Es war Anne-Dore, als sähe sie heute Pastor Jacoby nach langer Trennung zum erstenmal wieder. Unentwegt schaute sie ihn an, sie tauchte ihr Gesicht hinein in den Klang seiner Worte, als er nun sprach, in diesen Klang, der einst ihre Seele zu ihrer ersten Zuversicht erweckt hatte. Aber keine Erinnerung gewann Gestalt, ihre großen, ruhigen Augen suchten sein Gesicht, dies Angesicht, das sie einst bewundert und verehrt hatte, und das ihr nun so eigen vertraut erschien und doch so fern, so traurig weit entrückt, wie ihre versunkene Hoffnung.

Aber seine Stimme war ihr lieb. Unter diesem eindringlichen und traurig hellen Ton war ihr zumute, als schaute sie von einem heißen Weg, den ihr Fuß gehen mußte, zurück in das feierliche Tal ihrer Heimat, die sie verlassen hatte.

Aber zwischen heute und damals lag, wie ein einziges heißes, wildwogendes Chaos, die Zeit ihrer Kämpfe und ihres Wandels. Sie wußte darüber nichts mehr, es war, als ob die schwer geheilten Wunden ihre Seele unempfänglich gemacht hätten. Das alles konnte nie wieder kommen, o, es machte glücklich, das zu fühlen; welch böses Schicksal auch immer nahte, schlimmer konnte auf der Erde nichts mehr werden, als jene Zeit, in der zwei Mächte um sie gerungen hatten. Wie war es zuletzt gewesen? Als ob die Flügel ihrer Seele, die Jesu Blut verklärt hatte, in das rote warme Blut ihrer irdischen Liebesnot niedergetaucht wären.

Nun hörte sie wieder die feierlich flehende Stimme über sich:

»Denn der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte, brach's, und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desselbigen gleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl, und sprach: Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis.«

Sie lauschte mit Anstrengung, kämpfte matt um den Sinn der Worte, lächelte dann fein und übermüde und schloß die Augen, während der Geistliche seine kurze, ernste Ansprache begann, nach welcher die heilige Handlung vollzogen werden sollte.

Die Kirche schien wie erstorben. Es war so still, daß die Stimme des Predigers wie in einem Grabgewölbe erscholl; nur wenn er die langen Pausen machte, die er liebte, hörte man das Singen der Gasflammen und leise und nah das Atmen seines Nachbarn.

Aus ihrer Erstarrung befreite sich Anne-Dores Sinn noch einmal unter dem Christuswort:

»Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset, oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn — — denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht ... darum sind auch viel Kranke unter euch und ein guter Teil schlafen.«

»Isset und trinket, isset und trinket ...« klang es ihr nach, wie ein Echo, mit irgendeinem Lächeln, gütig, spöttisch, sehr traurig und wie durch ein Flimmern heißer Luft.