Dann war ihr plötzlich, als sähe sie Mark Enz langsam durch das dämmerige Kirchenschiff kommen. »Was willst du hier?« wollte sie fragen. Nein, er war es nicht. Doch — nun erkannte sie ihn deutlich, nun, da das Licht der Gasflammen ihn empfing und erst nur sein Gesicht, dann langsam seine Gestalt deutlich wurde. »Geh leise«, wollte sie rufen.

Plötzlich sprang er vor, nahm die Marmorstufen zur Sakristei mit einem Satz, vorgebeugt sprang er, die Arme ausgestreckt. Er ergriff die schwere, rote Altardecke mit sehniger Hand, schwang kreisend die Faust, so daß das dunkle Tuch, ein goldgestickter Schlangenleib, sich um seinen Arm wand, und riß den Purpur nieder, daß die heiligen Geräte mit Klingeln auf den Steinfliesen der Sakristei umhertanzten ...

Sie riß die Augen auf.

Die Stuhlreihe vor ihr war leer. Die ersten knieten schon am Altar, auf der niedrigen, gepolsterten Schemelbank, im Halbkreis, gebeugt, stumm, den Schein der Altarkerzen auf den Häuptern. Sie sah, wie Pastor Jacoby eine schlanke Silberkanne neigte und den Kelch mit Wein füllte. »Mit Blut«, dachte Anne-Dore. »Ihr alle dort seid würdig.«

Nun erhob sich ihr Vater. Allzubesorgt, die einfachen Regeln genau zu befolgen, schritt er langsam voran, hinter ihm Friedberg, und nun mußte auch sie aufstehn, um beiden zu folgen.

Friedberg ließ dem jungen Mädchen den Platz neben ihrem Vater, dann kniete er an ihrer Seite nieder, sie spürte seine Schulter an der ihren.

»Wie herzlich lieb hab ich dich gehabt, Herr Jesus«, dachte Anne-Dore. Sie sagte es flüsternd, mit kalten Lippen, neigte den Kopf und lauschte wie mit erstorbenen Sinnen, wartete in einer heißen, süßen Erregung, und war sich nicht klar darüber, worauf. Vielleicht war so der Augenblick, in dem man seinen Tod kommen fühlte. Eine geheime Gewalt begann plötzlich ihre Brust in weher Tiefe fein und grausam zu stoßen. Ihr war, als müßte sie ein aufsteigendes Lachen unterdrücken oder ein eigensinniges Weinen, das grundlos begann.

»Nehmet hin und esset«, hörte sie über sich. Sie sah, wie ihr Vater den Mund öffnete, wie eine welke, große Hand mit dicken Adern ihm eine weißliche Oblate zwischen die Lippen schob. Das war der alte Prediger Bunsen, der beim Abendmahl Hilfsdienste leistete. Dann kam er zu ihr und ihr geschah ein gleiches. — Oben sangen sie ohne Aufhör leise und fern, gedämpfte Stimmen, die wie aus dem Himmel herüberklangen und alles in Güte einhüllten.

Die Oblate blieb ihr am Gaumen kleben. Sie versuchte sie mit der Zunge zu lösen. Es ging nicht. Die alte zittrige Stimme und die unsichere Hand waren bei Friedberg.

Dann hörte sie zu ihrer Linken plötzlich die klaren Worte Pastor Jacobys: