Ebenmäßig, grau und gerade hoben sich die Säulen der Seitengänge empor in die Dämmernacht, die unter der gewölbten Decke herrschte. Die Kanzel ruhte leblos, nur der breite Goldschnitt der Bibel, die dort auf ihrem niedrigen Holzpult lag, blinkte.

Im verengten Kirchenschiff, vor dem Hochaltar, waren rechts und links zwei Stuhlreihen in breiten Kurven aufgestellt. Die ersten Abendmahlsgäste versammelten sich, langsam und schwarz schritten sie bedächtig und bedrückt an ihre Plätze, sie schienen den Widerhall ihrer Schritte zu fürchten, der hohl, laut und wie von weither aus den toten Räumen der Kirche zurückkam. Hoch auf der Galerie bei der Orgel versammelten sich die Chorknaben, das grelle Schurren eines Stuhls und polternde Laute verrieten sie, die Wände schienen das Echo verdoppelt und verschärft zurückzuwerfen, und jeder Laut erhöhte, lang ausgedehnt, die bedrückende Allmacht der feierlichen Stille.

Pastor Jacoby hatte dies Abendmahl angesagt. Die Plätze waren bald besetzt, zur Rechten und zur Linken des Altars zwei mattbewegte schwarze Reihen; es wurden noch Stühle für neue Gäste hinaufgebracht, die Kirchendiener gingen auf den Fußspitzen, mit ernsten und wichtigen Mienen taten sie ihre Pflicht und schienen zu eilen, wenn sie die Sakristei wieder verließen.

Anne-Dore und ihr Vater hatten mit Friedberg schon zu den ersten gehört, die angekommen waren. Das Gesicht des jungen Mädchens war von einer so unbewegten und starren Blässe, daß es auffiel, und manche Blicke besorgt und in bewundernder Andacht darauf ruhten. Friedberg glaubte nie in seinem Leben etwas so Schönes gesehen zu haben, wie diese ruhigen, klaren Züge, deren Linien, wie die Linien des Marmors, unbeweglich und doch lebensvoll erschienen und so von geheimer Trauer verklärt waren, daß es vielen erschien, als ob ihr eigenes Leid gering sei.

Der Kandidat hatte mit großer Spannung darauf gewartet, ob Anne-Dore an dieser Feier teilnehmen würde oder nicht. Nun war ihre stille Hingabe ihm eine Bestätigung seiner liebsten Hoffnung, die ihn mit Glück und neuer Zuversicht füllte. Nun wußte er wieder, welchem Herrn sie im Grunde allein diente, jenem Friedensfürsten, der auch sein Gott war, dem Heiland der Welt, der alle Schuld der Menschen trug. Ein heimlicher Triumph weitete ihm die Seele, durchwärmte seine Andacht bis zu überschwenglicher Hingabe an die Sache dessen, der den Sieg behalten hatte. O, er hätte auf sie zutreten und ihre Hand drücken mögen; wenn doch eine Kraft auf Erden wäre, die ihm ihr Herzeleid aufbürden könnte, gern wäre er zu jedem Opfer willig und zu jeder Tat der Bruderliebe bereit gewesen.

Wie still und kühl war ihr Gesicht, verborgen und scheu suchten seine Blicke darin zu lesen. Er sah ihre geneigte Stirn und ihre gesenkten Augen halb von der Seite. Unter der Krone des überreichen schweren Haars und über dem schwarzen Kleid hob es sich ab, beinahe leuchtend ... Hatte Mark Enz wohl jemals diesen Mund geküßt, diesen Mund, der nun, wie auch der seine, den Leidenskelch des Heilands an seinen Lippen spüren sollte? Nie, nie! Wie konnte es möglich sein. »Maria war nicht reiner als du«, sagte er mit unhörbarem Flüstern und seine Sinne versanken ihm in andächtiger Scheu. —

Hell in die große Stille des Wartens hinein, siegreich und klar, ein himmlischer Glanz, brach hoch wie vom Himmel her der Knabenchor ein. Eine göttliche Erlösung, rein in seiner seligen Feier, beschwingt und erhebend. Er trug die Herzen aus der schwülen Bedrückung ihrer irdischen Niedrigkeit in Gottes Huld empor:

»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.«

Klein, vergänglich und arm war nun die Welt mit ihrer Trübsal; den Mühseligen stand der Himmel auf. In einer Gebärde unaussprechlicher Güte hob ein geliebter Engel den Kelch über alle Not, den Kelch, der das Blut des geschlachteten Lammes von Golgatha umschloß, die hohe Bürgschaft eines unvergänglichen Friedens.

Als Anne-Dore aufsah, stand Pastor Jacoby schwarz und stumm hart an der letzten oberen Stufe, die zum Altar führte. Sein schlichter Talar, der fast ganz ohne Falten bis auf seine Füße niedersank, machte seine Gestalt beinahe überschlank; vom gestickten Purpur der Altardecke hob sie sich ruhend und aufrecht ab, in diesem lieblosen Licht der Gasflammen, die den Schein der Altarkerzen verdrängten. Ihr Spiegelglanz warf sich vom Hochaltar auf die geneigten Gesichter der Andächtigen, überbleich erschienen sie, qualvoll entstellt, als wäre kein Opfer groß genug, um der himmlischen Gaben würdig zu werden, die sie erflehten.