Da hörte sie ihn qualvoll aufschluchzen, als würde seine Brust in einer Demut gebeugt, der sie trotzte. Er schlug seine Hände vor das blasse Gesicht und weinte, weinte laut und haltlos und ungestüm, wie ein verstörtes Kind.

»O, o,« rief sie zitternd, »doch, doch?« Sie richtete sich mühevoll auf, aber ganz hell im Gesicht vor Seligkeit und wie von geheiltem Gram. Sie nahm seine Hände von den Augen, zog sie nieder, und küßte die ersten Tränen, die sie je bei ihm gesehn, von seinem Gesicht, mit den letzten Küssen, die sie geben sollte.

Da hob er sie auf und bettete sie stark und gefaßt in ihre Decken, ruhig und so liebevoll, wie nur einer sein kann, dessen ganzer Stolz seine Einsamkeit ist. Es war, als schmiegte sie sich noch einmal in seine Hände. Ein Glanz reicher und ruhiger Freude lag in ihrem Gesicht, als habe aller Widerstreit ihrer Seele Erlösung gefunden, als hätten ihre Augen eine Zukunft geschaut, der auch sie gedient, als wüßte sie nun wohl, warum alles so und nicht anders hatte sein müssen: nun gehe ich gern zu meiner Ruhe, da ich es kann im Glauben an das, was ich geliebt habe.

Ob es eine letzte irdische Gewißheit war, die sie beglückte, oder ein erster Traum aus einem Land, in dessen Frieden alle Sehnsucht heilt; niemand hat auf der Erde ihren Kindersinn darum befragt, auch er nicht, der ihre Hände hielt, bis sie bleich in seinen schliefen, und ihren bebenden Druck nicht mehr erwidern konnten, wie einst den ersten.


Immer standen im Hause die Türen auf, es zog durch die offenen Fenster, eine blasse Ratlosigkeit herrschte überall. Die alltäglichsten Dinge nahmen eine seltsame Würde an und behaupteten sich gewichtig und in einem neuen Licht. Vielleicht lag es daran, daß seit Tagen alle Ordnung und die gewohnte sichere Lebensführung zerstört waren. Lotte fühlte sich tief bedrückt dadurch, daß niemand mehr ihre alten Pflichten von ihr verlangte, nur rasche, unerwartete, aufregende Handlungen forderte man, Dienste, die nicht beachtet wurden. Sie hatte das Bedürfnis, diese offene Tür zu benutzen, um zu flüchten, fort aus diesen Räumen, deren Öde von Verfall sprach. Wäre nur alles erst vorüber, dachte sie, alles.

Denn daß es sich zum besten wenden möchte, daran glaubte niemand mehr, nur der Sanitätsrat sagte es, und die andern wiederholten es. Gott, was ließ sich nicht alles mit Worten wiederholen. — Die Herzen schwiegen und warteten. Irgendwo schlich eine Freude in den Winkeln umher, eine widerwärtige Freude, etwas wie ein hämischer Triumph. Er war hinter einem, gebar lüsterne Gedanken und schuf ein Lebensbewußtsein, das man verachten mußte. Das drohende Etwas im Hause galt Anne-Dore, die andern blieben verschont, konnten in den sonnigen Garten gehn, wenn sie wollten, über die Straße, in die laute Stadt, wohin sie mochten. Und morgen auch noch, o, noch lange. Es kicherte in der Luft, machte das warme Blut des Körpers auf ganz neue Art fühlbar, rückte den großen Schmerz beiseit, wie eine schwere, niederströmende Wolke wurde er, die man in sicherer Behausung vorüberziehen sah. Erst der Gedanke an die Erinnerung, die man an ihm haben mochte, lockte die Tränen.

Frau Wendel kam nicht. Lotte mußte an jeden Zug, der sie irgend bringen konnte. Es war noch nicht einmal Nachricht von ihr angekommen, und man fürchtete ernstlich, daß die Botschaft Unheil angerichtet hätte. Aber sie hatte dringend sein müssen, weil sie erst im letzten Augenblick abgegangen war, immer noch war Hoffnung geblieben, die Mutter ganz verschonen zu können. —

Missionar Wendel rang einsam in seinem Zimmer auf den Knien mit seinem Gott. »Erhalte mein Kind,« betete er, »du bist getreu, der uns nicht läßt versuchen über unser Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß wir's können ertragen.« Und er fügte stotternd und im Fieber seiner furchtbaren Angst ein trostreiches Bibelwort an das andere. Aber das in mühseliger Ergebung in so vielen Jahren errichtete Gebäude seiner Glaubenszuversicht stürzte unter dem kalten Angesicht der Todesfurcht zusammen, die ihn schüttelte. Sein gemartertes Herz verwirrte ihm jeden Gedanken und mitten in die zerfahrene Inbrunst eines gestammelten Gebetes hinein schrie der alte Mann laut:

»Anne-Dore, mein Kind, mein einziges Kind, das ich hab. Ich hab sonst nichts.«