»Nehmet hin und trinket alle daraus.« Oben setzte der Chor neu ein, schwermütig und klar.

Sie sah den silbernen Becher, eine Hand hielt den schlanken Stiel, die andere stützte den Kelch. Als er sich an den Mund ihres Vaters neigte, sah sie, daß er innen golden war. Er blinkte und blendete. Ihr Vater trank. Sein Gesicht war todtraurig und dabei ängstlich besorgt.

Nun stand Pastor Jacoby vor ihr.

»Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut ...«

Der harte, blanke Rand neigte sich gegen ihren Mund. Als sie das kühle Metall spürte, preßte sie plötzlich beide Lippen fest zusammen, fest, und die Zähne auch. Es rann kalt über ihre beiden geschlossenen Lippen, über ihr Kinn ... War denn Mark Enz nicht da, um ihr zu helfen? Sie spitzte fein den Mund ... nun kamen seine Lippen — — — suchten die ihren ...

»Küß mich — — küß mich, Herzliebster!«

In einem wilden feinen Schauern fuhren plötzlich ihre beiden Arme empor. Mit lautem trillerndem Schrei sprang sie auf und zurück, taumelte zwei, drei Schritte rückwärts, so daß es aussah, als flatterte erschreckt und verstört ein riesiger schwarzer Vogel auf, todwund, mit letzter Flügelkraft. Dann sank sie gerade, beinahe steif, hinten herüber und schlug mit einem dumpfen Knall auf die Steinfliesen. Die Kirche hallte noch wider von ihrem hellen Schrei und nun warfen die hohen Hallen einander dunkel das neue Echo zu. Dann wurde es langsam still, als habe der Tod es geboten.

Wie schön das war: gefaßt und ruhig stellte der junge Prediger den Kelch auf den Altar, raffte mit beherrschter Hand den langen schwarzen Talar, schritt die niedrige Steinstufe nieder und hob Anne-Dore in seine Arme. Schwer und mühsam trug er sie ohne ein Wort langsam in das kleine Kämmerchen hinter dem Altar.

Das Entsetzen der Abendmahlsgäste hatte sich in eine sinnlose Verwirrung aufgelöst. Der alte Pastor Bunsen rang ratlos die Hände und hob sie zum Kruzifix empor. Die Kirchendiener waren herangestolpert, aus den Gruppen der versprengten Andächtigen klang hier und da ein krampfhaftes bitterliches Schluchzen. Friedberg stützte mühsam den völlig fassungslosen alten Herrn Wendel, der kläglich entstellt und mit tastenden Armen hinter den Altar wankte.

Pastor Jacoby schickte den Kandidaten nach einem Wagen, er selber schritt nach kurzen Worten der Beruhigung an den Vater zurück zu der wartenden Schar. Er bat sie leise und traurig gefaßt, mit ihm zu beten. Die meisten knieten nieder, mehr aus Ergriffenheit und Schwäche als aus Andacht. Er entließ sie mit dem apostolischen Segen. Und während die Worte seines flehenden und doch zuversichtlichen Gebets die Herzen notdürftig beschwichtigten, kniete Missionar Wendel mit tränenlosem Schluchzen neben seinem Kind, völlig verstört, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können, nur immer wieder stammelnd: