachen und doch verlorenen Lauten, die nach heißen Tagen aufsteigen, wie von der nahenden Kühle getragen. Kinderstimmen, ein langer, fremdartiger Ruf, der Schrei eines müden Lasttiers oder der dumpfe Fall eines schweren Tors. — Die Geräusche flogen alle gesondert auf, wie vereinsamt, sammelten sich nicht mehr wie am Tage zum Geräusch des Treibens der Menschen, sondern ermahnten zur Rast und waren, als ob sie dem sinkenden Licht nacheilen wollten.

In der Nikolaikirche brannten vereinzelte Gasflammen, bei der Orgel, über dem Gestühl des Chors, und den Hauptgang entlang, der zum Hochaltar führte. Nur die Sakristei war erleuchtet, immer drei und drei brannten die leise singenden Flammen. Schlichte, dünne Eisenarme reckten sich an plumpen Leuchtern empor. Am Hochaltar blinkte das Marmorkreuz und der Leib des gekreuzigten Heilands schimmerte leidensbleich über den Prunk der silbernen Geräte hin in das dämmerige Kirchenschiff hinein. Es war kaum noch ein schüchterner Schein vom Tag hinter den hohen bunten Scheiben zu erkennen.