Und dann kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er ihr einst verboten hatte, ihre Zöpfe noch zu tragen, damals, als Friedberg ins Haus genommen wurde. Das war ihr sicher ein Kummer gewesen, sie hatte gewißlich heimlich Freude daran gehabt und er hatte sie ihr verdorben. Auch hatte sie nie so schöne Kleider besessen wie die vornehmen Damen beim Tennisspiel, und konnte deren Freude niemals teilen. Aber wieviel gab es nicht, das er ihr hätte als Ersatz bieten können, und es war unterblieben; wie unachtsam war seine Liebe gewesen. Diese kleinen Dinge ihres alltäglichen Zusammenlebens! Sie drängten sich vor und marterten ihn; die schweren bösen Ereignisse, seine letzte bittere Erfahrung schienen ihm gering dagegen, nichts als eine Gelegenheit, vergeben zu können. Heimlich dankte er ihr fast für jede Schuld, die sie begangen hatte, als ruhte darin ein Schein von Trost für ihn und seine geringe Liebe. Wenn nur das Schreckliche vorüberzog, das sein Haus bedrohte.

Grausam zertrümmerte ihm das Gespenst des nahenden Todes alle stillen Altäre seines Glaubens, die ihn in gelassener Zeit so oft mit Trost und Segen bedacht hatten. Lautlos zerbarsten sie im Odem der Nacht, die heraufzog, deren Gewalt sein Leben noch nicht in der eigenen Seele erfahren hatte.

Nun wünschte er sich, seine Gattin wäre da. Ihr ruhiges Gottvertrauen, ihre unerschütterliche Kraft, sich dem Willen des Allmächtigen zu fügen, würde auch ihm Halt gegeben haben. Aber dann war ihm plötzlich, als habe er im Grunde nie mit ihr geteilt, auch seine Liebe zu Anne-Dore nicht, als sei sie ganz anders wie er, nicht gläubiger und nicht stärker, sondern armseliger. Es stieg etwas wie eine Verachtung gegen sie in seinem Herzen auf und der Wunsch, seine Schmerzen mit ihr zu teilen, war nicht mehr da. Zerfiel denn alles? Welch eine Kraft war in seinen Wandel eingebrochen? Ihm war, als schaute er auf eine endlose Kette von Täuschungen zurück und er fühlte sich grenzenlos verlassen, bis aus diesem Gram, im kurzen Sonnenschein seiner verlorenen Jugend, das Bild seiner toten Mutter stieg. Er hatte sie längst vergessen, als wäre ihre Treue nie sein Eigentum gewesen, und ganz plötzlich, als ein grimmiger und süßer Kummer, wurde ihm klar: auch du hast keine Mutter gehabt, meine Anne-Dore. Nur mich hast du gehabt, aber was bin ich dir gewesen?

Und ihn, den Fremden, hatte sie gehabt, der sie betrogen und gar verlassen hatte, den mußte sie sehr, o, von Herzen geliebt haben. Er hatte ihren Tod verschuldet und doch rief sie ihn an ihr Leidensbett. Haßte er denn diesen Fremden? Nein, es war kein Haß, es war eine Scheu, ein Graun. Wie konnte ein Mensch den Reichtum solcher Liebe, wie sein Kind sie gab, ertragen, wie konnte er verantworten, ihn zu verachten, wie konnte er ihn missen, diesen Reichtum? War jener stark und reich, segnete ihn dies wunderbare und unverständliche Leben? — Er wußte es nicht. Er empfand nur, daß er selber bitterlich arm war, weil er nie das Vertrauen seines Kindes besessen hatte, nie in ihre Seele geschaut, nie ihr Weh und ihre Lust geteilt hatte. War er denn am Leben vorübergegangen in all seinen langen Jahren? Unter seinen Tränen erstarrten ihm die müden Augen und er sah, wie eine Vision ferner Regionen des Seins, die Gestalt des jungen Fremden sein Haus betreten, bleich und hastig, eine böse Gelassenheit im Gesicht, sicher, als gäbe es kein Recht für ihn, dessen Pflichten er nicht erfüllt hätte. Und dann war er kurz darauf fortgegangen, ohne ein Wort für ihn oder die anderen, ungebeugt, und doch ging eine Traurigkeit von ihm aus, die keine Vernunft fassen konnte. Und er ließ sein Kind liegen und sterben und ging, um sein Leben zu leben....

»Gott, Gott, sei du sein barmherziger Richter«, stöhnte der alte Mann.

Stürme von Hoffnungslosigkeit wechselten mit einer leeren Ruhe, in der kleine, törichte Gedanken kamen und ihn zu verspotten schienen. Da hob der gequälte Mann den segnenden Christus von seinem Wandbrett, umklammerte die tönerne Figur mit seinen großen, zitternden Händen und ließ in verwirrten Gebeten seine Tränen auf diesen unberührbaren Scheitel tropfen. Aber die Hoheit der machtvollen Liebesworte, die dieser Mann der Menschheit gesagt hatte, wurden ihm von Schmerz und Not in dieser Stunde in hohle Phrasen verwandelt. Eine endlose Öde der Bekümmernis gähnte den Betenden aus der Zukunft her an, ein Weg, leer an Liebe und Glück, bis zum Abschluß seines armen Lebens. Da preßte sich aus seinem ringenden Leib, von der schwer atmenden Brust gestoßen, der erste Fluch über seine Lippen, den er im Leben ausgestoßen hatte. Er hob die Faust gegen das Heilandsbild und sank gebrochen und von kaltem Fieber geschüttelt auf den bunten Strohteppich seines Zimmers. Aber keins seiner Gebete und kein Fluch, der seinem Munde entfahren war, bewirkten, daß auch nur ein Schein von Linderung die Züge seines sterbenden Kindes glättete. —

Es war am Mittag desselben Tages, da erlitt Anne-Dore ihren schweren Tod. Niemand war bei ihr, als ihre Nacht heraufzog. Die Stimmen der Ihren an ihrem Bett reichten nicht mehr zu ihr, an die Ufer des finsteren Reichs hinüber, das schweigend seine Schatten um ihr beschlossenes Dasein legte.

Sie starb ohne Bewußtsein, in furchtbarem Ringen um ihre letzten Atemzüge, man mußte sie im Bett halten, und ihre Brust keuchte noch, nachdem schon lange ihre Augen erloschen schienen. Zuletzt wollte sie sich noch einmal aufrichten, es war, als ließe das schwere Haar es nicht zu, so hoben sich nur ihre Arme, und vor ihnen und höher als sie, die schmalen Hände, deren Tasten schwach und schaurig war. Ihre großen leeren Augen suchten über ihr. Man öffnete die Fenster und ließ das volle Tageslicht in den Raum, den Glanz des strahlenden Mittags, der die erfüllte Erde sommerlich beglückte.

Da kam ein schmerzvolles Lächeln in das verlöschende Licht ihrer Züge. Sie schloß die Augen. Es sank rot und schimmernd auf ihren letzten irdischen Traum. Ein gewaltiges Meer von Rosen brauste leuchtend heran, im Klingen eines Lichts, das über die Erde zog. Es überwältigte in betäubend bitterer Allmacht und begrub ihre kurze Jugend und brauste fort.

An ihrem Sterbelager betete ihr Vater, lallend, und von Schluchzen überwunden: